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Globale Verantwortung, viel Wirtschaft und die Grenzen der Politik: Der Kirchentag bot fachkundige Diskussionen

Die Forderung nach gerechtem Lohn und gerechten Arbeitsbedingungen war ein zentrales Signal des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Das sagte dessen Präsident, Prof. Gerhard Robbers, rückblickend. Tatsächlich bot das Protestantentreffen viele Diskussionen über die Verantwortung von Wirtschaft und Politik auf hohem Niveau und mit prominenten Teilnehmern. Applaus erhielten vor allem linke Thesen. Ein Kommentar von Achim Halfmann

Hamburg (csr-news) – Die Forderung nach gerechtem Lohn und gerechten Arbeitsbedingungen war ein zentrales Signal des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Das sagte dessen Präsident, Prof. Gerhard Robbers, rückblickend. Tatsächlich bot das Protestantentreffen viele Diskussionen über die Verantwortung von Wirtschaft und Politik auf hohem Niveau und mit prominenten Teilnehmern. Applaus erhielten vor allem linke Thesen.

Ein Kommentar von Achim Halfmann

Das blieb auf dem diesjährigen Kirchentag eine Ausnahmeerscheinung: Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière hatte in der Hauptkirche St. Michaelis die ersten Sätze seiner Bibelarbeit gesprochen, als eine junge Frau mit Gitarre zum Rednerpunkt stürmte. An zwei Stellen im Saal wurden Plakate gegen die Bundeswehr entrollt. Ein Block von etwa 15 Personen erhob sich, begann zu singen und machte ein Weiterreden des Verteidigungsministers so unmöglich. Das Publikum in der Kirche applaudierte – jedoch nicht den Störern, sondern denen, die auf eine Fortsetzung der Bibelarbeit drängten. Und was de Maizière seinen Zuhörern nach der etwa 10-minütigen Unterbrechung zu sagen hatte, bildete ebenfalls eine Ausnahme auf diesem Kirchentag: Er legte einen Bibeltext Vers für Vers aus, wies politische oder ökologische Deutungen zurück, die in den Text hineingelegt werden könnten, und sprach über die Gottesbeziehung eines Christen und deren Bedeutung für den Alltag.

Macht und Ohnmacht der Wirtschaft

Bei vielen anderen Veranstaltungen des Kirchentages ging es weit friedlicher zu als an diesem Morgen im Hamburger Michel. Kontroverse Themen wurden auf einem hohen Niveau erörtert. Viele Diskussionen waren von der Erkenntnis geprägt: In einer globalisierten Welt schwindet der Einfluss nationaler Parlamente und Regierungen, was die Verantwortung der auf den Weltmärkten handelnden Konzerne erhöht. Deshalb forderte der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende, Altbischof Wolfgang Huber: Führungskräfte in der Wirtschaft sollten nicht nur den eigenen Zuständigkeitsbereich, sondern auch den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang im Blick behalten. Ein glaubwürdiges Eintreten von Wirtschaftsführern für gesellschaftliche Werte fehle häufig. „Wenn die Wirtschaft beim Bemühen um den Zusammenhalt in der Gesellschaft ausfällt, ist Gefahr im Verzug“, so Huber. Der Wuppertaler Nachhaltigkeitsforscher Prof. Uwe Schneidewind, Mitglied im Kirchentagspräsidium, beklagte eine „selbstverschuldete Unmündigkeit“ der Unternehmenslenker: In der weltweiten Ausdehnung von Produktion und Handel sei die Verantwortung des einzelnen nicht mehr erkennbar. Manager sollten sich fragen, was sie in ihrem Unternehmen dazu beitragen könnten, um vermeintlich unüberwindbare Sachzwänge zurückzudrängen. „Aufhören einverstanden zu sein, ist der Beginn der Verantwortungsübernahme“, so Schneidewind. Managerinnen von Konzernen wie dem Automobilbauer Daimler und von Mittelständlern wie dem Outdoor-Ausrüster Vaude beschrieben, wie ihre Unternehmen der Verantwortung in weltweiten Zulieferketten gerecht werden wollen. Dass Verantwortungsübernahme einen Preis hat, darauf machte Vaude-Geschäftsführerin Antje von Dewitz aufmerksam: Eine zertifizierte nachhaltige Produktion „kostet ungefähr 15% mehr, als wenn wir das nicht tun würden“, so von Dewitz.

Arbeitgeber Kirche kein Vorbild

Bei den ökonomischen Diskussionen blieb der kritische Blick auf die Kirche als Wirtschaftsakteur und Arbeitgeber nicht aus. So sagte der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Prof. Gerhard Wegner: „Es gibt in der Kirche auch prekäre Arbeitsverhältnisse.“ Kirche und Diakonie hätten mit Niedriglöhnen und Ausgliederungen auf die schlechten Refinanzierungsbedingungen und die Billigkonkurrenz in der Pflege reagiert. „Das ist kein richtiger Weg“, so Wegner. Ein Flächentarifvertrag könnte für gleiche Marktbedingungen und bessere Löhne sorgen.

Politisch links, stehender Applaus für die Kanzlerin

Politisch präsentierte sich der Kirchentag als linksgerichtet, die zahlreichen Gäste aus der SPD und von Bündnis 90/Die Grünen konnten sich des Applauses ihrer Zuhörer sicher sein. Dabei standen wirtschaftspolitische Themen regelmäßig im Vordergrund. So forderte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in einem zugleich engagieren und sachkundigen Beitrag eine stärkere Bankenregulierung und eine verbesserte Aufsicht über den Finanzsektor. Zudem müssten Banken auch abgewickelt werden können. „Marktwirtschaft bedeutet: Wenn man sich verzockt hat und wenn man scheitert, dann verschwindet man vom Markt“, sagte Steinbrück.

Politischer Star des Kirchentages war jedoch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Empfangen und verabschiedet wurde sie mit stehendem Applaus. Die Kanzlerin rückte die weltweite Verantwortung und europäische Integration Deutschlands in den Mittelpunkt und sprach ebenfalls überwiegend zu wirtschaftspolitischen Themen. „Uns wird es auf Dauer nur gut gehen, wenn es auch anderen Ländern gut geht.“ Bei der Lösung von Zukunftsaufgaben komme Europa eine besondere Bedeutung zu. „Die Welt guckt auf Europa“, so die Kanzlerin. Deshalb dürfe sich die Gesellschaft nicht mit der hohen Zahl der jugendlichen Arbeitslosen abfinden und Deutschland müsse die Energiewende erfolgreich meistern. Merkel: „Wenn wir das nicht schaffen, dann werden viele die Hände in den Schoß legen und sagen: Dann schaffen wir das auch nicht.“ Die Kanzlerin nahm – wie einige andere Redner – Bezug auf den Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch, der Ende April über 400 Tote forderte – darunter viele Arbeiterinnen der in dem Gebäude untergebrachten Nähereien. Sie forderte mehr Transparenz in der Textilproduktion und eine Herkunftserklärung für Kleidung. Eine Antwort darauf, was das „C“ in der CDU an ethischer Orientierung für die Lösung globaler Zukunftsherausforderungen bedeuten könnte, fehlte jedoch in den ihren Ausführungen. Wie auch bei vielen anderen Veranstaltungen des Kirchentages: Was in Bibelarbeiten und Predigten zu hören war, wurde selten als ethische Orientierung für das Handeln von Christen in Politik und Wirtschaft konkret.

Foto: Proteste während einer Bibelarbeit von Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière

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