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Beim Haareschneiden soll Schluss sein mit „Geiz ist geil“

Egal ob einfaches Spitzenschneiden, aufwändige Hochsteckfrisuren, Strähnchen oder Dauerwelle – die Preise, die Kunden für die Arbeit der Friseure zahlen, fallen von Salon zu Salon unterschiedlich aus. Genau wie die Bezahlung der Friseure. Mit den ungleichen und vor allem in Ostdeutschland extrem niedrigen Löhnen soll bald Schluss sein.

Von Christine Kellmann

Berlin (afp) – Egal ob einfaches Spitzenschneiden, aufwändige Hochsteckfrisuren, Strähnchen oder Dauerwelle – die Preise, die Kunden für die Arbeit der Friseure zahlen, fallen von Salon zu Salon unterschiedlich aus. Genau wie die Bezahlung der Friseure. Mit den ungleichen und vor allem in Ostdeutschland extrem niedrigen Löhnen soll bald Schluss sein. Ab Montag verhandeln der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi über einen branchenweiten Mindestlohn.

„Die Frage ist nicht mehr, ob es einen Mindestlohn für Friseure geben soll, sondern nur noch, wie der aussehen kann“, sagt Verdi-Verhandlungsführerin Ute Kittel. Im November hatten die Mitglieder des Zentralverbands dafür gestimmt, Verhandlungen über eine branchenweite Lohnuntergrenze aufzunehmen. Ein Grund für das Interesse an einer einheitlichen Bezahlung sei der „ruinöse Preiswettbewerb“ in der Branche, sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Rainer Röhr. Hinzu komme die Sorge um die Nachwuchssicherung.

In ostdeutschen Bundesländern verdienen ausgebildete Friseurinnen in den ersten Berufsjahren zwischen 3,05 und 4,51 Euro pro Stunde. Ihre Kolleginnen in den alten Bundesländern bekommen etwa doppelt so viel: In Bremen etwa liegt das Einstiegsgehalt für gelernte Friseure bei 6,57 Euro die Stunde. Am meisten gibt es in Hessen mit 8,49 Euro.

„Wir wollen 8,50 Euro Mindestlohn im Osten und im Westen“, sagt Verdi-Sprecherin Christiane Scheller. Die Gewerkschaft rechnet nicht damit, dass es in der ersten Verhandlungsrunde in Würzburg schon eine Einigung geben wird. Wegen der hohen regionalen Unterschiede sei davon auszugehen, dass der branchenweite Mindestlohn nicht sofort eingeführt, sondern in Stufen durchgesetzt werden könne, sagt Scheller. Bis 2015 soll es aber ein Mindestentgelt in der Branche geben, mit dem „die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten nicht mehr auf Aufstockungsleistungen angewiesen ist“.

Für den Zentralverband geht es vor allem darum, den Prozess „marktverträglich“ zu gestalten und die Kunden nicht vom regelmäßigen Gang zum Friseur abzubringen, wie Hauptgeschäftsführer Röhr sagt. Der Mindestlohn soll auch Geschäftsmodellen die Grundlage entziehen, „die sich durch Lohndumping Wettbewerbsvorteile verschaffen“. Gemeint sind damit die Discounter, die auch beim Haarschnitt von einer „Geiz-ist-Geil“-Mentalität profitieren.

„Die Billigketten machen den Markt kaputt“, klagt die Berliner Friseurin Marie Seyfert. Sie hofft, dass mit Einführung eines Mindestlohns auch die Wertschätzung für ihre Arbeit wieder steigt. „Manche Kunden verstehen nicht, warum sie mehr als zehn Euro für einen Haarschnitt zahlen sollen“, kritisiert sie.

Sie wirbt im Gespräch mit ihren Kunden für den Mindestlohn, da dieser auch höhere Preise fürs Waschen, Schneiden, Föhnen zur Folge haben wird. Auch Verdi-Verhandlungsführerin Kittel betont, dass mit einem Branchenmindestlohn „das Ende der Ära ‚Billig will ich'“ eingeleitet wird. „Fairen Löhnen folgen dann auch faire Preise“, sagt sie.

Seyfert befürchtet aber auch, dass die Schwarzarbeit in der Branche weiter zunehmen wird. Schließlich benötigten Friseure oft nicht viel mehr als Kamm und Schere, um Geld zu verdienen. Auch der Zentralverband, laut dem 260.000 Menschen im deutschen Friseurhandwerk arbeiten, kämpft dagegen, dass ein wachsender Anteil nicht mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, sondern lieber als „Kleinst-Selbstständiger“ auf eigene Rechnung arbeitet.

An diesen beiden Gruppen wird ein branchenweiter Mindestlohn – sobald er von Verdi und dem Zentralverband in einen bundesweiten Tarifvertrag gegossen wird – vorbeigehen. Dieser gilt laut Verdi zunächst nur für die Mitglieder des Zentralverbands. Die Billigketten müssten den Mindestlohn erst zahlen, wenn das Bundesarbeitsministerium ihn für allgemeinverbindlich erklärt.