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Mit SeitenWechsel das Bewusstsein für Diversity fördern

Seit 1994 gibt es in der Schweiz das auch in Deutschland bekannte Programm „SeitenWechsel“, bei dem Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Verwaltung für eine Woche in einer sozialen Institution tätig werden. CSR NEWS sprach mit der Programmleiterin von SeitenWechsel, Jacqueline Schärli, über die Erfahrungen aus den bald 20 Jahren.

Zürich (csr-news) – Seit 1994 gibt es in der Schweiz das Programm „SeitenWechsel“, bei dem Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Verwaltung für eine Woche in einer sozialen Institution tätig werden. CSR NEWS sprach mit der Programmleiterin von SeitenWechsel, Jacqueline Schärli, über die Erfahrungen aus den bald 20 Jahren. Die Fragen stellte Achim Halfmann.

CSR NEWS: Warum sollte sich ein Mitarbeiter dem SeitenWechsel stellen – und warum sollte sein Arbeitgeber das fördern?

Jacqueline Schärli: Fünf Tage in der Behindertenwerkstatt oder in der Suchtklinik oder im Gefängnis mitzuarbeiten, kostet manche viel Mut. Dafür bekommt der SeitenWechsler viel zurück: Neue Werkzeuge für die schwierigsten Führungsansprüche überhaupt, nämlich für die Kommunikation und den Umgang mit anderen. Muss man z.B. eine Woche lang eine Gruppe von „schwierigen“ Jugendlichen motivieren, den Abwasch im Wohnheim zu machen, lernt man viel über Führen ohne finanzielle Anreize. Und wer sich mit Behinderten unterhalten muss, die nicht sprechen können (die einen dafür aber vielleicht anfassen), lernt neue Kommunikationstools. Wir erleben in den Auswertungsworkshops immer wieder, dass SeitenWechsler mit ganz neuen Ideen für ihre Teams zurückkommen. Unsere Studien zeigen denn auch, dass 88 Prozent der Befragten den Nutzen als sehr hoch bewerten.

Die 4100 SeitenWechsler, die sich seit 1994 schon getraut haben, stammen aus so namhaften Unternehmen wie Alstom, Post, Swisscom und UBS, in Deutschland (wo wir SeitenWechsel ebenfalls anbieten) aus Airbus, Axel Springer, BMW oder Otto Group. Was bringt SeitenWechsel diesen Unternehmen, abgesehen von Imageförderung? Ein Unternehmen, dessen Grundhaltung soziale Verantwortung, neudeutsch Corporate Social Responsibility, beinhaltet, sieht in SeitenWechsel eine mögliche Form der Managemententwicklung. SeitenWechsel fördert Loyalität und Motivation der Mitarbeitenden sowie das Bewusstsein für Diversity.

Seit 1994 führt die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft SGG das Programm SeitenWechsel durch. Was haben Sie in diesen Jahren darüber gelernt, was die Erfolgskriterien für einen solchen Perspektivenwechsel sind?

Ein SeitenWechsel bringt dann den grössten Effekt, wenn er eine klare Zielsetzung hat und der Transfer des Gelernten in den Arbeitsalltag sorgfältig begleitet wird. Die Geschäftsleitung eines Unternehmens soll klare Aufträge und Erwartungen an den SeitenWechsel haben.

Welche überraschenden Einsatzorte oder Erfahrungen gab es in den zurückliegenden Jahren?

Die Auswertungsworkshops sind Fundgruben von Erfahrungen. Einmal erzählte uns ein Kundenberater, wie er das Problem gelöst hatte, in einer Gassenküche mit einem abgebauten Alkoholiker 10 Kilo Kartoffeln zu schälen: Der Alkoholiker verbat sich empört das Nachschälen seiner, gelinde gesagt nachlässig geschälten Kartoffeln durch den SeitenWechsler. Der Kundenberater sagte, er habe Blut und Wasser geschwitzt beim Versuch, erstens sauber geschälte 10 Kilo Kartoffeln abzuliefern und zweitens den Alkoholiker das Gesicht wahren zu lassen. Er habe sich sehr an seine Arbeit mit Kunden erinnert gefühlt. Seine Lösung war genial: Er richtete eine Produktionskette ein; zuerst schälte der Alkoholiker, dann machte der Kundenberater den Finish. Als Symbol für dieses gefundene Fingerspitzengefühl liegt seither ein Kartoffelschäler auf dem Arbeitsplatz des SeitenWechslers.

Manchmal ergeben sich sogar Synergieeffekte, die nicht voraussehbar sind: So war 2004 eine Personalleiterin von Manor Basel von ihrem SeitenWechsel im Luzerner Frauenhaus so beeindruckt, dass sie mit ihrer Marketingabteilung danach Papiertragtaschen drucken liess mit dem Slogan „Häusliche Gewalt kommt bei uns nicht in die Tüte“.Die Aktion stiess auf nationales Interesse und war sogar in den Grenzgebieten in Frankreich und Deutschland in den Medien – Corporate Social Responsibility dank SeitenWechsel at its best.

Wie fügt sich der SeitenWechsel in das CSR-Konzept eines Unternehmens ein?

Je nach Konzept ergeben sich unterschiedliche Effekte. Oft werden die SeitenWechsel-Erlebnisse als Ansporn zu stärkerem sozialem Engagement der Mitarbeitenden eines Unternehmens genutzt. Die Mitarbeitenden werden für soziale Themen sensibilisiert. Als einzigartige Kombination von Persönlichkeitsentwicklung und sozialem Engagement ist SeitenWechsel eine Art „Auslandaufenthalt“ im Inland: Sehen, wie es andere machen, die eigenen Grundsätze überprüfen, neue Anregungen holen und vor allem: ins kalte Wasser springen. SeitenWechsler bringen als „Nebenwirkung“ oft die Erkenntnis mit, dass die eigene Situation, der eigene Arbeitsplatz privilegiert sei.

Vielen Dank!

SeitenWechsel in der Schweiz: www.seitenwechsel.ch
und in Deutschland: www.seitenwechsel.com

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