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„Verbraucher suchen einen schnellen Rat“: Verbraucherschützer Georg Abel im Interview

Über die Qualität fleischlicher Lebensmittel wird angesichts zahlreicher Skandale breit diskutiert, „billig“ ist für immer mehr Verbraucher kein alleiniges Kaufargument. Die Handelsgruppe Rewe will mit dem Eigenmarkenlabel „Pro Planet“ nachhaltigere Produkte auszeichnen und Transparenz in die Lebensmittellieferkette bringen. Wie das gelingt, darüber sprach CSR NEWS mit einem Mitglied des Pro Planet-Beirates, dem Bundesgeschäftsführer von „Die Verbraucher Initiative (Bundesverband)“, Georg Abel.

Berlin (csr-news) – Über die Qualität fleischlicher Lebensmittel wird angesichts zahlreicher Skandale breit diskutiert, „billig“ ist für immer mehr Verbraucher kein alleiniges Kaufargument. Die Handelsgruppe Rewe will mit dem Eigenmarkenlabel „Pro Planet“ nachhaltigere Produkte auszeichnen und Transparenz in die Lebensmittellieferkette bringen. Wie das gelingt, darüber sprach CSR NEWS mit einem Mitglied des Pro Planet-Beirates, dem Bundesgeschäftsführer von „Die Verbraucher Initiative (Bundesverband)“, Georg Abel. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

CSR NEWS: Worin liegt bei dem Label Pro Planet der Vorteil für den Verbraucher?

Georg Abel: Pro Planet ist ein Label, das nachhaltigere Produkte kennzeichnet und bietet Vorteile: Pro Planet ist branchenübergreifend, es geht dabei nicht nur um Lebensmittel, sondern beispielsweise ist auch der Baumarktbereich involviert. Zweitens ist es länderübergreifend, Produkte mit diesem Zeichen sind auch in Österreich auf dem Markt. Drittens richtet es sich an den Massenmarkt und damit an Verbraucher außerhalb der Nischen öko, fair oder regional. Und der vierte Punkt: Hinter Pro Planet steht mit REWE ein Player mit der entsprechenden Marktmacht und den entsprechenden Synergieeffekten.

Im Beirat von Pro Planet sitzen Sie als Vertreter einer Verbraucherorganisation mit Unternehmensvertretern von Rewe zusammen und diskutieren beispielsweise über die Hot Spots. Was ist erforderlich, damit eine solche Zusammenarbeit gelingen kann?

Als Verbraucherorganisation sind wir ein politischer Akteur, und dazu gehört es auch, mit Unternehmen Dialoge zu führen. Das machen wir seit vielen Jahren, im Einzelfall gehen wir mit Unternehmen Kooperationen ein – wie bei dem Pro Planet-Zeichen. Hier sitzen wir zunächst nicht mit Rewe am Tisch, sondern wir beschäftigen uns gemeinsam mit vier anderen Organisationen mit der Hot Spot-Analyse, die auf wissenschaftlichen Untersuchungen basiert. Wir beleuchten die Hot Spot- Analyse unter Verbraucher-, Umwelt- und Sozialgesichtspunkten und gehen danach, nachdem wir uns eine Meinung im Beirat gebildet haben, in den Dialog mit Rewe. Diese Reihenfolge ist gut, denn wir können so erst einmal mit unserer fachlichen NGO-Sicht auf das Thema schauen.

Wir treffen uns dazu nicht bei Rewe, sondern in Wuppertal beim Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass wir uns unserer Rolle als NGO durchaus bewusst sind. Wenn wir dann in den Dialog mit Rewe gehen, sind die Blickwinkel teilweise unterschiedlich und es dauert manchmal länger, als es sich das Unternehmen möglicherweise vorgestellt hat. Das Vergabeverfahren ist ein sehr dialogorientierter Prozess, denn natürlich ist auch der Blickwinkel eines Unternehmens nicht unwichtig.

Was kann der Verbraucher in Sachen Nachhaltigkeit und Transparenz vom Lebensmittelhandel erwarten – und was bietet hierzu das Pro Planet-Label?

Zunächst einmal gehört es zur Rolle des Verbrauchers, dass er entscheidet, welche Produkte erfolgreich sind und welche weniger – in dem er sie aus dem Regal nimmt oder liegen lässt. Außerdem hat er Macht, weil er entscheidet, welche Einkaufsorte er aufsucht. Und er entscheidet welche Unternehmen er bevorzugt – sowohl bei Händlern als auch bei Herstellern. Das sind drei Punkte der Verbraucherrolle, die in Zukunft noch wichtiger werden. Unternehmen stehen enorm unter Druck, weil es rückläufige oder stagnierende Märkte gibt und weil der Verbraucher viel bewusster und nachhaltigkeitsorientierter einkauft als früher. Deshalb müssen sich Unternehmen bewegen und Angebote auch außerhalb der Nische schaffen.

Im Lebensmittelbereich ist durch die Skandale der letzten Monate viel Vertrauen in die Wirtschaft verloren gegangen. Der Verbraucher kann sich bewusst verhalten, braucht dazu aber Informationen. Die kommen am besten von NGOs, weil diese eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen. Verbraucher suchen einen schnellen Rat, Label bieten diesen schnellen Rat. Von daher kommt das in einem sehr aufwendigen Verfahren von Rewe entwickelte Siegel für nachhaltigere Produkte diesem Verbraucherbedürfnis entgegen. Umgekehrt heißt das zugleich: Es muss anspruchsvoll sein und die gesamte Lieferkette im Blick haben – vom Anbau der Rohstoffe bis zur Konsumphase und der Entsorgung der Lebensmittel. Wir glauben: Der Handel ist nicht raus aus der Verantwortung, wenn er seine Produkte verkauft hat, sondern auch in Sachen Lebensmittelverschwendung in der Pflicht.

Was sind die „Lessons learned“ aus drei Jahren Pro Planet?

Das erste ist: Wir müssen mehr in die Kommunikation über den Mehrwert von Pro Planet gehen, das ist mir aus der Perspektive einer Verbraucherorganisation wichtig. Das ist nicht nur eine Aufgabe für Rewe, sondern auch für den Pro Planet-Beirat. Das zweite ist ein politisches Anliegen, diese Position habe ich schon vor meinem Eintritt in den Beirat vertreten: Mittelfristig müssen wir dieses Zeichen von einem unternehmensinternen zu einem unternehmensübergreifenden Label entwickeln, damit wir mehr in Bewegung bringen. Das ist eine politisch-strategische Aufgabe, auch für NGOs. Drittens: Am Ende des Drei-Jahres-Zeitraums kommen wir nun bei den ersten Produkten in eine Auswertung. Dazu gehört, ehrlich zu sagen: Was haben wir uns vorgenommen? Was haben wir erreicht? Und wenn wir etwas nicht erreicht haben, sollten wir auch sagen, warum wir es nicht erreichen konnten. Dies kann ja strukturelle Gründe haben und dann müssen wir diese verändern. Nun müssen wir zunächst abwarten, denn wir kommen gerade erst in die Auswertung.

Vielen Dank!

In der Juni-Ausgabe des CSR MAGAZIN lesen Sie mehr zum Thema „Transparenz und Nachhaltigkeit in der Lebensmittellieferkette“.

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