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Transparenz & Nachhaltigkeit in der Lieferkette: Das Interview mit dem Konsumforscher Michael Kuhndt

Der Handel sieht sich mit wachsenden Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeit in seiner Lieferkette konfrontiert. Was das für Lieferanten bedeutet und wie sich solche Anforderungen umsetzen lassen, darüber sprach CSR NEWS mit Michael Kuhndt, dem Leiter des Think Tanks „Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production“ (CSCP). Die Wuppertaler Wissenschaftler haben an der Konzeption des Rewe Eigenmarken-Labels „Pro Planet“ mitgewirkt und begleiten dessen Umsetzung.

Wuppertal (csr-news) – Der Handel sieht sich mit wachsenden Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeit in seiner Lieferkette konfrontiert. Was das für Lieferanten bedeutet und wie sich solche Anforderungen umsetzen lassen, darüber sprach CSR NEWS mit Michael Kuhndt, dem Leiter des Think Tanks „Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production“ (CSCP). Die Wuppertaler Wissenschaftler haben an der Konzeption des Rewe Eigenmarken-Labels „Pro Planet“ mitgewirkt und begleiten dessen Umsetzung. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

CSR NEWS: Wo ist der Handel gefordert, Verantwortung zu übernehmen, um Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft zu fördern?

Michael Kuhndt: Der Handel kann in seinem Kerngeschäft ansetzen, das ist das Verteilen und Verkaufen von Produkten. Dort kann er nachhaltige Angebote machen und seine Kunden und Lieferanten wissen lassen: Wir starten jetzt mit einem Produktangebot, das Nachhaltigkeitskriterien entspricht.

An welchen Nachhaltigkeitskriterien lässt sich dabei die Nachhaltigkeit von Produkten beurteilen?

Unser Ansatz als CSCP ist ein sehr holistischer: Es geht um das gesamte Produkt – von der Wiege bis zur Bahre. Idealerweise schafft der Handel es sogar, ein Produkt zurückzunehmen. Er muss sich also den gesamten Lebenszyklus und die gesamte Wertschöpfung anschauen und dabei offen an ökologische und soziale Aspekte herangehen. Bei den ökologischen Aspekten darf der Handel nicht nur den Klima- oder Ressourcenschutz herausgreifen, sondern alle Aspekte eines Produktes sind erst einmal zu betrachten – von der Energie über den Chemikalien- oder Pestizideinsatz bis hin zur Biodiversität. Gleiches gilt für die sozialen Aspekte. Danach gilt es festzuhalten: Was sind die relevanten Aspekte für die einzelne Produktgruppe? Dabei darf nicht ein vorgefertigtes Schema X auf alle Produkte angewendet werden.

Der Handel sollte also eine Vorreiterrolle einnehmen und weiter gehen, als es seine Kunden derzeit von ihm erwarten.

Die Frage ist, ob Konsumenten die Übersicht über die Herkunft der Produkte und die Rahmenbedingungen ihrer Herstellung besitzen können. Anders der Handel: Wenn er gute Einkäufer beschäftigt, besitzt er dieses Fachwissen. Und insofern geht der Handel ein Stück weiter als der Konsument, weil er der Experte ist und der Kunde nicht die ganze Wertschöpfungskette kennt. Der Handel und die Hersteller sind dabei immer häufiger bereit, über ihre Herstellungsketten zu informieren.

Wie viel an Informationen und an Transparenz braucht ein Produkt – und wie viel verlangt der Kunde?

Der Handel ist gut beraten, sich selbst mit der Transparenz auseinanderzusetzen. Denn in einem Produkt stecken Risiken und diese Risiken muss er kennen. Ein guter Kaufmann muss wissen, ob soziale Aspekte in der Herstellung nicht OK sind, ein Produkt in der Nutzen- oder Konsumphase viel zu viel Energie verbraucht oder dass überproportional viel Wasser beim Erdbeeranbau eingesetzt wird. Diese Risiken lassen sich heute nicht mehr ausblenden. Früher gab es das Internet nicht, da konnte man vielleicht darauf verzichten. Aber heute muss der Handel über dieses Wissen verfügen. Es muss dann nicht alles in detaillierter Kleinarbeit an den Kunden kommunizieren werden, aber der Handel muss sein Wissen sortierter und informierter weitergeben.

Wie viel Aufwand bedeutet das für den Handel? Schlägt sich das schließlich im Preis nieder?

Wer Risiken vermeidet, spart langfristig Geld. Wer ein Risiko rechtzeitig erkannt hat, bevor es zum Problem geworden ist, kann es beseitigt. Kurzfristig gilt es natürlich, aktiv zu werden, Geld einzusetzen, etwa die Wissenschaft und NGOs einzubinden und Risiken mit Präventionsprogrammen zu beseitigen. Langfristig macht sich das in der Regel bezahlt. Im Blick auf einen Drei-Jahres-Zeitraum muss ein Produkt nicht unbedingt teurer werden, wenn Maßnahmen innerhalb dieser Zeit aus den Gewinnen refinanzieren werden können. Andernfalls muss der Handel entsprechende Aufschläge vornehmen und dann kommunizieren, warum sich ein Produkt um 20 Cent verteuert. Kostensteigerungen im 10-Prozent-Bereich werden von Kunden oft mitgetragen. Wenn es darüber hinausgeht, muss man das schon sehr gut erklären können und zugleich einen zusätzlichen Nutzen schaffen, damit der Kunde den Preis mitträgt.

Was ist in diesem Zusammenhang das Besondere und Neue an dem Pro Planet-Label der Rewe-Group?

Das Neue an diesem Label ist die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette von Beginn an. Am Anfang steht also kein vordefiniertes Schema, sondern bei jeder Produktgruppe wird abgefragt, was die Hot Spots sind, also die Problem- oder Risikobereiche. Das können Risiken für die Natur oder die Arbeiter sein und natürlich auch für den Handel und den Konsumenten. Das will Pro Planet in der Analysephase herausfinden. Dann geht es in die nächste Phase: Dieses Wissen wird an die Rewe gegeben und das Unternehmen beschließt dann entsprechende Aktionsmaßnahmen, um diese Risikobereiche zu minimieren. Dazu gibt es einen Aushandlungsprozess mit einem Beirat. Nachhaltigkeit ist immer relativ: Wasserverbrauch in Afrika hat eine andere Bedeutung als Wasserverbrauch in Deutschland. Deshalb muss man sich über Ziele und konkrete Maßnahmen im jeweiligen Kontext verständigen. Dabei unterstützt der Pro Planet-Beirat das Unternehmen. Er verfügt über die Expertise und berät die Rewe zu, welche Maßnahme wie weit umgesetzt werden sollten.

Wie einfach oder kompliziert war es beim Start von Pro Planet, die Zulieferer mit an Bord zu bekommen?

Mit Pro Planet sind wir bei den Eigenmarken der Rewe unterwegs. Da war eine solche Gesprächstiefe vorhanden, dass die Zulieferer relativ einfach mit an Bord zu bekommen waren. Inzwischen interessieren sich auch Zulieferer von Nicht-Eigenmarken für diese Ideen. Diese Gespräche laufen so gut oder so schlecht, wie diese Zulieferer selbst Nachhaltigkeit verstanden hat. Wer bereits intensiv an Nachhaltigkeitsthemen arbeitet, kann die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette sehr gut nachvollziehen. Wenn er sich noch nicht auf den Weg gemacht hat oder nur wenige Themen wie Energieeffizienz und Klimaschutz in den Blick nimmt, der schüttelt manchmal den Kopf über das, was bei Pro Planet geschieht.

Das 100-prozentig nachhaltige Produkt wird es nie geben. Wie kommuniziert ein Unternehmen überzeugend, dass es auf dem Weg ist, aber nicht am Ziel?

Alles über ein Produkt zu kommunizieren wird zu komplex. Pro Planet gibt deshalb ein Angebot über eine Kennziffer und der Kunde ist aufgerufen, selbst nachzulesen. In der Regel findet dieses Nachlesen nicht statt, weil Kunden vertrauen möchten: Rewe treibt die Nachhaltigkeit der Pro Planet-Produkte gemeinsam mit dem Beirat so weit, wie es zum gegenwärtigen Stand richtig und wichtig ist. Dabei sollten sich Konsumenten auch fragen: Wie weit kann ein Produkt überhaupt nachhaltig sein? Und habe ich in dieser Nachhaltigkeit nicht auch eine eigene Rolle? Wer ein biologisches oder fair gehandeltes Produkt schnell in den Abfall wirft, hat dessen Nachhaltigkeitseigenschaften selbst konterkariert.

Was haben Sie aus der jetzt dreijährigen Erfahrung mit Pro Planet gelernt und wo mussten Sie umsteuern?

Es gab mehrere Lernprozesse. Einer dieser Prozess drehte sich um die Frage: Wie gehen wir mit der Vielzahl unterschiedlicher Hersteller um, die ein ähnliches Produkt erzeugen? Wie erreichen wir schnell, dass sie sich mit den möglichen Problembereichen auseinanderzusetzen? Am Anfang wurden die Hot Spots an den Zulieferer kommuniziert. Dann haben wir gesehen: Besser ist es, wir kommunizieren nicht nur, sondern der Zulieferer findet die Hot Spots auch selber heraus. Wir haben Fragebögen entwickelt, die Zulieferer mittlerweile selbst ausfüllen. Dann diskutieren wir das und stellen vielleicht fest: Wir sehen das ein bisschen anders. Das generiert Lernprozesse bei den Zulieferern. Und die sind wichtig, damit sich langfristig in der gesamten Zulieferkette immer mehr bewegt.

Ein weiterer Lernprozess drehte sich um das Festlegen von Zielen. Wie weit geht man den eigentlich mit der Nachhaltigkeit? Ist eine Reduktion des Wasserverbrauchs um 30, 40 oder 100 Prozent notwendig? Das ist eine exponentielle Kurve: Je mehr man die 100 Prozent erreicht, umso teurer wird’s. Welches Optimierungspotential ist also zu erreichen? Das sind harte und manchmal lange Aushandlungsprozesse mit dem Beirat, der gemeinsam mit Rewe eine Lösung finden muss. Vor drei Jahren haben wir mit dem Ziel gestartet, viele nachhaltige Produkte möglichst schnell auf den Markt zu bekommen. Wir haben aber gemerkt: All diese Prozesse brauchen Zeit. Und es ist gut investierte Zeit, weil man sich tatsächlich elementar und auf ganz unterschiedlichen Ebenen mit Nachhaltigkeitsprozessen auseinandersetzt und Lernprozesse organisiert: auf den Ebenen der Einkäufer, der Beiräte, der Wissenschaft, von Rewe und den Zulieferern. Das braucht länger, aber es ist über mehrere Jahre gesehen der effektivere Weg des Lernen und Wissens, als nur ein anderes Label einzukaufen.

Vielen Dank!

Mehr zu Nachhaltigkeit und Transparenz in der Lieferkette und zum Label „Pro Planet“ lesen Sie in der Juni-Ausgabe des CSR MAGAZIN.

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