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Quo vadis, Nachhaltigkeitsberichterstattung?

Nachhaltigkeitsberichterstattung ist für börsennotierte Unternehmen zur Routineübung geworden – sollte man denken. Eine aktuelle Studie der Hamburger Kommunikationsberatung Kirchhoff Consult AG belegt allerdings, dass dieser Eindruck ganz wesentlich von der Berichterstattung der DAX30-Konzerne geprägt wird.

Hamburg (csr-service) – Nachhaltigkeitsberichterstattung ist für börsennotierte Unternehmen zur Routineübung geworden – sollte man denken. Eine aktuelle Studie der Hamburger Kommunikationsberatung Kirchhoff Consult AG belegt allerdings, dass dieser Eindruck ganz wesentlich von der Berichterstattung der DAX30-Konzerne geprägt wird. Zum Zeitpunkt der Erhebung (Mitte April 2013) verfügten 27 von ihnen über einen Nachhaltigkeitsbericht bzw. einen kombinierten Bericht. Im Schatten des deutschen Leitindex besteht die nachhaltige Berichtswelt hingegen zu einem unerwartet großen Teil noch aus Entwicklungsländern.

MDAX: Bewusstsein wächst

Bereits im ersten Index jenseits der ganz großen öffentlichen Bühne rutscht die Quote vollwertiger Nachhaltigkeitsberichte bzw. kombinierter Publikationen auf 40 Prozent ab. Berücksichtigt man die qualitativ sehr unterschiedlichen Ausführungen in den Geschäftsberichten, erreicht die thematische Abdeckung hingegen bereits 98 Prozent – ein klarer Aufwärtstrend gegenüber den Vorjahren. Einzig die Immobiliengesellschaft Gagfah lässt die Öffentlichkeit über ihr nachhaltiges Engagement komplett im Unklaren.

SDAX: Ein knappes Drittel schweigt

Spätestens die Analyse des SDAX belegt, dass eine starke Korrelation zwischen Unternehmensgröße und Qualität der Nachhaltigkeitsberichterstattung besteht: Die Quote umfassend berichtender Unternehmen sinkt auf 20 Prozent, parallel steigt der Anteil der überhaupt nicht kommunizierenden Unternehmen sprunghaft auf knapp 30 Prozent an. Dazwischen, in den Nachhaltigkeits-Abschnitten der Geschäftsberichte: viel Mittelmaß und Alibi-Angaben.

TecDAX: Klassenprimus verloren

Mit Solarworld verließ ein Pionier der kombinierten Berichterstattung im März 2013 unfreiwillig den Index. Nachrücker Telefónica zählt zu den lediglich vier Unternehmen, die einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen. Gut die Hälfte der TecDAX-Unternehmen begnügt sich mit vielfach rudimentären Ausführungen im Geschäftsbericht. Bei sieben Firmen, also fast einem Viertel des Index, bleibt Nachhaltigkeit als Thema gänzlich unbeleuchtet.

Und bist Du nicht willig …

Es wirkt fast etwas ironisch, dass die deutschen Unternehmen mit dieser Bilanz im europäischen Vergleich noch sehr gut dastehen. So stellte die Europäische Kommission im April 2013 fest, dass nicht einmal 10 Prozent der größten Gesellschaften in der EU regelmäßig nachhaltigkeitsrelevante Informationen offenlegen. Gleichzeitig legte sie einen Vorschlag zur Änderung der Rechnungslegungsrichtlinien vor, nach der Gesellschaften mit mehr als 500 Mitarbeitern künftig „ihre Grundsätze, Risiken und Ergebnisse in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelange, Achtung der Menschenrechte, Bekämpfung von Korruption und Bestechung sowie Vielfalt in den Leitungs- und Kontrollorganen“ offenlegen sollen.

Auch wenn der genaue Zeitpunkt noch unbestimmt ist – aus der bisherigen Kür wird bald eine gesetzliche Pflicht werden. Eine Pflicht, auf die sich die Unternehmen rechtzeitig und gewissenhaft vorbereiten sollten.

Die Qual der Wahl

Erste Hürden lauern bereits bei der Wahl des Regelwerks, an dem sich die Berichterstattung orientieren soll. Während Unternehmen diese Entscheidung bei Finanzberichten längst abgenommen ist, buhlen auf dem Feld der Nachhaltigkeitsberichterstattung diverse Standards um die Anerkennung des Marktes. Der Platzhirsch, die Global Reporting Initiative (GRI), veröffentlichte im Mai 2013 ihre kontrovers diskutierten Leitlinien G4. Das International Integrated Reporting Committee (IIRC) publizierte eine überarbeitete Draft-Version seines Rahmenwerks zur integrierten Berichterstattung. Hinzu gesellen sich diverse nationale Initiativen – beispielsweise der Deutsche Nachhaltigkeitskodex oder die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) – und Rankings mit eigenen Berichtskriterien. Last but not least strahlen auch Leitlinien, die eigentlich das Nachhaltigkeitsmanagement betreffen – wie der UN Global Compact – auf die Berichterstattung ab.

Obwohl es in der Kommunikation in aller Regel um Alleinstellungsmerkmale geht – in Sachen Nachhaltigkeitsberichterstattung empfiehlt es sich, ausnahmsweise einmal mit der Masse zu schwimmen. Und diese trägt den Namen GRI. Mit weltweit mehr als 2.000 publizierten Berichten pro Jahr stellen die GRI-Richtlinien das mit Abstand am weitesten etablierte Regelwerk dar. Die GRI ist zudem im Council des IIRC an der Erarbeitung des Rahmenwerks zum Integrierten Reporting beteiligt. Zumindest eine gewisse Kompatibilität sollte dort also künftig gewährleistet sein. Darüber hinaus referenzieren nationale Initiativen wie der Deutsche Nachhaltigkeitskodex auf GRI-Angaben. Das publizierende Unternehmen schlägt also im Idealfall mehrere Fliegen mit einer Klappe.

Die Strategie prägt das Reporting

Bei der Berichterstattung über nachhaltige Themen sollten die Verantwortlichen eine wichtige Regel nie aus den Augen verlieren: Reporting hat die Aufgabe, Strategien und Ziele zu vermitteln bzw. zu erläutern. Seine Aufgabe ist nicht, diese erst zu formulieren. Existieren also weder Strategie noch Ziele, sollten die Alarmglocken schrillen. Hier hat der Vorstand seine Hausaufgaben noch nicht gemacht; das Risiko einer kommunikativen Bruchlandung ist hoch. Ähnliches gilt für die Zahlenwerke: Wer die strukturierte Erhebung nicht-finanzieller Daten erst angeht, wenn das Berichtsprojekt schon im vollen Gange ist, macht den zweiten Schritt vor dem ersten – und stolpert.

Direkt auf die Zukunft setzen

Angesichts des Niveaus, das erstklassige Nachhaltigkeitsberichte mittlerweile erreichen, ist es für Nachzügler mittlerweile praktisch unmöglich, aus dem Stand heraus ein ebenbürtiges Produkt zu publizieren. Viele ambitionierte Projekte haben nur unter massiven Verfehlungen von Zeitplan und Budget das Licht der Welt erblickt, weil sich ursprüngliche Einschätzungen der erforderlichen Ressourcen sowie der Datenverfügbarkeit als viel zu optimistisch entpuppten. Unternehmen sind gut beraten, dies zu akzeptieren und sich realistische Ziele für die Entwicklung ihres eigenen Reportings zu setzen.

Daran schließt sich eine ganz entscheidende Frage an: Ist der eigenständige Nachhaltigkeitsbericht überhaupt noch ein anzustrebendes Produkt? Überzeugende Argumente sprechen dagegen:

  • Die Reporting-Welt ist, getrieben vom Gedanken der Integration, in Bewegung. Vieles deutet darauf hin, dass die Tage des Nachhaltigkeitsberichts in seiner herkömmlichen Form schon bald gezählt sind.
  • Mit dem Geschäftsbericht verfügt jedes Unternehmen über eine etablierte Publikation, in deren Rahmen – ohne den Erwartungsdruck an einen separaten Nachhaltigkeitsbericht – relevante Informationen sukzessive integriert werden können.
  • Nachhaltigkeit ist ein elementares strategisches Thema, der Geschäftsbericht das strategische Leitmedium. Warum also trennen?
  • Die GRI-Kriterien umfassen etliche Profilangaben und Indikatoren, die sich in einem handelsüblichen Geschäftsbericht bereits finden. Der Schritt zum kombinierten Bericht ist viel kürzer als man glaubt.

Wie man eben diesen Schritt effizient und unaufgeregt gehen kann, haben in den vergangenen Jahren der DAX-Aufsteiger LANXESS und die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) vorgemacht. Der Spezialchemie-Konzern widmete dem Thema Nachhaltigkeit erstmals im Geschäftsbericht 2008 ein eigenes Kapitel, um es fortan jedes Jahr inhaltlich aufzuwerten. 2012 stieg das Unternehmen dann mit einem „B+“ in die Berichterstattung nach GRI ein. Die Hamburger Logistikexperten schafften es 2012 sogar, mit einem lediglich viereinhalb Seiten umfassenden, aber äußerst substanzreichen Nachhaltigkeitskapitel das „B+“-Zertifikat zu erhalten. Ein Modell, das in vielen der eingangs erwähnten Entwicklungsländer Schule machen könnte.

(Der Beitrag erschienen am 1. Juni 2013 in der Börsenzeitung.)

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