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Wenn die Moral versagt…

… dann hat der Markt gesiegt. So lassen sich die Ergebnisse eines Experiments des Bonner Ökonomen Prof. Armin Falk und seiner Bamberger Kollegin Prof. Nora Szech zusammenfassen. Der Markt erleichtert unmoralisches Handeln, weil die Folgen unserer Entscheidungen nicht sichtbar sind, so die These. Für die Forscher lassen sich die Ergebnisse mit dem Alltag der Verbraucher vergleichen.

Bonn (csr-news) > … dann hat der Markt gesiegt. So lassen sich die Ergebnisse eines Experiments des Bonner Ökonomen Prof. Armin Falk und seiner Bamberger Kollegin Prof. Nora Szech zusammenfassen. Der Markt erleichtert unmoralisches Handeln, weil die Folgen unserer Entscheidungen nicht sichtbar sind, so die These. Für die Forscher lassen sich die Ergebnisse mit dem Alltag der Verbraucher vergleichen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Akteure im Marktgeschehen gegen ihre eigenen moralischen Standards verstoßen“, fasst Falk die Resultate zusammen. Zwar würden sich Verbraucher in Umfragen immer wieder gegen Kinderarbeit, Ausbeutung oder Tierquälerei in der Lebensmittelproduktion aussprechen, gleichzeitig aber nach den billigsten Produkten suchen und so ihre eigenen moralischen Ansprüche ignorieren. Demnach führen Marktkräfte dazu, dass moralische Werte an Bedeutung verlieren. „Das kollektive Handeln führt tendenziell dazu, dass die Teilnehmer gegenüber ihren ethischen Ansprüchen Abstriche machen“, so Falk. Mehrere hundert Probanden nahmen an dem an der Universität Bonn durchgeführten Experiment teil. In unterschiedlichen Situationen, mit denen verschiedene Marktsituationen simuliert wurden, wurden sie vor eine moralische Entscheidung gestellt: Geld oder Leben – die Entscheidung viel entweder auf einen eher niedrigen Geldbetrag oder für das Leben einer Maus. „Wir haben untersucht, ob Menschen bereit sind, einem Dritten Schaden zuzufügen und damit unmoralisch zu handeln“, so Falk.

In drei unterschiedlichen Situationen wurde das moralische Verhalten der Probanden untersucht. Ein Teil musste sich klar für das Geld und gegen die Maus entscheiden, oder eben umgekehrt. Immerhin entschieden sich 45 Prozent der Teilnehmer für die in Aussicht gestellten zehn Euro und haben damit die Maus zum Sterben verurteilt. In den anderen simulierten Märkten wurde die Situation für die Maus noch gefährlicher. In der Simulation eines bilateralen Marktes mit jeweils einem Käufer und einem Verkäufer und der eines multilateralen Marktes mit mehreren Käufern und Verkäufern entscheiden sich schon rund 75 Prozent gegen die Maus. Immer wenn ein Kaufs- oder Verkaufsangebot akzeptiert wurde, kam es zu einem Handel mit der Folge, dass eine Maus starb. Das Hauptergebnis der Studie ist, dass im Vergleich zur individuellen Bedingung in beiden Marktbedingungen signifikant mehr Probanden dazu bereit sind, Mäuse für Geld zu töten: Märkte führen also zu einer Erosion moralischer Werte, so das Fazit der Forscher. „Wenn mehrere Akteure beteiligt sind, wird es offenbar einfacher, seine moralischen Standards zurückzustellen“, sagt Nora Szech.

In Märkten mit mehreren Käufern und Verkäufern zählen die eigenen moralischen Ansprüche weniger; Schuldgefühle können mit anderen geteilt werden, zudem erfährt man, dass andere auch nicht immer moralisch einwandfrei handeln. In Märkten mit vielen Käufern und Verkäufern sieht sich der Einzelne zudem weniger moralisch in der Pflicht, weil er sich damit rechtfertigen kann, ohnehin nur einen geringen Einfluss auf das Geschehen zu haben. „Diese Logik ist allgemein eine Eigenschaft von Märkten“, sagt Falk. Händler verweisen in diesem Zusammenhang gern auf den bewährten Spruch: „Wenn ich nicht kaufe oder verkaufe, tut es jemand anderes“. Dagegen ist diese Logik bei moralisch neutralen Konsumgütern weniger bedeutsam: „Wenn kein Dritter zu Schaden kommt, verlieren Märkte diesen Einfluss auf unser Verhalten. Wenn ich mich nicht schuldig fühle, benötige ich keinen Handelspartner, um mein Gewissen zu erleichtern“, erklärt Nora Szech.

Die ausführlichen Ergebnisse des Experiments wurden in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Sience“ vorgestellt. Und noch ein Wort zu den Mäusen, es handelte sich um sogenannte überzählige Labortiere, die alle eingeschläfert werden sollten. Durch das Experiment wurde also keine zusätzliche Maus getötet, im Gegenteil: Durch die Studie wurden viele hundert Mäuse gerettet, die sonst getötet worden wären. Entschied sich eine Testperson dafür, eine Maus zu retten, wurde die Maus von den Leitern der Studie gekauft. Die geretteten Mäuse sind gesund und leben nun unter bestmöglichen Laborbedingungen und medizinischer Versorgung weiter, lässt die Universität wissen.

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