Nachrichten

Unikate aus dem Papierkorb

Von Caroline Uhl

Frankfurt/Main (afp) – Die Vorderseite des Notizblocks ziert eine Landschaftsaufnahme von Kreta. Dahinter folgen gut 90 Blatt Papier, A4-Format, alles gefädelt auf eine Spirale. Klaus Oehler hält den Block in der Hand, an dessen Entstehung der Student zuvor selbst mitgewirkt hat. Bis zu 200 solcher Blöcke, jeder ein Unikat, fertigt eine kleine Tübinger Studentengruppe jeden Monat – und leistet damit Block für Block ein kleines Stück Umwelterziehung. Ihre Ware basteln die Studenten nämlich aus Altpapier. Davon fällt in Deutschland so viel an wie nirgendwo sonst in Europa.

Die Produktion ist reine Handarbeit. Einer sortiert das Papier, der nächste stanzt die Löcher. Deckel und Rücken werden zugeschnitten, mal aus Kalenderblättern, mal aus den Kartons für Tiefkühlpizza oder aus Cornflakes-Schachteln. Innenseiten, Deckel und Rücken auf einen Drahtkamm gefädelt, fertig ist der „Papierpilz“-Block. „Im Moment machen wir zwischen 100 und 200 Blöcken im Monat“, erzählt Oehler, einer von vier Gründern des Tübinger Studentenprojekts „Papierpilz“. „Wir haben mehr Aufträge, als wir Blöcke binden können.“

Ihre Produkte fertigen die Studenten aus dem, was andere wegwerfen: aus Schmierpapier. Die Seiten, aus denen die Blöcke entstehen, sind einseitig bedruckt, manchmal aber auch noch ganz leer. „An der Uni haben wir Holzkisten aufgestellt, dort wird das Papier reingelegt“, erzählt Mit-Initiatorin Gökce Albayrak. Auch die örtliche Volkshochschule und einige Büros sammelten mit. Gut 10.000 Blatt Papier kämen so im Monat zusammen, aus denen die Studenten ihre Blöcke fertigten.

Sie arbeiten sich damit allerdings an Papiermengen ab, die im Bezug auf den gesamten Papierverbrauch überhaupt nicht ins Gewicht fallen. Rein rechnerisch verbrauchte dem Verband der Deutschen Papierfabriken (VDP) zufolge jeder Bundesbürger im vergangenen Jahr 244 Kilo Papier, insgesamt macht das 20 Millionen Tonnen. Im weltweiten Vergleich liegt die Bundesrepublik damit hinter China, den USA und Japan auf Rang vier.

„Unser Grundgedanke war, dass es einfach eine totale Verschwendung ist, so viel Papier wegzuwerfen“, erzählt Oehler. Haupt-Aufgabe des Tübinger Projekts sei auch eher die Umweltbildung als die eigentliche Papierverwertung: „Wenn zwei, drei Leute wirklich zum Nachdenken angeregt werden und in ihrem Umfeld tätig werden, dann ist das schlussendlich in harten Zahlen ausgedrückt eine ganze Menge“, findet der Mathestudent.

Rund ein Jahr ist „Papierpilz“ mittlerweile alt. Das Projekt etabliere sich, erzählen die Gründer. Eine Stammkundschaft für die Blöcke wachse heran. Viele kämen aus dem Umfeld der Uni, dazu Privatleute, auch eine ganze Konferenz aus Meeresbiologen hätten sie mit ihren Schreibwaren schon ausgestattet. Feste Preise für die Blöcke gibt es dabei nicht, jeder spendet das, was er will. Im Schnitt gebe es pro Block um die drei Euro, erzählt Albayrak.

Expandieren und aus ihrem Projekt ein richtiges Geschäft machen wollen die Studenten aber ausdrücklich nicht. Wohl aber wollen sie Nachahmer für ihre Idee begeistern. Kleinere Initiativen habe es schon gegeben, mal habe ein Rostocker ein paar Blöcke gefädelt, mal eine Designstudentin aus Norwegen. In großem Stile sind die Tübinger mit ihrer Initiative aber alleine.

Dabei finden sich Anknüpfungspunkte fürs organisierte Direktrecycling sogar an ganz offizieller Stelle: Wer Papier vermeiden wolle, möge „Kartons oder Ablagen neben Kopierer und Drucker“ stellen, rät das Umweltbundesamt. Fehlkopien ließen sich so „als Notiz- oder Konzeptpapier“ nutzen. Wer diese noch auf einen Ringkamm fädelt, hat schon einen neuen Block – ganz im „Papierpilz“-Stil.