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Selbst- und Co-Regulierung von Unternehmen: „Governance with Government“

Die pharmazeutische Initiative Responsible Care und der Forest Stewardship Council sind Beispiele für eine besondere Form der Public Private Partnership: Durch die Selbst- und Co-Regulierung in sektorspezifischen Initiativen lösen Unternehmen und Regierungen gesellschaftliche Herausforderungen, denen sie alleine nicht gewachsen wären. Wirkungsweisen und Erfolgsfaktoren dieser Initiativen hat die Bertelsmann Stiftung untersucht und Ergebnisse in Brüssel diskutiert.

Brüssel (csr-news) – Die pharmazeutische Initiative Responsible Care und der Forest Stewardship Council sind Beispiele für eine besondere Form der Public Private Partnership: Durch die Selbst- und Co-Regulierung in sektorspezifischen Initiativen lösen Unternehmen und Regierungen gesellschaftliche Herausforderungen, denen sie alleine nicht gewachsen wären. Wirkungsweisen und Erfolgsfaktoren dieser Initiativen hat die Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit dem Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen und Wissenschaftlern aus sieben europäischen Ländern untersucht und Ergebnisse am Dienstag in Brüssel diskutiert.

Die Politik müsse heute als Moderator, Mit-Initiator und Soft-Law-Gestalter neue Funktionen übernehmen, um ihren Aufgaben in Gesellschaft und Wirtschaft gerecht zu werden. Eine Möglichkeit dazu sei „Governance with Government“ in selbst- und co-regulierengenden Initiativen, sagte der Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik St. Gallen, Prof. Thomas Beschorner, bei der Vorstellung der Studienergebnisse. Wie erfolgreich dies geschieht, haben Wissenschaftler in Spanien, den Niederlanden, Polen, Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Deutschland und der Schweiz untersucht. Als Erfolgsfaktoren für diese Initiativen ermittelten die Forscher ein gemeinsames Verständnis der gesellschaftlichen Herausforderungen, die Einbeziehung von Stakeholdern, die Erfolgsmessung, Transparenz durch Berichtserstattung und eine ausreichende Ressourcenausstattung.

Orientierung am gesellschaftlichen Bedarf

Weiter berichtete Beschorner aus den Forschungsergebnissen, dass bewusstseinsschaffende Initiativen in Bezug auf ihre Effizienz gute Ergebnisse erzielen, während Partnerschaftsinitiativen insbesondere in den Bereichen Legitimität und Effektivität punkten konnten. Der Wirtschaftsethiker regte an, zukünftige Initiativen stärker an gesellschaftlichen Bedarfen als an Unternehmen zu orientieren. Sie könnten sich dem Thema Gesundheit statt der Pharmazie oder der Mobilität statt der Automobilbranche widmen. Beschorner: „Wir müssen über die Business-Rhetorik hinauskommen.“

Die stellvertretende Direktorin des Unternehmensnetzwerks Business for Social Responsibility (BSR), Angie Farrag, verwies darauf, dass solche freiwilligen Initiativen Gesetzgebungsprozesse effektiv unterstützen können, indem sie Erfahrungen und Methoden zur Verfügung stellen und einen internationalen Dialog ermöglichen. Eine zu erwartende gesetzliche Regulierung sei zugleich ein „Treiber“ für die Entstehung sektorspezifischer Initiativen zur Co- und Selbstregulierung. Weitere wichtige Gründungsmotive seien das Kundeninteresse, ein verbessertes Monitoring der Zulieferer und die gemeinsame Entwicklung von Innovationen in Richtung auf einen nachhaltigen Lebensstil.

Nicht zu klein und beschränkt handeln

Der Generaldirektor der Generaldirektion Connect der Europäischen Kommission, Robert Madelin, bezeichnete die Beziehungspflege von Unternehmen zur Gesellschaft als Voraussetzung für deren Widerstandsfähigkeit in Krisensituationen. Bei CSR gehe es um fundamentale Veränderungen, deshalb dürften Unternehmen und ihre Netzwerke nicht zu klein und zeitlich zu beschränkt handeln. Wichtig für den Erfolg von Co- und Selbstregulierungsinitiativen seien neben deren Kooperation mit der Gesellschaft eine verpflichtende Berichterstattung sowie ständige Verbesserungen. Solche Initiativen brauchten zudem eine Benchmark, um ihre Effektivität belegen zu können.

CSR statt Mitbestimmung?

Gegen eine Verankerung von Berichtspflichten sprach sich der Direktor für gesellschaftliche Angelegenheiten des europäischen Arbeitgeberverbandes Businesseurope, Maxime Cerutti aus. Derzeit herrsche in der EU ein moralisierender Ton und es gebe eine Tendenz zu immer mehr gesetzlichen Regulierungen. Aufgabe öffentlicher Akteure sollte es sein, Unternehmen die Chancen einer freiwilligen gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme zu zeigen und sie dazu mit Informationen zu versorgen, sagte Cerutti.

Der stellvertretende Generaldirektor des Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB), Patrick Itschert, warnte davor, CSR als eine Alternative zur Mitbestimmung zu verstehen, wie es aus einzelnen Ländern zu hören sei. CSR sei auch kein wohltätiges Engagement, auf das in Krisenzeiten verzichtet werden könne. In Situationen wie den verheerenden Fabrikbränden in Bangladesch erwarteten die Gewerkschaften nicht zuerst die Zusage von Kompensationszahlungen an Opfer, sondern die Bereitschaft zum Dialog, um solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern.

Düngemittelfabrik West Fertilizer kein Responsible Care-Mitglied

Die Sektorinitiative der Chemieindustrie „Responsible Care“ stellte deren Generalsekretär Jean Claude Lahaut vor. Die Initiative sei aus Sorge um die Mitarbeiter nach der Katastrophe im indischen Bhopal 1984 entstanden, an deren Folgen tausende Menschen starben. In der Chemieindustrie gebe es Risiken und „Risiken kann man managen“, sagte Lahaut. Die US-amerikanische Düngemittelfabrik West Fertilizer, in der eine Explosion wenige Tage zuvor über 15 Todesopfer forderte, sei kein Responsible Care-Mitglied, so Lahaut. Für die Mitglieder der Initiative gelten verbindliche Regeln sowie eine Berichtspflicht. Gegenüber CSR NEWS sagte deren Generalsekretär, dass die Initiative zu deutlichen Verbesserungen bei Prozessen und Produkten beigetragen habe und die Zahl der Arbeitsunfälle gesunken sei. Aber es gehe natürlich immer noch mehr. Die Chemieindustrie sei auf das Vertrauen der Bevölkerung angewiesen. Dazu will Responsible Care beitragen.

Weitere Informationen zu der Studie und ihren Ergebnissen finden Sie in diesem PDF: >> Fostering Corporate Responsibility through Self- and Co-Regulation

Foto: Panel mit (von rechts) Angie Farrag, Bernedine Bos (MOV Nederland), Pietro Bertazzi (GRI), dem Moderator Detlef Fechtner (Börsen-Zeitung), Jan Noterdaeme (CSR Europe) und Jean Claude Lahaut

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