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Biodiversität: Was soll das sein?

Bonn/Amsterdam (csr-news) > Obwohl das Bewusstsein für Biodiversität seit 2009 hierzulande deutlich gewachsen ist, wissen gegenwärtig nur 48 Prozent der 2013 vom Biodiversitäts-Barometer befragten Deutschen mit dem Begriff etwas anzufangen. Damit ist Deutschland im Vergleich zu den anderen dieses Jahr untersuchten Ländern Frankreich, dem Vereinigten Königreich, den USA, Brasilien und China Schlusslicht. Zusätzlich, so die von der Union for Ethical BioTrade (UEBT) in Auftrag gegebene Studie, ist das Vertrauen der Konsumenten in die Wirtschaft gesunken. In Deutschland geben nur sieben Prozent der knapp 1.000 Befragten an, dass sie Unternehmen aus der Kosmetik- und Ernährungsindustrie grundsätzlich vertrauen. Über 80 Prozent möchten mehr darüber wissen, woher die Branche die Inhaltsstoffe ihrer Produkte bezieht. Damit dokumentiert das aktuelle Biodiversitäts-Barometer den großen Bedarf an Aufklärung und Transparenz, wenn es um die Nutzung natürlicher Ressourcen geht.

Viel trauen die Deutschen den Unternehmen im Umgang mit der Natur nicht zu. Lediglich die Marken „Alnatura“ (neun Prozent aller Befragten), „Yves Rocher“, „Tchibo“, „Hipp“ (alle sechs Prozent) und „Nivea“ (fünf Prozent) verkörpern einen sorgsamen Umgang mit Menschen, Tieren und Pflanzen. 81 Prozent würden die Produkte von Nahrungsmittelfirmen sogar boykottieren, wüssten sie, dass deren Produktionsprozesse „umweltschädlich“ oder „unethisch“ seien. Obgleich die Deutschen sich wesentlich mehr mit Themen wie Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility befassen, wissen sie vergleichsweise wenig über Biodiversität, also die biologische Vielfalt und die Folgen ihres Verlusts.

Ein Grund dafür sei, dass man in Deutschland vermeintlich weniger Leidensdruck habe und das Artensterben weit weg erscheine, sagt Stefan Hörmann, der Leiter der von der Europäischen Union geförderten Europäischen Business & Biodiversity Kampagne (EBBC). „Unsere Urwälder sind längst abgeholzt. Aber in Brasilien, das beim Biodiversitäts-Barometer gut abgeschnitten hat, beherbergt der Regenwald noch eine Vielzahl an Arten und Ökosystemen, die stark bedroht sind. Die Menschen dort erwarten, dass Regierung und Unternehmen handeln“. Zudem findet Biodiversität in Schwellenländern ein wesentlich höheres Medienecho. „In Deutschland schätzt die Mehrzahl der Unternehmensentscheider die Relevanz von Artenvielfalt weiterhin niedrig ein. Auch die Wirtschaftsmedien haben die Interdependenzen zwischen unternehmerischem Erfolg und biologischer Vielfalt noch nicht ausreichend erkannt und berichten nur wenig darüber“, sagt Hörmann. Die Folgen nicht-nachhaltigen Wirtschaftens sind allerdings deutlich. Deutsche Firmen verursachen durch ihre Importe und die damit verbundenen Lieferketten, dass zahllose Arten weltweit vom Aussterben bedroht sind. Deutschland folgt den USA und Japan auf Platz drei in der Rangliste der zerstörerischsten Importeure, wie der Forscher Manfred Lenzen im Fachmagazin „Nature“ schreibt.

Dabei sind Unternehmen in vielerlei Hinsicht auf biologische Vielfalt angewiesen. „Unsere Gäste wollen eine intakte Natur vorfinden“, sagt Mila Dahle von der TUI AG. „Wenn an Schildkrötenstränden plötzlich die Schildkröten fehlen oder beim Schnorcheln die bunten Fische, bleiben die Kunden daheim“. Aber auch andere Branchen geraten in Schwierigkeiten, wenn die Artenvielfalt bei Insekten, Pilzen oder Bakterien schrumpft. Die Arzneimittelindustrie ist auf eine große Zahl an Pflanzen und Mikroorganismen angewiesen, um Medikamente produzieren zu können. „Trotzdem verbrauchen wir unser Naturkapital in rasendem Tempo. Die aktuelle Aussterberate von Arten übersteigt die natürliche Rate um das 1.000-fache“, sagt Hörmann.

Gemäß der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) haben sich Regierungen aus aller Welt dazu verpflichtet, den Verlust der Biodiversität bis zum Jahr 2020 zu bremsen und das Wissen über den Wert der biologischen Vielfalt signifikant zu erhöhen. Die EBBC ist Partner der UEBT, die mit dem Biodiversitäts-Barometer einen wichtigen Indikator für die Erfüllung der Ziele liefert. Außerdem unterstützt die EBBC mit dem Biodiversity Check Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse und Wertschöpfungsketten systematisch auf Bezüge zur Biodiversität überprüfen wollen. 30 Unternehmen haben den Service bislang beansprucht – darunter globale Player wie TUI und Daimler.