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Mitgestalten erwünscht

Die Richtlinien der Finanzberichterstattung sind seit Jahrzehnten gewachsen, Standards etabliert. Anders ist das bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dort gilt: Mitgestalten erwünscht! Aus diesem Grund entwickelte die Global Reporting Initiative den G4-Leitfaden gemeinsamen mit ihren Stakeholdern.

Hamburg (csr-service) – Haben Sie schon einmal Ihre Meinung zu Änderungen im Aktiengesetz kundgetan? Oder versucht, einen Vorschlag für die grundlegende Neugestaltung der Gewinn und Verlustrechnung zu machen? Nicht? Verständlich! Die Richtlinien der Finanzberichterstattung sind seit Jahrzehnten gewachsen, Standards etabliert. Anders ist das bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Von Anke Döbler und Sonja Klein

Diese steckt – relativ betrachtet – noch in den Kinderschuhen. Mitreden und mitgestalten ist ausdrücklich erwünscht. Seit 1997 gibt es die Global Reporting Initiative (GRI), eine gemeinnützige Stiftung, die sich das Ziel gesetzt hat, Transparenz und Vergleichbarkeit in die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu bringen und das Reporting genauso selbstverständlich zu machen wie die Finanzberichterstattung. Heute berichten fast 2.000 Unternehmen nach G3 – der mittlerweile dritten Richtlinie. Diese umfasst etwa 120 Standardangaben und Kernindikatoren, allerdings sollte auch sie nicht für die Ewigkeit geschaffen sein.

Nach kontinuierlichem Austausch und einer ersten Diskussionsphase, an der nicht weniger als 1.832 Stakeholder teilgenommen hatten, wurde am 25. Juni 2012 der Entwurf für die nächste Richtliniengeneration vorgestellt. Und auch hier hieß es wieder: mitgestalten! Bis zum 25. September konnte jeder Interessierte in einer so genannten „Public Comment Period“ seine Kommentare, Ergänzungs- und Korrekturvorschläge zu den generellen Änderungen des Leitfadens an die GRI übermitteln. Zeitversetzt lief bis zum 12. November die Kommentierung von einzelnen Indikatorengruppen. Diese Kommentare fließen in die endgültige Fassung der nächsten Generation der Richtlinien ein. Ziel der GRI ist es, im Mai 2013 das neue Regelwerk G4 zu veröffentlichen.

Es wird spannend, inwieweit der umfassende G4-Entwurf noch angepasst wird, welche Inhalte von den Stakeholdern akzeptiert und kritisiert werden. Werfen wir einen Blick auf die grundsätzlichen Änderungen.

Den Blick fürs Wesentliche

GRI betont als übergeordnetes Prinzip den Fokus auf die Wesentlichkeit. Die Unternehmen sollen am Anfang des Berichtsprozesses ermitteln, welche Aspekte für das Geschäft wirklich relevant sind. Diese Forderung ist auch in den aktuellen Guidelines enthalten, wenn sie denn sorgfältig gelesen werden. Das angeblich Neue ist, dass man bewusst nur die Kernindikatoren auswählt, die unter den Wesentlichkeitsaspekt fallen. De facto ist dies allerdings in den G3-Richtlinien auch schon so gewesen, denn es gab immer die Möglichkeit, im GRI-Index „nicht relevant“ aufzuführen und trotzdem ein A-Level zu erreichen.

Apropos A-Level. Die Unterscheidung der drei verschiedenen Application- Level (A, B, C) soll abgeschafft werden. Selbige wurden einst als Maß für die Transparenz der Berichterstattung eingeführt. Wer ein C-Level anstrebt, muss über weniger Indikatoren berichten als ein Unternehmen mit einem B-Level. Ein Report mit einem A-Level deckt schließlich alle GRI-Indikatoren ab. Außerhalb der GRI-Community wurden die Application-Level allerdings manchmal als Urteil über die Qualität des nachhaltigen Engagements eines Unternehmens missverstanden. Um dies zu vermeiden, soll es künftig nur noch „In accordance with“ GRI geben. Dazu müssen alle Standardangaben und die als wesentlich ermittelten Aspekte der Managementansätze sowie die dazugehörigen Kernindikatoren berichtet werden.

Der Anspruch ist hoch

Eine anspruchsvolle Aufgabe, denn die Standardangaben sind noch einmal kräftig ausgeweitet worden: von vormals 42 auf nunmehr 73. Diese Ausweitung rührt insbesondere aus dem neu formulierten Anspruch, den Zusammenhang zwischen Governance und Vergütung noch deutlicher zu machen. Anspruchsvoll sind auch die Änderungen, die die Berichtsgrenzen betreffen: GRI gibt die Orientierung am Financial Reporting auf, nach der sich die Berichtsgrenzen auf die (finanziellen) Organisationseinheiten bezogen. Zukünftig soll stattdessen die gesamte Wertschöpfungskette in die Berichterstattung einbezogen werden – und zwar unabhängig davon, inwieweit die Unternehmen bisher Einfluss darauf nehmen können.

Die letzte große Änderung betrifft die Zulieferkette. Auch hier sind die Anforderungen gestiegen. In den Standardangaben ist eine Beschreibung der Zulieferkette mit detaillierten Angaben und Aufgliederungen vorgesehen, die Zulieferkette wird in den Managementansatz einbezogen, und es gibt nicht weniger als 16 neue Kernindikatoren, die sich auf die Lieferkette beziehen.

Wenn man uns fragt …
Was ist also von diesem umfassenden Entwurf zu halten?

„To offer guidance in a user-friendly way, so that new reporters can easily understand and use the Guidelines“, lautete eines der Ziele, die GRI sich auf die Fahnen geschrieben hatte. Das ist definitiv nicht gelungen. Schon in der Vergangenheit ist die Berichterstattung sehr unterschiedlich ausgefallen, Gestaltungsspielräume wurden äußerst großzügig genutzt. Durch die Komplexität der Richtlinien und der Indikatorprotokolle wird sich das auch in Zukunft nicht ändern.

Ein anschauliches Beispiel sind die neuen Anforderungen zur Berichterstattung über die Zulieferkette: Theoretisch ist es natürlich gut, die Zulieferkette genau zu beschreiben. Aber ist es praktisch möglich, in einem multinationalen Konzern zu beziffern, auf welchen Zulieferer welchen Produktes welcher Ausgabenanteil entfällt? Welcher Aufwand steht da welchem informativen Nutzen gegenüber?

Auch die Diskussion über Manager-Gehälter ist nicht umsonst auf den Themenlisten vieler Stakeholder gelandet. Und eine Aussage über die Entwicklung des Verhältnisses der Manager-Gehälter zur Entlohnung der „normalen“ Angestellten ist zweifellos ein hilfreicher Indikator für eine gerechte Gehaltsentwicklung. Aber welche Information kann ich aus dem Verhältnis des am meisten Verdienenden zum am wenigsten Verdienenden im Unternehmen bekommen? Will ich wirklich einen Vergleich anstellen zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und der Reinigungsfachkraft und daraus Schlüsse ziehen, ob das Unternehmen nachhaltig agiert?

Durch den „Friss oder stirb“-Ansatz besteht die Gefahr, dass die Unternehmen abgeschreckt werden, nach GRI zu berichten. Vermutlich kehren wir dann zu den Anfängen von GRI zurück, als es die Unterscheidung zwischen „Based on“ und „In accordance with“ GRI gab. Zwar ist das „Based on“ momentan nicht vorgesehen, aber Unternehmen, die sich dem strengen Diktat eines „In accordance with“-Berichtes nicht unterwerfen wollen, könnten dies so elegant umgehen.

E-Mail der Autoren:
anke.doebler@kirchhoff.de, sonja.klein@kirchhoff.de