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Klimaforschung: Wissenschaft oder Glaubenskrieg

Selten wurde einer Broschüre des Umweltbundesamtes (UBA) eine derartige Aufmerksamkeit zuteil. Mit dem trotzigen Titel „Und sie erwärmt sich doch“ wollte das Amt die Debatte um den Klimawandel thematisieren und hat dabei weit über das Ziel hinausgeschossen. Klimakritische Wissenschaftler und Journalisten werden namentlich diffamiert und wehren sich nun gegen die Verbreitung.

Dessau (csr-news) > Selten wurde einer Broschüre des Umweltbundesamtes (UBA) eine derartige Aufmerksamkeit zuteil. Mit dem trotzigen Titel „Und sie erwärmt sich doch“ wollte das Amt die Debatte um den Klimawandel thematisieren und hat dabei weit über das Ziel hinausgeschossen. Klimakritische Wissenschaftler und Journalisten werden namentlich diffamiert und wehren sich nun gegen die Verbreitung.

Schon im Vorwort wird die Zielrichtung deutlich: „Schon lange warnt die Klimaforschung vor einer drohenden Klimaerwärmung…“. Und weiter: „Im Gegensatz dazu, gibt es einen Personenkreis, der die Erkenntnisse der Klimawissenschaft nicht anerkennt, die sogenannten Klimaskeptiker“. Tatsächlich wird die Klimaforschung zunehmend kontrovers geführt, längst gibt es Zweifel an der Theorie der menschgemachten Erderwärmung. „Dabei ist sich die wissenschaftliche Gemeinschaft über die Ursachen der Klimaerwärmung weitgehend einig“, schreiben die Autoren und lassen damit zumindest durchklingen, dass es auch andere Auffassungen gibt. Es sind die Wissenschaftler beider Lager, die sich immer mal wieder zum Wettstreit der Thesen hinreißen lassen. Dennoch steht die Klimawissenschaft nach Auffassung des UBA in der öffentlichen Diskussion zu sehr unter Beschuss. Aufklärung scheint also das Gebot der Stunde und daran ist gar nichts auszusetzen. So beschäftigt sich die Broschüre mit Fragen wie den Ursachen der Klimaveränderung und dem tatsächlich beobachtbaren weltweiten Temperaturanstieg. Behandelt werden aber auch Fragen wie die nach der Vorhersagbarkeit, wenn – so ist immer mal wieder zu lesen – selbst das Wetter nicht mal zwei Wochen vorhergesagt werden kann.

Genau an diesem Punkt wird die häufig polemisch geführte Diskussion deutlich. Alles wird durcheinander gewürfelt und die aufmerksamkeitsstärkste These herausgeholt. Hätte das UBA nicht einfach die Kontroverse darstellen können? Stattdessen lässt es sich zu zwei seltsam anmutenden Vorgängen hinreißen: 1. Die (auch wissenschaftlich) geführte Diskussion wird praktisch für beendet erklärt – das Ergebnis steht unumstößlich fest und 2. Namentlich genannten Wissenschaftlern und Journalisten, die sich kritisch mit dem Klimawandel auseinandersetzen, wird öffentlich, quasi amtlich, die Glaubwürdigkeit und Beurteilungsfähigkeit abgesprochen. Es zählt die Haltung des Weltklimarates IPCC, alle anderen mögen bitte schweigen.

Im Teil B der Broschüre sind die Journalisten und die Medien, in denen sie publizieren, namentlich genannt. Zu den Betroffenen zählen unter anderem der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift Natur und der Ressortleiter Forschung beim Focus. „Die Textpassage liest sich so, als sollten die Kollegen als inkompetent an den Pranger gestellt werden“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV) Michael Konken. Das sei nicht akzeptabel. Eine staatliche Behörde habe nicht die Aufgabe, Kritiker der Regierungspolitik als Abweichler zu brandmarken, so Konken. Er forderte Bundesumweltminister Peter Altmaier auf, die Broschüre in der vorliegenden Form nicht weiter zu verbreiten und sich bei den betroffenen Kollegen zu entschuldigen“. Doch Altmaier denkt gar nicht daran und wies in einem Interview mit der Welt am Sonntag den Vorwurf der Stimmungsmache zurück, räumte allerdings ein, dass man über die Broschüre diskutieren könnte.

Die in der Broschüre genannten Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch wehren sich indes gegen den öffentlichen Vorwurf, als „fachfremd“ und insofern als „inkompetent“ dargestellt zu werden. Gestern nannte auch die Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK) den Vorgang völlig inakzeptabel. „Es ist nicht Aufgabe einer staatlichen Institution festzulegen, welche Meinungen geäußert werden dürfen und welche nicht“, erklärte WPK-Vorsitzender Martin Schneider, „Journalisten dürfen und müssen unterschiedliche Positionen vertreten, und sie dürfen und müssen immer wieder auch etablierte Wissenschaftler in Frage stellen“. Im Übrigen könne es nicht Aufgabe einer Behörde sein, bestimmte wissenschaftliche Positionen quasi amtlich als wahr zu beurkunden. Auch wenn der anthropogen bedingte Klimawandel nicht mehr bezweifelt werden kann, gibt es in der Wissenschaft intensive Diskussionen über viele Details, etwa über seine Folgen und die Gültigkeit bestimmter Modelle. „Dieser Diskurs muss innerhalb der Wissenschaft geführt werden, und Journalisten müssen ihn kritisch begleiten“, so Schneider.

Aus der Wissenschaft regt sich ebenfalls Widerstand, der in der Broschüre genannte Professor Fritz Vahrenholdt legt in einem öffentlichen Brief seine Sicht der Dinge dar. „Ich möchte Sie fragen, was Sie bewogen hat, Journalisten ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Wissenschaftlern ihr Recht auf kritische Überprüfung von wissenschaftlichen Sachverhalten abzusprechen“, schreibt er und schließt mit dem Satz: „Das Umweltbundesamt hat mit der Veröffentlichung ‚Und sie erwärmt sich doch‘ den Boden des gesetzlichen Auftrags verlassen. Ich möchte von Ihnen wissen, wie Sie diese beispiellose Verzerrung wissenschaftlicher Daten heilen wollen“. Inzwischen hat das UBA kleiner Korrekturen an der Broschüre vorgenommen. Unter anderem wurden die Autoren namentlich im Impressum aufgeführt, dies war in der ersten Version noch nicht der Fall – allesamt keine Klimaexperten.

Und sie erwärmt sich doch – Was steckt hinter der Debatte um den Klimawandel?

Borschüre Umweltbundesamt

 

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