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Regierung beteiligt sich an Aufklärung von DDR-Medikamententests

Berlin (afp) – Die Bundesregierung wird sich an der Aufklärung von Medikamententests westdeutscher Pharmakonzerne an DDR-Bürgern beteiligen. „Zu diesem Zweck habe ich dem Forschungsprojekt der Charité finanzielle Unterstützung zugesagt“, erklärte der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner, am Mittwoch in Berlin, ohne Details zu nennen. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) forderte, dass auch westdeutsche Pharmakonzerne bei der Aufklärung mitmachen.

Das Institut für Medizingeschichte der Berliner Charité hatte am Montag ein entsprechendes Forschungsprojekt angekündigt. „Die Studie soll eine historische und transparente Aufarbeitung der Arzneimittelversuche in der ehemaligen DDR leisten“, erklärte das Bundesinnenministerium.

Bergner betonte das „erhebliche Interesse an einer gründlichen Aufklärung des Sachverhalts“. Er forderte auch die Bundes- und Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ebenso wie den Verband forschender Arzneimittelhersteller, die Ärztekammern und etwaige Patientenvertreter auf, sich an der Studie zu beteiligen.

Gesundheitsminister Bahr verlangte auf „Spiegel Online“ ebenfalls von der Pharmaindustrie, „diesen Prozess nach Kräften zu unterstützen und zur Transparenz beizutragen“. Sein Ministerium selbst besitze keine Daten über klinische Studien in der DDR.

Die thüringische Gesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) rief dazu auf, nicht allein Arzneimittelhersteller unter die Lupe zu nehmen: Es sei mindestens genauso wichtig, zu untersuchen, was in den Patientenunterlagen stehe, sagte Taubert dem MDR. Nur so könne man an Betroffene herankommen und herausbekommen, ob die Patienten von den Tests gewusst hätten. Sie sei daher froh, dass sich das Universitätsklinikum in Jena zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe bereiterklärt habe. „Das Verwerfliche an der Sache ist, dass die DDR die Leute verkauft hat, für Devisen“, sagte Taubert.

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), Rainer Wagner, betonte, die Vorgänge zeigten, „wie die Verantwortlichen im Unrechtsstaat DDR hinterm Westgeld her waren und von daher keine moralischen Skrupel kannten“. Kapitalistische Unternehmen hätten das für ihre finanziellen Zwecke ausgenutzt, sagte Wagner der „Berliner Zeitung“ vom Dienstag. In eindeutigen Fällen müssten die Pharma-Firmen Betroffene entschädigen, „bis zu einem einmaligen Schmerzensgeld“.

Nach einem Bericht des „Spiegel“ wurden im Auftrag von Pharmaunternehmen aus dem Westen in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet – oft ohne Wissen der Betroffenen. Das Magazin beruft sich auf bislang unbekannte Akten etwa der Stasi und des DDR-Gesundheitsministeriums.