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Aufklärung von DDR-Medikamententests gefordert

Berlin (afp) – Angesichts des Ausmaßes von Medikamententests westlicher Pharmafirmen in der DDR mehren sich die Forderungen nach einer umfassenden Aufarbeitung. „Die vorliegenden Fakten müssen rückhaltlos untersucht und die Hintergründe aufgeklärt werden“, sagte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU) der „Mitteldeutschen Zeitung“ vom Montag. Auf Antrag der Grünen soll sich auch der Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit den Medikamentenversuchen befassen.

Bei den Medikamententests in der DDR seien offenbar ethische und rechtliche Standards systematisch unterlaufen worden, erklärte der Parlamentsgeschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck, in Berlin. Die Opfer müssten von den Firmen entschädigt, und „ein solches Outsourcing von Medizinversuchen muss gesellschaftlich geächtet werden“.

Nach einem Bericht des „Spiegel“ wurden im Auftrag von Pharmaunternehmen aus dem Westen in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet – oft ohne Wissen der Betroffenen. Das Magazin beruft sich auf bislang unbekannte Akten etwa der Stasi und des DDR-Gesundheitsministeriums. West-Pharmahersteller gaben demnach mehr als 600 Arzneimittelversuche an zehntausenden Patienten in Auftrag. Dabei kam es dem Bericht zufolge zu zahlreichen Todesfällen.

Bergner sagte, es wäre „ein schwerer Skandal, wenn tausende DDR-Bürger – vermutlich sogar unter Verletzung von Rechtsvorschriften der DDR – zu billigen und wohlfeilen Versuchskaninchen gemacht worden wären.“

Entschädigungen und strafrechtliche Konsequenzen forderte Unions-Fraktionsvize Arnold Vaatz (CDU). „Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen ist, dann stellt sich die Frage nach Schadenersatz und Ausgleichszahlungen, sagte Vaatz der „Berliner Zeitung“ (Montagsausgabe). Der FDP-Bundestagsabgeordnete Patrick Kurth erklärte, wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten, „wäre dies einer der größten Medizinskandale der deutschen Geschichte“.

An der Berliner Charité ist ein Forschungsprojekt zu den Arzneimitteltests geplant. „Wir erhoffen uns eine weitgehend systematische Aufarbeitung dieser Auftragsforschung“, erklärte Volker Hess, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Charité. Untersucht werden solle unter anderem der Umgang mit unerwünschten Nebenwirkungen. In einem ersten Schritt sei die nach Jahrzehnte übliche Vernichtung von Akten nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist gestoppt worden.

Thüringens Wissenschaftsminister Christoph Matschie (SPD) kündigte die Berufung einer Arbeitsgruppe am Universitätsklinikum Jena an. Ziel sei es, „Licht in dieses Kapitel zu bringen“, erklärte Matschie in Erfurt.

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums verwies am Montag in Berlin darauf, dass es bereits 1991 eine Untersuchung gegeben habe, die seinerzeit „keine Hinweise“ auf Rechtsverstöße ergeben habe.