Nachrichten

Textilfabriken in Bangladesch nach Unglück wieder geöffnet

Dhaka (afp) – Acht Tage nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch mit hunderten Toten haben die Textilfabriken des Landes wieder geöffnet. Millionen Arbeiter kehrten am Donnerstag in die Fabriken rund um die Hauptstadt Dhaka zurück, wie der Vizepräsident des Textilarbeitgeberverbands, Shahidullah Azim, mitteilte. Der Bürgermeister der Stadt Savar, in der sich das Unglück ereignete, wurde vom Dienst suspendiert.

„Alle Fabriken haben heute wieder geöffnet, und die Arbeiter sind zur Arbeit gegangen“, sagte Azim. Es gebe keine Berichte über Proteste oder Gewalt. Zahlreiche Arbeiter in den rund 4500 Textilfabriken des südasiatischen Landes hatten nach dem Unglück am 24. April aus Protest gegen ihre Arbeitsbedingungen die Arbeit niedergelegt. Am Mittwoch, dem Tag der Arbeit, entlud sich die Wut der Menschen in heftigen Protesten: Zehntausende Arbeiter forderten die Hinrichtung der Besitzer der fünf Fabriken, die in dem eingestürzten Haus untergebracht waren.

In der Textilindustrie, dem wichtigsten Wirtschaftszweig des verarmten Landes, sind drei Millionen Menschen beschäftigt. Viele von ihnen verdienen weniger als 40 Dollar (30 Euro) im Monat.

Seit dem Unglück in Savar, einem Vorort von Dhaka, wurden sieben Menschen wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung festgenommen. Unter ihnen sind der Besitzer des eingestürzten Gebäudes Rana Plaza und mehrere Ingenieure. Arbeiter hatten nach dem Unglück berichtet, das Gebäude sei nach der Entdeckung von Rissen am Vortag evakuiert worden, doch seien sie zur Rückkehr gezwungen worden.

Die Behörden suspendierten am Donnerstag den Bürgermeister von Savar, weil er den Bau des Gebäudes genehmigt hatte und nach Bekanntwerden der Schäden nicht die Schließung anordnete. Bürgermeister Mohammad Refayet Ullah, der die Stadt seit 14 Jahren regiert, ist der ranghöchste Beamte, der nach dem schwersten Industrieunglück in der Geschichte Bangladeschs vom Dienst suspendiert wurde. Der örtliche Regierungsvertreter Abu Alam Shahid Khan sagte, es würden rechtliche Schritte gegen den Bürgermeister eingeleitet.

Nach Angaben eines Armeevertreters vom Donnerstag stieg die Zahl der Todesopfer des Unglücks auf 433. 2437 Menschen seien lebend geborgen worden. Die Opferzahl dürfte weiter steigen: Rund 140 Menschen werden noch vermisst.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und Handelskommissar Karel De Gucht kündigten an, europäische Unternehmen zu Beratungen über die Sicherheitsstandards in den Fabriken in Bangladesch einzuberufen. Ein Kommissionssprecher sagte am Donnerstag in Brüssel, die Angelegenheit sei „dringend“. Ein Datum stand demnach noch nicht fest.

Eingeladen werden sollen dem Sprecher zufolge europäische Firmen, die mit der Textilindustrie in Bangladesch und anderen – nicht genannten – Ländern zu tun haben. Dabei will die EU-Behörde nicht nur Sicherheitsstandards, sondern auch generell bessere Arbeitsbedingungen zum Thema machen. Ashton und De Gucht hatten am Dienstag bereits die Behörden in Bangladesch aufgerufen, Abhilfe zu schaffen, und dabei mit Handelssanktionen gedroht.