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Handel fordert „Bewusstseinswandel“ in Lieferländern: Gesetze und Kontrollen kein Allheilmittel

In der Debatte über bessere Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern wie Bangladesch hat der deutsche Einzelhandel davor gewarnt, schärfere Gesetze und mehr Kontrollen als Allheilmittel anzusehen. Notwendig sei vielmehr ein „nachhaltiger Bewusstseinswandel in den Lieferländern“, sagte der Präsident der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE), Matthias Händle

Köln (afp) – In der Debatte über bessere Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern wie Bangladesch hat der deutsche Einzelhandel davor gewarnt, schärfere Gesetze und mehr Kontrollen als Allheilmittel anzusehen. Notwendig sei vielmehr ein „nachhaltiger Bewusstseinswandel in den Lieferländern“, sagte der Präsident der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE), Matthias Händle, am Donnerstag vor Journalisten in Köln. Wenn „die strengsten Vorschriften“ erlassen würden, sich aber niemand daran halte, „bringen diese Vorschriften rein gar nichts“.

Händle schaltete sich damit in die Diskussion über die Konsequenzen aus den jüngsten Fabrikunglücken in der Textilindustrie von Bangladesch ein. Beim schwersten Unglück waren am 24. April durch den Einsturz eines achtstöckigen Fabrikgebäudes rund 1100 Menschen ums Leben gekommen. In der Fabrik waren auch Textilien für westliche Firmen genäht worden. In den Wochen danach unterzeichneten mehr als 30 westliche Modefirmen ein Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit für Bangladesch. Aus Deutschland unterschrieben unter anderem C&A, Tchibo, Rewe und Lidl.

Der AVE-Präsident betonte, die Unternehmen des deutschen Handels tolerierten „keine Kinderarbeit, keine Ausbeutung, keine gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen“. Um Missstände in den Lieferländern abzuschaffen, seien jedoch „Patentlösungen völlig ungeeignet“. Nötig seien stattdessen ständige Überzeugungsarbeit vor Ort und ein langer Atem. „Eine wirkliche Verbesserung der Situation ist nur möglich, wenn die Verantwortlichen vor Ort einsehen, dass sie etwas ändern müssen und dieser Einsicht auch Taten folgen lassen.“

Zu Forderungen nach dem Erlass neuer Gesetze, der Einführung neuer Gütesiegel, mehr Kontrollen oder einem Boykott von Textilwaren aus Bangladesch sagte Händle: „Den meisten dieser Vorschläge ist eines gemein: Sie zeugen von erheblicher Unkenntnis der Zustände vor Ort“. Solche Forderungen seien deshalb ungeeignet, die Zustände in den Lieferländern zu ändern. Die AVE vertritt die außenwirtschaftlichen Interessen des deutschen Import-Einzelhandels, ihr gehören zahlreiche bekannte Unternehmen an, darunter Adidas, C&A, Kaufhof, Karstadt, Metro und Tchibo.

Der AVE-Präsident verwies darauf, dass es in den Lieferländern häufig Gesetze gebe, „die sich gar nicht so sehr von unseren unterscheiden“. Doch „was ist, wenn diejenigen, die diesen Gesetzen folgen sollen, nicht zum Traum daran denken, sich daran zu halten?“ Oft funktioniere auch die Überwachung nicht, etwa, weil die dafür Zuständigen bestochen worden seien.

Händle hob zugleich die Bereitschaft des Handels hervor, sich seiner Verantwortung für die Zustände bei seinen Lieferanten zu stellen. Deshalb arbeiteten die AVE und die internationale Handelsinitiative BSCI, die für eine nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Lieferländern eintrete, eng mit Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, Politik und Nichtregierungsorganisationen in diesen Ländern zusammen. Neben Trainingsmaßnahmen für die Lieferanten gebe es in allen wichtigen Lieferländern auch regelmäßig Runde Tische, auch in Bangladesch.

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