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Prozess um Mediator-Skandal in Frankreich wird wieder aufgenommen

Von Fabian Erik Schlüter.
Paris (afp) – Es ist einer der größten Arzneimittelskandale in der Geschichte Frankreichs: Bis zu 2000 Menschen starben an den Folgen des Diabetes-Medikaments Mediator, das als Mittel zum Abnehmen weit verbreitet war. Auf den Tag genau ein Jahr nach der Unterbrechung des ersten Strafprozesses dazu wird am Dienstag in Nanterre bei Paris das Verfahren gegen den Chef von Frankreichs zweitgrößtem Pharmakonzern Servier, Jacques Servier, fortgesetzt. Die Betroffenen aber sind skeptisch, ob ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird.

„Servier wird alles tun, um zu verhindern, dass Recht gesprochen wird“, sagt Geneviève Guerault, die schwere Gesundheitsschäden von Mediator davongetragen hat und zusammen mit rund 700 weiteren Nebenklägern den Prozess gegen Servier angestrengt hat. „Und in der Zeit werden weitere Kranke sterben. Ich empfinde Hass gegen diese Justiz, die nicht vorankommt, und gegen die Leute, die getötet haben und immer noch nicht im Gefängnis sitzen.“

Mehr als 30 Jahre lang wurde das von Servier hergestellte Medikament Mediator in Frankreich verschrieben, bevor es Ende 2009 schließlich vom Markt genommen wurde. Zunächst zur Senkung der Blutfettwerte und dann gegen Übergewicht bei Diabetes-Patienten gedacht, nutzten bald auch Nicht-Diabetiker das Medikament mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex zum Abnehmen.

Insgesamt sollen fünf Millionen Menschen das Mittel eingenommen haben, das zu einer Verdickung der Herzklappen führen kann. Laut Schätzungen starben zwischen 500 und 2000 Menschen an den Folgen der Medikamenten-Einnahme, tausende weitere mussten in Krankenhäusern behandelt werden.

In dem Strafprozess in Nanterre müssen sich Konzern-Chef Servier und vier frühere Führungskräfte des Pharmariesen wegen schweren Betrugs verantworten. Sie sollen die gefährlichen Nebenwirkungen des Medikaments gekannt und verheimlicht haben. Der inzwischen 91-jährige Servier sorgte erst vor wenigen Tagen für Empörung: Als ihn ein Kamerateam in der Nähe seines Hauses auf der Straße überraschte und auf den Prozess ansprach, antwortete er unwirsch: „Uns ist der Prozess schnurzegal.“

Servier ist es auch gelungen, den Prozess ein Jahr lang zu blockieren. Nach einem Antrag des Pharma-Chefs wurde der im Mai 2012 aufgenommene Prozess nach wenigen Tagen ausgesetzt und kann nun erst nach einem ganzen Jahr Unterbrechung fortgeführt werden. Serviers Anwälte hatten die Verfassungsmäßigkeit des Verfahrens in Zweifel gezogen, im August wies Frankreichs Oberster Gerichtshof den Antrag aber zurück.

Servier hatte das Gerichtsverfahren in Nanterre angefochten, weil gegen ihn parallel zu dem Prozess auch Pariser Untersuchungsrichter ermitteln. Zur Doppelung kam es, weil die Mediator-Opfer über einen vereinfachten Verfahrensweg einen raschen Prozess anstrengten, bei dem keine Ermittlungen von Staatsanwälten oder Untersuchungsrichtern notwendig sind. Die Pariser Untersuchungsrichter ermitteln gegen Servier inzwischen nicht mehr nur wegen Betrugs und Täuschung, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung.

Unter Beschuss geraten ist auch die französische Arzneimittelaufsicht. Denn in Spanien und Italien wurde Mediator schon 2003 und 2004 vom Markt genommen, in Deutschland erhielt das Medikament nie eine Zulassung. Eine französische Kontrollbehörde attestierte der Arzneimittelaufsicht 2011 „schweres Versagen“, demnach gab es bereits Mitte der 90er Jahre Hinweise auf die Gefährlichkeit des Wirkstoffs Benfluorex. Seit März läuft auch gegen die Arzneimittelaufsicht ANSM ein formelles Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung.