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Grüner „Bauernschreck“ im Ministeramt: Christian Meyer will in Niedersachsen die Agrarwende anpacken

Es sind kaum 50 Meter Luftlinie vom Landtag in Hannover bis zum Landwirtschaftsministerium. Aber wenn Christian Meyer am Dienstagnachmittag nach seiner Vereidigung diesen Weg geht, bedeutet dies eine Zeitenwende in Niedersachsen: Der Landtagabgeordnete Meyer, von der Agrarlobby in der Vergangenheit als „Bauernschreck“ und „Phantast“ abgestempelt, ist dann der erste grüne Landwirtschaftsminister im größten Agrarland der Republik.

Von Josef Harnischmacher

Hannover (afp) – Es sind kaum 50 Meter Luftlinie vom Landtag in Hannover bis zum Landwirtschaftsministerium. Aber wenn Christian Meyer am Dienstagnachmittag nach seiner Vereidigung diesen Weg geht, bedeutet dies eine Zeitenwende in Niedersachsen: Der Landtagabgeordnete Meyer, von der Agrarlobby in der Vergangenheit als „Bauernschreck“ und „Phantast“ abgestempelt, ist dann der erste grüne Landwirtschaftsminister im größten Agrarland der Republik.

Grüne Landwirtschaftsminister gibt es bereits in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Aber die Wahl des 37-jährigen Meyer ist dennoch eine Zäsur. In keinem anderen Bundesland sind die Ställe größer, sind der Maisanteil auf den Feldern und die Zahl der Biogasanlagen höher. Die Region Weser-Ems heißt im Volksmund auch der deutsche Fleischtopf, hier herrscht Vollbeschäftigung.

Die Grünen sind die einzige Partei, die seit Jahren gegen immer größere Stallanlagen und Privilegien für die Bauern Front macht. Meyer selbst pilgerte im Landtagswahlkampf wie kaum ein anderer übers platte Land und beschrieb immer wieder die tierquälerischen Folgen der Massentierhaltung. Mit Erfolg. In Umfragen erreichten die Grünen schon vor der Landtagswahl am 20. Januar für den Bereich Landwirtschaft höhere Kompetenzwerte als die CDU. Und die knappe rot-grüne Mehrheit im Landtag ist vor allem dem Rekordergebnis der Grünen geschuldet. „Es hat sich was gedreht im ländlichen Raum“, sagt Meyer.

Der Diplomsozialwirt und Junggeselle ist bekennender Provinzler aus Holzminden, wenn auch ohne landwirtschaftlichen familiären Hintergrund: „Aber mein Kinderzimmer lag Wand an Wand mit dem Kuhstall des benachbarten Landwirts.“ In den vergangenen Jahren aber lag er vor allem mit großem Eifer im Streit mit der Agrarindustrie und dem Bauernverband, der in Niedersachsen Landvolk heißt.

Meyer spricht sich für eine Rückkehr zur bäuerlichen Landwirtschaft aus und fordert Auflagen und Entzug der Förderung für Konzerne und Großbauern. Der Grünen-Politiker ist rauflustig und fast immer lustvoll am Werk, er geht mit seiner Unruhe sogar vielen Parteifreunden auf die Nerven. Aber er beeindruckt mit seinem Fachwissen sogar die politische Konkurrenz.

Das eignete er sich nicht erst als agrarpolitischer Sprecher der Grünen in den ersten fünf Parlamentsjahren seit 2008 an. Zuvor war er Mitarbeiter der grünen Europaabgeordneten Hiltrud Breyer für Klimaschutz und Umwelt, danach fünf Jahre Geschäftsführer des Fördervereins Ökologische Steuerreform. Und natürlich ist er für die Grünen zuhause im Landkreis Holzminden in diversen Gremien bis hin zum Kreistag aktiv.

Mit dem ebenfalls grünen Umweltminister Stefan Wenzel will Meyer nun die Agrarwende nicht nur predigen, sondern sie auf dem Umweg über die in der Landwirtschaft alltäglichen Subventionen auch anpacken. Es wird ein Güllekataster geben, weil die Nitratbelastung des Trinkwassers in den stark landwirtschaftlich genutzten Regionen steigt. Auf die Finger schauen will der neue Minister den Bauern auch beim Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung.

Und soweit das Land darauf Einfluss nehmen kann, will Meyer versuchen, den Trend zu immer größeren Ställen mit Tausenden von Rindern und Schweinen und über hunderttausend Stück Geflügel zu stoppen. Im Gegenzug soll die ökologische Landwirtschaft wachsen, die ausgerechnet im Agrarland Nummer Eins bislang schwächelt. Die Agrarbranche soll, so seine Versicherung, weiter wachsen: „Aber das muss über höhere Preise durch bessere Qualität passieren und nicht durch immer mehr Masse.“

Seinen eigenen Fleischkonsum hat er zwar eingeschränkt, aber „natürlich“ isst er weiter Schweine- und Rindfleisch. Und dann gibt es noch eine kleine Verbeugung vor den Milchbauern: Zuhause kocht er leidenschaftlich gerne Aufläufe: „Und da ist am Ende immer viel Sahne drin.“