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Asiatische Textilarbeiter verdienen höhere Löhne – Forderungen an Textilmarken reichen dazu nicht

Um Konsumenten wirklich glaubhaft Mode mit einem reinen Gewissen anbieten zu können, müsste H&M sich zur Zahlung des Existenzlohns verpflichten, zitiert Zeit Online die deutsche CCC-Aktivistin Bettina Musiolek. Die Clean Clothes Campaign fährt gerade eine englischsprachige Kampagne gegen H&M sowie andere Modelabel. Sie sollen ihre Zulieferer in Kambodscha zur Zahlung eines Lohns von mindestens 150 USD verpflichten. Doch die Forderung an die Textilkonzerne greift zu kurz. Ein Kommentar.

Hückeswagen (csr-news) – Um Konsumenten wirklich glaubhaft Mode mit einem reinen Gewissen anbieten zu können, müsste H&M sich zur Zahlung des Existenzlohns verpflichten, zitiert Zeit Online die deutsche CCC-Aktivistin Bettina Musiolek. Die Clean Clothes Campaign fährt gerade eine englischsprachige Kampagne gegen H&M sowie andere Modelabel. Sie sollen ihre Zulieferer in Kambodscha zur Zahlung eines existenzsichernden Lohns von 150 USD verpflichten. Nach heftigen Arbeiterprotesten werden dort die Mindestlöhne zum 1. Mai von 61 auf 75 USD erhöht. Nach Berechnungen der Asia Floor Wage Alliance und auch der Friedrich-Ebert-Stiftung ist das allerdings zu wenig zur Sicherung des Lebensunterhaltes. Doch die Forderung an die Textilkonzerne greift zu kurz.

Ein Kommentar von Achim Halfmann

Wer die erschreckenden Lebensverhältnisse der Textilarbeiterinnen in asiatischen Billiglohnländern kennt, wird deren Löhne keinesfalls für gerecht halten. Nur durch viele Überstunden – eine 6-Tage-Woche mit 70 Wochenstunden – können sie ihre Existenz in den Slumgebieten der Städte einigermaßen sichern. Dabei führen sie noch einen erheblichen Teil ihres Einkommens ab, um das Überleben ihrer Angehörigen auf dem Land zu ermöglichen. Was würde es ausmachen, wenn Käufer in der westlichen Welt ein wenig mehr für ihre Kleidung ausgeben und die Näherinnen in Asien dafür von ihrem Einkommen leben könnten? Das sollen die Textilmarken mit ihrer Einkaufsmacht durchsetzen.

Bei dieser Argumentation wird jedoch die Macht der Konzerne überschätzt. Denn die binden in der Regel nicht ganze Unternehmen an sich, sondern platzieren einzelne Aufträge in einer Vielzahl von Firmen. Und diese Textilfertiger arbeiten nicht nur für Europa und die USA, sondern auch für den asiatischen Markt – und könnten auch bei entsprechenden Forderungen aus Europa nicht einfach ihr Beschäftigungsmodell ändern. Es gibt bereits einen Textilsektor in diesen Ländern, der nicht für den Westexport arbeitet und in dem unter deutlich prekäreren Bedingungen gearbeitet wird. Von den Löhnen und Arbeitsbedingungen in anderen Branchen wie Landwirtschaft, Bau oder Dienstleistungen einmal ganz zu schweigen.

Die asiatischen Textilproduzenten können allerdings anders als häufig angenommen ihre Mitarbeiterinnen nicht einfach austauschen. Sie sind auf die flinken und geübten Hände der Frauen angewiesen, die in aller Regel nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Im Fehlen ausreichend organisierter, demokratisch legitimierter und verhandlungserfahrener Gewerkschaften liegt ein Grundproblem dieser Länder. Hier könnte der Westen deutlich mehr an Aufbauhilfe leisten.

Perspektivisch wird sich die Arbeits- und Lebenssituation der Menschen in Kambodscha, Bangladesch und vergleichbaren Staaten nur ändern, wenn das Bildungsniveau und mit ihm die Qualität der Arbeit in allen Branchen steigt. Die mangelnde Funktion des Bildungswesens ist daher ein tiefgreifendes Übel, dem es dringend zu begegnen gilt. Denn auch in asiatischen Textilfabriken steigen der Automatisierungs- und Organisationsgrad, was Fachkräfte erfordert, die wiederum höhere Einkünfte erzielen.

Und natürlich bleiben die Staaten selbst in der Pflicht, die eine stärkere Anhebung der Mindestlöhne verweigern. Ob aufgrund des Lobbyings der mächtigen Textilverbände oder aus der Angst vor der Abwanderung westlicher Einkäufer, sei einmal dahingestellt.

Ach ja, und dann sind da noch die deutschen Konsumenten, viele davon Schnäppchenjäger, die das alles herzlich wenig interessiert.

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