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Die Frauenversteherin im Kanzleramt: Merkel widmet dem Thema Frauen und Karriere einen Gipfel

Angela Merkel empfängt die Spitzenmanagerinnen mit einem Scherz, der das Dilemma treffend zusammenfasst. „Sie haben gewissermaßen immer noch einen Seltenheitswert“, sagt die Kanzlerin zu den Unternehmerinnen, Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden so illustrer Unternehmen wie IBM, der Telekom und der Berliner Verkehrsbetriebe. Mehr als hundert Frauen sind ins Kanzleramt geladen, um über die Chancen von Frauen zu sprechen, die „gläserne Decke“ zu den Top-Jobs zu durchstoßen.

Von Claudia Wessling

Berlin (afp) – Angela Merkel empfängt die Spitzenmanagerinnen mit einem Scherz, der das Dilemma treffend zusammenfasst. „Sie haben gewissermaßen immer noch einen Seltenheitswert“, sagt die Kanzlerin zu den Unternehmerinnen, Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden so illustrer Unternehmen wie IBM, der Telekom und der Berliner Verkehrsbetriebe. Mehr als hundert Frauen sind am Dienstag ins Kanzleramt geladen, um über die Chancen von Frauen zu sprechen, die „gläserne Decke“ zu den Top-Jobs zu durchstoßen.

Im beginnenden Wahlkampf hat die Kanzlerin die Probleme der Frauen im Beruf für sich als Thema entdeckt. Mehr als hundert Frauen sitzen im Rund eines Sitzungssaals, neben bereits erfolgreichen Praktikerinnen sind auch etwa 30 neugierige Auszubildende und Forscherinnen vor allem aus mathematisch-technischen Berufen darunter. Die Opposition schimpft von einem Gipfel der „heißen Luft“.

Doch bei den Wählerinnen könnte die Initiative gut ankommen, zumal die politische Konkurrenz bei dem Thema eher hinterherhinkt: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kann bei Frauen nicht richtig punkten und der Koalitionspartner FDP kann sich nicht einmal dazu durchringen, eine innerparteiliche Frauenquote überhaupt zu diskutieren.

Anders die Kanzlerin, die ja schon qua Amt ein Vorbild für aufstrebende Frauen sein könnte. Beim Frauengipfel geht sie gleich in die Offensive und bittet „um eine ganz schonungslose und realitätsnahe Darstellung der Dinge“. Was manche der anwesenden Managerinnen dann berichten, bestätigt, dass es Frauen bis heute schwer haben, sich im Job nach oben zu kämpfen. „Als ich nach meiner Hochzeit wieder arbeiten wollte, hat mir das Finanzamt erst gar keine Lohnsteuerkarte schicken wollen“, berichtet die Vorstandschefin des bayerischen Stahlherstellers SKW, Ines Kolmsee. „Die sagten zu mir, wieso, Sie müssen doch gar nicht arbeiten?“

Die Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, erzählt von einem „Aufschrei der Empörung“ im Betrieb, als sie ihr viertes Kind erwartete. „Da fällt dann immer gleich das Wort ‚Rabenmutter‘.“ In anderthalb Stunden kommen viele Verbesserungsvorschläge: Mehr Teilzeit nach der Geburt eines Kindes, Betreuungsangebote in Unternehmen, steuerliche Vorteile für die Beschäftigung von Hausangestellten.

Merkel hört aufmerksam zu – und kommt sogar ein bisschen ins Grübeln, was ihre eigene Haltung angeht. Neulich habe sie in einer Podiumsdiskussion gesagt, dass eine Frau mit Kindern wohl nicht Bundeskanzlerin sein könne, sagt sie. „Und dann fiel mir ein – Mensch, der Kohl hatte ja auch Kinder.“ Da habe sie dann selbst gemerkt, „wie ich da verfangen“ war in traditionellen Rollenbildern.

Herbe Kritik gibt es für die Familienpolitik der schwarz-gelben Koalition: „Die Politik sollte alles sein lassen, was traditionelle Rollenbilder festlegt“, kommentiert Kolmsee knapp das Festhalten am Ehegattensplitting und die Einführung des Betreuungsgelds.

An der Frauenquote allerdings scheiden sich die Geister. Mehr eine Krücke als eine Hilfe sei die Quote für sie, sagt Simone Bagel-Trah vom Henkel-Konzern. Deutlich ungeduldiger ist da die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Dagmar Engel. Viele Männer seien schlicht unfähig, die Qualifikationen von Frauen zu erkennen, sagt sie. „Mir dauert es schlicht zu lange, ihnen das auf einem friedlichen Weg beizubringen.“ Glück für Merkel, die Pflichtquoten für Unternehmen skeptisch sieht und diese nur auf Druck aus ihrer Partei nun langsam vorantreiben will.

Den Zuhörerinnen zuliebe teilt die Kanzlerin am Ende dann doch noch ein bisschen aus: „30 Prozent ist ja auch eher ein freundliches Angebot. Nach hunderten Jahren Männerherrschaft könnte man ja auch 60 fordern.“

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