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Drei Generationen auf einem Bett: Wie Textilarbeiterinnen in Dhaka leben

Ihr genaues Alter kennt Mariam nicht. „Ungefähr 20“, schätzt sie und sieht doch jünger aus. Vor zwei Jahren kam sie aus dem Süden von Bangladesch in die Hauptstadt Dhaka und lebt mit ihrer Tante in einer Wohnung im Slum. Seit anderthalb Jahren näht Mariam in einer Textilfabrik Etiketten ein. Mit ihrem Verdienst unterstützt sie die Eltern auf dem Dorf und vier jüngere Geschwister. „Arbeit gibt es auf dem Land nicht“, sagt Mariam.

Dhaka (csr-news) – Ihr genaues Alter kennt Mariam nicht. „Ungefähr 20“, schätzt sie und sieht doch jünger aus. Vor zwei Jahren kam sie aus dem Süden von Bangladesch in die Hauptstadt Dhaka und lebt mit ihrer Tante in einer Wohnung im Slum. Seit anderthalb Jahren näht Mariam in einer Textilfabrik Etiketten ein. Mit ihrem Verdienst unterstützt sie die Eltern auf dem Dorf und vier jüngere Geschwister. „Arbeit gibt es auf dem Land nicht“, sagt Mariam.

In Dhaka hält der Zuzug von arbeitsuchenden Menschen an. Viele haben wie Mariam eine Anstellung in einer Textilfabrik gefunden. Mariam arbeitet an sechs Tagen im Durchschnitt zehn Stunden und erhält dafür einen Grundlohn von 3.650 Taka, umgerechnet 35 Euro. Gut, dass es Überstunden gibt, die über acht Stunden hinausgehende Arbeitszeit. Bis zu vier pro Tag sind erlaubt, Mariam erzielt dadurch einen monatlichen Zusatzslohn von 1.500 bis 2.000 Taka. Reicht das für den eigenen Unterhalt und die Familie Zuhause? „Es ist hart“, sagt Mariam. Gerne würde sie wieder auf dem Dorf leben.

Mili ist 18 Jahre alt und hat seit ihrem Einstieg in die Textilindustrie vor einem Jahr bereits eine kleine Karriere gemacht. Begonnen hat sie als Helferin, seit wenigen Tagen arbeitet Mili als „Operator“ und ist für eine eigene Nähmaschine verantwortlich. Dafür gibt es 4.500 Taga, mit Überstundenzuschlag 6.000 Taka (etwa 58 Euro). Mili lebt bei ihrem Bruder, der ebenfalls in der Textilindustrie tätig ist. „Ich arbeite hart, weil ich es später einmal besser haben will“, sagt sie. Die Schule besuchte sie fünf Jahre lang, jetzt will Mili beruflich vorankommen und „wenn Allah es fügt“ einmal heiraten.

Die 20-jährige Nazma ist als einzige von den drei jungen Frauen in Dhaka geboren und lebt bei ihren Eltern. „Ich mag meine Arbeit“, sagt sie. Wenn sie krank ist, kann sie sich von dem in ihrer Fabrik angestellten Arzt untersuchen lassen und erhält Medikamente. Und als einzige von den dreien besitzt sie ein Handy. Wie gestalten die jungen Frauen ihre knappe Freizeit? „Wir treffen uns und manchmal besuchen wir schöne Plätze in der Stadt“, sagt Nazma.

10-jährige Mädchen arbeiten in Textilfabriken

Und sie besuchen einen Treffpunkt des Duaripara Family Development Project der Evangelischen Kirche von Bangladesch. Die jungen Textilarbeiterinnen erhalten dort einen lebenspraktischen Unterricht: Sie lernen Hygieneregeln wie das Wasserkochen und wie sie sich gegen häusliche Gewalt wehren können. Das Zentrum liegt zwischen zwei Slumgebieten und widmet sich zudem der schulischen Bildung von Kindern. Wer nur eine öffentliche Schule besucht, lernt viel zu wenig für eine spätere Berufsausbildung. Deshalb besorgt jede Familie, die es sich leisten kann, ihren Söhnen und Töchtern Zusatzunterricht. Die Slumbewohner können sich das nicht leisten – weshalb Duaripara mit einem Unterrichtsangebot in die Bresche springt.

126 Kinder besuchen den „Homework Club“, aber nicht alle schließen das Programm ab. „In den letzten Jahre haben wir jeweils 18 bis 20 Mädchen an die Textilindustrie verloren“, berichtet Projektleiterin Angela Mondol. Die seien zwischen zehn und zwölf Jahren alt gewesen, manche besuchen das Familienprojekt jetzt noch nach der Arbeit. Angesichts der wirtschaftlichen Not Zuhause kann Angela Mondol diesen Schritt verstehen, aber er raubt den Kindern ihre Zukunft. Die Zahl der Kinder, die ihre Schule wegen der Arbeit in der Textilindustrie beendet, habe zuletzt leicht abgenommen.

Eine Slumwohnung kostet 1.200 Taka

Vom „Homework Club“ führen viele kleine Wege in die Slums, auf denen es an Fliegen wimmelt. Sie sind unbefestigt und hügelig und Abwasser fließt an der Seite entlang. Dort, wo eine Stromleitung das Gebiet kreuzt, leitet ein Wirrwarr von Kabeln die Energie in die umliegenden Häuser ab. Illegal ist das und gefährlich, wie auch die Entnahme von Oberflächenwasser aus den selbstgebauten Brunnen. Die Menschen hier leiden unter Typhus und anderen Krankheiten, die auf die schlechten hygienischen Bedingungen zurückzuführen sind. Jeweils neun Familien teilen sich eine Toilette.

Hier reiht sich Hütte an Hütte: Einraumwohnungen mit Ziegelstein- oder Wellblechwänden und Blechdächern. Auf zwölf Quadratmetern leben manchmal drei Generationen zusammen – gekocht wird vor der Hütte. Alle teilen sich ein großes Bett, die Habseligkeiten hängen in Säcken unter der Decke, an der Wand lehnt ein alter Fernseher. Die Männer verdienen ihr Geld mit der Fahrradrikscha und können so 500 Taka (5 Euro) am Tag zusammenbringen, von denen sie einen Teil an den Eigentümer der Fahrzeuge abgeben müssen. Wenn die Frauen nicht in der Textilindustrie beschäftigt sind, arbeiten sie zumeist als Hausangestellte. Mit 3.000 Taka ist der Lohn dort schlechter als in den Fabriken.

Foto (von links): Nazma, Mili und Mariam