Nachrichten

Überschüssige Lebensmittel für Bedürftige: Vor 20 Jahren gründete sich die erste deutsche Tafel

„Die älteren Menschen sind früher nicht gekommen – aus Scham. Das hat sich geändert“, sagt Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel, anlässlich des Gründungsjubiläums der ersten Berliner Tafel an diesem Freitag vor 20 Jahren. Belieferten die ersten Tafeln zunächst Suppenküchen mit gespendeten überschüssigen Lebensmitteln, liegt der Schwerpunkt heute auf der Verteilung in Ausgabestellen, wo sich Bedürftige die Spenden für einen kleinen symbolischen Obolus abholen.

Von Sebastian Bronst

Hamburg (afp) – Die Geschichte der Tafeln in Deutschland ist auch eine Geschichte über das sich wandelnde Gesicht der Armut in einem reichen Land. Was im 1993 in Berlin mit der Ausgabe von Nahrungsmitteln an Obdachlose begann, hat sich inzwischen zu einer Bewegung entwickelt, die regelmäßig 1,5 Millionen Menschen versorgt. Darunter sind alleinerziehende Berufstätige mit Kindern, Geringverdiener und zunehmend auch finanziell bedürftige Rentner.

„Die älteren Menschen sind früher nicht gekommen – aus Scham. Das hat sich geändert“, sagt Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel, anlässlich des Gründungsjubiläums der ersten Berliner Tafel an diesem Freitag vor 20 Jahren. Belieferten die ersten Tafeln zunächst Suppenküchen mit gespendeten überschüssigen Lebensmitteln, liegt der Schwerpunkt heute auf der Verteilung in Ausgabestellen, wo sich Bedürftige die Spenden für einen kleinen symbolischen Obolus abholen. Daneben beliefern sie jedoch weiterhin auch viele soziale Einrichtungen. Bundesweit gibt es inzwischen schon mehr als 900 Tafeln.

„Was ebenfalls relativ neu ist, sind Menschen in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen“, berichtet Häuser, ein Ex-Bundestagsabgeordneter, der seit 2011 dabei ist. „Das sind der Taxifahrer auf dem Land in mageren Zeiten, die Floristin, die Berufstätige, die sehr wenig verdient. Das gab es früher nicht.“

Es war der 22. Februar 1993, als die Initiative Berliner Frauen ihre Idee einer Tafel bei einer Pressekonferenz vorstellte. Das Datum gilt seitdem als Geburtsstunde der Bewegung in Deutschland. Auslöser für die Gründung war ein erschütternder Vortrag der Sozialsenatorin, der die Frauen aufrüttelte. Eine von ihnen hatte in New York die City-Harvest-Organisation kennengelernt, die dort überschüssiges Lebensmittel verteilt. So kam die Idee nach Deutschland.

Die Initiative fand schnell Nachahmer, vielerorts gründeten sich weitere Tafeln. Nach Jahren der Improvisation professionalisierte sich deren Arbeit nach und nach. Zu den Unterstützern gehören örtliche Bäckereien ebenso wie große Konzerne. „Fast alle namhaften Lebensmittelhändler arbeiten heute mit uns zusammen“, sagt Häuser. Spender kommen meist von allein, Werbung ist unnötig.

Auch von staatlicher Förderung halten die Tafeln nichts. „Wir wollen nicht abhängig sein von staatlicher Politik“, betont Häuser. Im Übrigen legen die Initiativen Wert darauf, dass sie nicht dazu da seien, den Staat von seinen sozialen Verpflichtungen zu entbinden. „Wir sind nicht für die Daseinsfürsorge zuständig“, sagt Häuser. Das ist ein Kritikpunkt, dem sich die Tafeln bisweilen ausgesetzt sehen: Sie trügen mit ihrer Arbeit dazu bei, mangelhafte staatliche Hilfsleistungen zu kaschieren und Veränderungsdruck von der Politik zu nehmen.

Das Grundprinzip der Tafeln ist es, überschüssige Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs aus dem Handelskreislauf abzufangen und dorthin zu lenken, wo diese gebraucht werden. Es geht um Bestände mit nahendem Haltbarkeitsdatum oder um falsch etikettierte Ware. Alles einwandfreie Produkte, die jedoch als unverkäuflich gelten und ansonsten vernichtet werden würden.

Ihre Arbeit sehen die Tafeln deshalb auch als Ausdruck eines weitergehenden gesellschaftlichen und umweltpolitischen Bewusstseins, das den Gedanken der Nachhaltigkeit fördert. „Es geht um das Problem der Lebensmittelverschwendung“, sagt Häuser. Die Tafeln hätten Anteil daran, dass dies zunehmend erkannt werde.

Zum 20. Jubiläum plagen die Tafeln aber auch Sorgen. Wie in vielen Verbänden droht eine Überalterung der Mitstreiter. „Wir wünschen uns mehr junge Leute“, sagt Häuser. Auch steigt die Zahl der Bedürftigen in manchen Gegenden schneller als die Menge der Spenden – und das ist für Häuser ein beunruhigendes Zeichen: „Es gibt 15 Millionen von Armut betroffene Menschen in unserem Land. Die könnten wir mit dem gegenwärtigen Spendenaufkommen nicht alle unterstützen.“