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Provieh: Der Handel muss handeln – im Dialog mit NGOs

Der Tierschutz ist als CSR-Thema wenig entdeckt, obgleich es dort noch sehr viel zu tun gibt. So sieht es der Biologe Stefan Johnigk, Geschäftsführer von Provieh – Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung. Sein Verein kooperiert mit der Rewe-Gruppe, um Tierwohlaspekte in deren Lieferkette zu verankern.

Kiel (csr-news) – Der Tierschutz ist als CSR-Thema wenig entdeckt, obgleich es dort noch sehr viel zu tun gibt. So sieht es der Biologe Stefan Johnigk, Geschäftsführer von Provieh – Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung. Sein Verein kooperiert mit der Rewe-Gruppe, um Tierwohlaspekte in deren Lieferkette zu verankern.

Unternehmenskooperationen sind für Tierschutzorganisationen ein heikles Thema. Schnell steht der Vorwurf des Greenwashing im Raum. „In der Zusammenarbeit mit Rewe halten wir uns medial stark im Hintergrund und stellen die Facharbeit deutlich in den Vordergrund“, sagt Johnigk. Und auch etwas anderes macht es den Tierschützern nicht leicht: Die Haltungsbedingungen in der Massentierhaltung lassen sich nicht schnell in die von ihnen gewünschte Richtung umgestalten. Vielmehr gilt es, viele kleine Schritte in Richtung Tierwohl zu gehen und dabei das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Johnigk: „Tierschützer sind per se sehr ungeduldige Menschen.“ Und sie gelten in der Regel nicht als Freunde der Landwirte.

Dennoch versteht sich der vor 40 Jahren gegründete Verein Provieh mit seinen 8.000 persönlichen und 100 juristischen Mitgliedern als Partner der Viehhalter im Bemühen um eine artgerechte Haltung. Mit ihrer fachlichen Expertise wollen die Tierschützer Verbesserungen in den Schweine-, Rinder- und Hühnerställen initiieren und führen dazu seit Jahren Vier-Augen-Gespräche mit den Landwirten. Wie Rewe mit dem Pro Planet-Label mehr Nachhaltigkeit in die landwirtschaftliche Lieferkette bringen will, haben sich die Provieh-Experten eine Zeit lang angesehen, es für richtig und sinnvoll befunden und den Kontakt zum Handelskonzern vor zwei Jahren vertieft.

„Wir brauchen einen Ansatz, der in der breiten Masse wirkt.“ Johnigk weiter: „Wenn die Rewe als großer Handelskonzern ins Wasser springt, dann schlägt das große Wellen.“ Zertifizierte Bioprodukte seien zwar sehr wichtig, würden aber nie die breite Masse erreichen. Und die Preisdifferenz zwischen diesen nachhaltigen Produkten und dem billigsten Angebot ist für Johnigk das „Tal des Todes für den Tierschutz“: Dort lasse sich kein nachhaltiges Angebot platzieren und deshalb gelte es, die Standards für die Massenware anzuheben. Pro Planet sei zwar kein Tierschutzlabel, greife das Thema Tierwohl im Rahmen des Nachhaltigkeitsansatzes jedoch mit auf und setze auf eine Verbesserung der Standards in der Massentierhaltung. Dies geschieht bei Masthühnern etwa durch eine verringerte Anzahl von Tieren in den Ställen, die Bereitstellung von Beschäftigungsmaterial für die Hühner oder durch verbesserte Schlachtmethoden.

Provieh unterstützt diesen Ansatz durch fachliche Stellungnahmen zu möglichen Maßnahmen und die Begutachtungen von deren Ergebnissen durch Besuche in den Mastställen. Manchmal geraten die Tierschützer dabei in eine Vermittlungsrolle zwischen Landwirten und ihren Abnehmern, wenn es etwa um die Frage geht, welche Verbesserungen erreichbar und ob diese das dafür einzusetzende Kapital wert sind. Voraussetzung für den offenen Dialog ist, dass Provieh Vertraulichkeit wahrt und vorgefundene Missstände nicht in der Öffentlichkeit ausbreitet.

Provieh und Rewe arbeiten auf eine branchenweite Verbesserung der Standards für die Nutztierhaltung hin. „Als NGOs wissen wir, dass der Handel handeln muss“, sagt Johnigk. Die Verantwortung dürfe nicht an den Verbraucher weitergereicht werden. Allerdings seien nicht alle Handelsketten zur Integration von Tierwohlanforderungen in ihren Lieferketten und zum Dialog mit NGOs bereit. Manche schienen im Gegenteil mit aggressiven Preisen gerade bei solchen Produkten punkten zu wollen, bei denen Pro Planet eine nachhaltige – und damit kostenintensivere – Lieferkette aufbaue. Provieh überlegt deshalb, die „übermäßigen Bremser“ zukünftig in Kampagnen namentlich zu benennen.

Foto: Ein Masthähnchen im Alter von 18 Tagen.