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Mehr als 200.000 Teilnehmer bei Sozialprotesten in Brasilien

Rio de Janeiro (afp) – Demonstrationen gegen Milliardenausgaben für die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr und gegen gestiegene Lebenshaltungskosten in Brasilien haben sich zur größten Protestbewegung des Landes seit gut 20 Jahren ausgeweitet. Landesweit gingen am Montag mehr als 200.000 Menschen auf die Straße, rund die Hälfte von ihnen in der Metropole Rio de Janeiro. Sowohl dort als auch in westlichen Belo Horizonte lieferten sich Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei.

Die Proteste in Rio de Janeiro, an denen sich vor allem junge Menschen beteiligten, verliefen zunächst friedlich. Später bewarfen Demonstranten die Polizei mit Molotowcocktails und Kokosnüssen, die Beamten setzten Tränengas und Gummigeschosse ein. Autos wurden in Brand gesetzt, Geschäfte geplündert, dutzende Demonstranten besetzten das Parlament des Bundesstaats Rio. Nach Polizeiangaben wurden fünf Beamte verletzt.

In der Hauptstadt Brasília kletterten mehr als 200 Menschen auf das Dach des Parlaments, wie eine AFP-Journalistin berichtete. Sie sangen und tanzten, bevor sie nach Verhandlungen mit der Polizei wieder hinabstiegen. Später bildeten rund 5000 Demonstranten eine Menschenkette rund um das Parlamentsgebäude. „Als Brasilianer, der täglich in überfüllte Busse steigt und an einer unterfinanzierten Universität studiert, fühle ich mich verpflichtet, Teil dieser Revolution zu sein“, sagte der 21-jährige Gael Rodrigues Honorio.

In Belo Horizonte setzte die Polizei Tränengas gegen die rund 30.000 Demonstranten ein, um sie vom Mineirao-Stadion fernzuhalten, wo im derzeit stattfindenden Fußballturnier Confederations Cup Nigeria gegen Tahiti spielte. In São Paulo demonstrierten etwa 65.000 Menschen zumeist friedlich. Sie blockierten eine der Hauptverkehrsstraßen in der Innenstadt der 20-Millionen-Einwohner-Metropole. Rund um öffentliche Gebäude verstärkte die Polizei in mehreren Städten ihre Präsenz.

Seit anderthalb Wochen gibt es in Brasilien Demonstrationen gegen die Kosten der Fußballweltmeisterschaft und gegen eine Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr. Auch Wut über Polizeigewalt beförderte die Protestbewegung. Die Demonstrationen vom Montag waren die größten seit den Protesten gegen den damaligen Präsidenten Fernando Collor de Mello, der wegen eines Korruptionsskandals im Jahr 1992 zurücktreten musste.

Kurz vor den Protesten am Montag warnte Sportminister Aldo Rebelo: „Wir werden es nicht zulassen, dass Demonstrationen die Ereignisse stören, die wir hier veranstalten wollen.“ Staatschefin Dilma Rousseff bemühte sich später offensichtlich um Entspannung. Friedliche Demonstrationen seien „legitim und Teil der Demokratie“, erklärte sie und fügte hinzu: „Es ist ganz natürlich, dass die Jugend sich auflehnt.“

Noch bis Ende Juni wird in Brasilien der Confederations Cup ausgetragen. Ende Juli findet in Rio de Janeiro der Weltjugendtag der katholischen Kirche statt. Im kommenden Jahr ist Brasilien Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft, zwei Jahre später sollen in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele ausgetragen werden. Allein für die Fußballweltmeisterschaft rechnet Brasilien mit Kosten von umgerechnet rund elf Milliarden Euro.

Brasiliens Wirtschaftswachstum lag im ersten Quartal 2013 nur noch bei 0,6 Prozent. Die Inflationsrate stieg hingegen bis Mai auf 6,5 Prozent, die Lebensmittelpreise stiegen sogar um 13 Prozent.

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