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Zahl der Toten nach Gebäudeeinsturz in Bangladesch übersteigt 600

Dhaka (afp) – Die Zahl der Toten nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch ist auf mehr als 600 gestiegen. Am Sonntag seien 53 weitere Leichen geborgen worden, womit die Zahl der Todesopfer bei 622 liege, sagte Armeesprecher Imran Khan der Nachrichtenagentur AFP. Die Regierung des Landes kündigte Kontrollen sämtlicher Textilfabriken an.

Nach Angaben der Rettungskräfte ist mit vielen weiteren Toten zu rechnen. Bislang seien die Trümmer des Gebäudes nur bis zum fünften Stock abgetragen worden. Aus den tiefer liegenden Trümmerschichten dringe starker Leichengeruch.

Auch zwölf Tage nach dem Unglück versammelten sich erneut Hunderte verzweifelte Angehörige von Vermissten und beobachteten die Bergungsarbeiten, bei denen Planierraupen und Kräne eingesetzt wurden.

Das achtstöckige Gebäude, in dem fünf Textilfabriken untergebracht waren, war am 24. April eingestürzt. Mehr als 3000 Menschen wurden verschüttet, Armeeangaben zufolge konnten 2437 Menschen gerettet werden. Zwölf Menschen wurden im Zusammenhang mit der Katastrophe festgenommen.

Die Polizei wirft dem Besitzer des Gebäudes und fünf Fabrikbetreibern fahrlässige Tötung und Missachtung der Bauvorschriften vor. Dafür drohen ihnen bis zu sieben Jahre Haft. Die Ehefrau eines ums Leben gekommenen Textilarbeiters reichte zudem Anzeige wegen Mordes gegen drei Verantwortliche ein.

Nach Angaben des Architekten war das Gebäude eigentlich als Einkaufszentrum mit einzelnen Geschäften gedacht und nicht für Textilbetriebe. Der Gebäudebesitzer habe grundlegende bautechnische Prinzipien ignoriert, sagte Masood Reza der Nachrichtenagentur AFP. So sei von Anfang an klar gewesen, dass die Deckenkonstruktion keinen schweren Maschinen wie Generatoren standhalten würde.

Ersten Erkenntnissen einer von der Regierung angeordneten Untersuchung zufolge wurde der Einsturz durch die Vibration von vier großen Generatoren in den oberen Stockwerken verursacht. Diese seien nach einem Stromausfall in Gang gesetzt worden und hätten gemeinsam mit der Vibration tausender Nähmaschinen zum Einsturz geführt. In dem Gebäude wurde unter anderem Kleidung für die britische Billigmarke Primark, die italienische Firma Benetton und das spanische Unternehmen Mango hergestellt.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) forderte die Behörden in Bangladesch am Samstag auf, unsichere Fabriken zu schließen. Es müsse gehandelt werden, um derartige „vermeidbare Unfälle“ künftig zu verhindern, sagte ILO-Vertreter Gilbert Houngbo AFP. Die Regierung in Dhaka müsse sicherstellen, dass alle Fabriken inspiziert und nötige Reparaturmaßnahmen vorgenommen würden. Fabriken, die nicht instand gesetzt werden könnten, müssten möglicherweise schließen.

Ein ranghoher Regierungsbeamter versicherte, alle Textilfabriken würden überprüft. Die Regierung von Bangladesch hatte dies allerdings bereits nach einem verheerenden Feuer in einer Textilfabrik im November mit 111 Toten angekündigt. Die nachfolgenden Kontrollen wurden von Beobachtern als unzureichend eingestuft.

Der Beamte appellierte an die Handelspartner der Textilbranche, weiterhin mit Fabriken in Bangladesch zusammenzuarbeiten. Ein Boykott würde die 60 Millionen Armen im Land treffen, sagte er.