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Die Katastrophe in Bangladesch fiel nicht aus dem Himmel. Ein Kommentar

Dass eine Katastrophe wie der Einsturz des Hochhauses in Savar im Norden von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka drohte, war vielen Verantwortlichen bewusst. Spätestens seit 2005 die Spectrum Factory ebenfalls im nördlichen Dhaka 64 Menschen unter sich begrub und tötete, stand das Thema auf der Agenda der lokalen Produzenten, der Regierung und der westlichen Einkäufer. Ausreichende Konsequenzen unterblieben.

Hückeswagen (csr-news) – Dass eine Katastrophe wie der Einsturz des Hochhauses in Savar im Norden von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka drohte, war vielen Verantwortlichen bewusst. Spätestens seit 2005 die Spectrum Factory ebenfalls im nördlichen Dhaka 64 Menschen unter sich begrub und tötete, stand das Thema auf der Agenda der lokalen Produzenten, der Regierung und der westlichen Einkäufer. Danach sorgten tragische Fabrikbrände für Schlagzeilen, zuletzt im November der Tazreen-Brand in Savar mit 112 Todesopfern. Aus diesen Ereignissen wurden keine ausreichenden Konsequenzen gezogen. Für weit über 300 Menschen ist es dazu nun zu spät. Die Frage bleibt jedoch: Was muss geschehen, um ähnliche Katastrophen zukünftig zu verhindern?

Ein Kommentar von Achim Halfmann

Zunächst sind es die Profitgier und die Verantwortungslosigkeit lokaler Manager, die entscheidend zu den bisherigen Katastrophen beigetragen haben. Auch in der vergangenen Woche haben sich Manager über die klaren Anzeichen für einen drohenden Einsturz und behördliche Anweisungen hinweggesetzt und damit das Leben tausender Menschen gefährdet. Möglich wird dieses Verhalten, weil es bisher kaum Kontrollen gibt und sich die Verantwortlichen vor Strafen sicher fühlen können. In Bangladesch werden Bauanträge häufig nur auf dem Papier geprüft und niemand kontrolliert, ob Plan und Wirklichkeit übereinstimmen. Und im Konfliktfall kann ein Schmiergeld behördliche Maßnahmen verhindern oder ein drohendes Gerichtsverfahren ins Stocken bringen. So darf es nicht bleiben, zu effektiven staatlichen Kontrollen des Bau- und des Textilsektors gibt es keine Alternative.

Das befreit die westlichen Einkäufer allerdings nicht von ihrer Verantwortung, denn sie wussten genau um die Defizite und die Gefahren. Wo staatliche Kontrolle bekanntermaßen versagt und sich Unternehmen trotzdem engagieren, nehmen sie die Verantwortung für ihre verlängerte Werkbank auf sich. Eigene Einkaufsorganisationen vor Ort, langfristige Lieferantenbeziehungen und -schulungen, ein klarer Code of Conduct und dessen engmaschige Kontrolle sind deshalb kein „nice to have“, sondern Pflicht. Mit diesen Maßnahmen lässt sich eine verdeckte Auftragsweitergabe an sogenannte Sub-Contractors zwar nicht mit einhundert prozentiger Sicherheit verhindern, jedoch wesentlich erschweren. Strukturelle Verbesserungen ersetzen solche individuellen Maßnahmen aber auch nicht.

Eine strukturelle Verbesserung wäre die Bündelung der Kräfte und Bemühungen westlicher Einkäufer in einer gemeinsamen Initiative. Dazu gibt es erste Ansätze, die aber lange noch nicht weit genug reichen. An den Wänden der Produktionsstätten in Dhaka hängen noch viel zu viele verschiedene Kodizes und zu häufig finden Mehrfach-Auditierungen statt.

Mit Recht fordert die Clean Clothes Campaign (CCC) die Einbeziehung von Arbeitnehmervertretern in die Arbeitsschutzbemühungen. Was sie ihren westlichen Unterstützern jedoch vorenthält, ist eine Beschreibung der Situation der Gewerkschaften in Bangladesch. Es fehlt an demokratisch legitimierten und verhandlungsfähigen Arbeitervertretern. Die Unterstützung der Entwicklung lokaler Gewerkschaften wäre daher ein Gebot der Stunde.

Eine – zu – späte Reue ist es, wenn der Vize-Präsident von Bangladeschs Textilverband BGMEA, Shahidullah Azim, der Presse mitteilt: „Wir wollen ihnen versichern, dass wir das Notwendige unternehmen, um zu verhindern, dass sich derartige Tragödien wiederholen.“ Bisher galt der mit der Politik bestens verbandelte Verband als ein Verhinderer öffentlicher Regulierungen seines Sektors. Nun befürchten die Textilproduzenten wohl zu Recht, dass sich westliche Einkäufer Schritt für Schritt aus ihrem Land zurückziehen könnten.

Tag für Tag ist das Leiden der Menschen in Bangladesch in westlichen Medien präsent. Wird sich dadurch das Einkaufsverhalten der Schnäppchenjäger verändern? Wird sich eine nennenswerte Anzahl von Kunden von dem Billiganbieter Primark abwenden, der in einer der eingestürzten Fabriken fertigen ließ und bereits Kompensationszahlungen für die Opfer angekündigt hat? Wird es einen Run auf zertifizierte faire Mode geben? Wohl nicht, sagen alle bisherigen Erfahrungen. Auch die schlimmsten Katastrophen verschwinden in kurzer Zeit von den Bildschirmen und aus dem Bewusstsein. Billig wird gerade in Deutschland ein wichtiges Marketingargument bleiben.

Wie wäre es, wenn es alle Beteiligten in einem ersten Schritt mit einem Mehr an Transparenz versuchen würden? Allen voran die Regierung in Dhaka, die in der Textilkette recherchierenden Journalisten die Einreise verweigerte. Dann die westlichen Einkäufer, die ihre Zulieferer nennen und Auditberichte veröffentlichen könnten. Natürlich braucht das eine Zustimmung der Betroffenen, aber die lässt sich zur Voraussetzung für eine Order machen. Bei Bangladeschs Textilverband BGMEA würde besonders interessieren, welche Position er gegenüber seinen Mitgliedern und der Regierung einnimmt. Und NGOs wie die CCC könnten zutreffender über die Situation in den zivilgesellschaftlichen Gruppierungen des Landes berichten, deren Defizite den Aktivisten durchaus bekannt sind. Vielleicht würde eine solche Transparenz manche zusätzliche Berichterstattung anstoßen und schließlich doch etwas zu einer Einstellungsänderung bei den Verantwortlichen beitragen – allen voran bei uns Kunden.

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