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Unternehmenskooperationen: kritischer Dialog und Zusammenarbeit. NABU-Präsident Olaf Tschimpke im Interview

Der Naturschutzbund Deutschland – kurz NABU – kritisiert Unternehmen nicht nur für Verstöße gegen den Umweltschutz, sondern unterstützt sie auch in naturschonenden Projekten. Für Letzteres ernten die Naturschützer einige Kritik. Über Voraussetzungen, Chancen und Risiken von Unternehmenskooperationen berichtet der Präsident der großen Naturschutzorganisation, Olaf Tschimpke. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

Berlin (csr-news) – Der Naturschutzbund Deutschland – kurz NABU – kritisiert Unternehmen nicht nur für Verstöße gegen den Umweltschutz, sondern unterstützt sie auch in naturschonenden Projekten. Für Letzteres ernten die Naturschützer einige Kritik. Über Voraussetzungen, Chancen und Risiken von Unternehmenskooperationen berichtet der Präsident der großen Naturschutzorganisation, Olaf Tschimpke. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

CSR NEWS: Wo sind Unternehmen – aus Sicht einer Naturschutzorganisation – gut unterwegs in Sachen Nachhaltigkeit, und wo fehlt es noch?

Olaf Tschimpke: Unternehmen sind meist dort gut unterwegs in Sachen Nachhaltigkeit, wo sie sehen, dass sie entweder Geld einsparen oder Gewinne erwirtschaften können. Das trifft beispielweise auf das Thema Ressourceneffizienz zu. Deutsche Unternehmen spüren, dass wichtige Ressourcen knapper werden und sie an neuen Modellen arbeiten müssen. Deshalb kommt man mit ihnen auch sehr gut in einen Diskussions- und Beratungsprozess. Auch beim Thema Energie ist es ähnlich: Alle Unternehmen spüren, dass es Veränderungen geben wird und dass sie Teil dieses Veränderungsprozesses sein müssen.

Bei Naturschutzthemen, etwa der Frage nach Landnutzungsänderungen, ist die Distanz von Unternehmen deutlich größer. Dieses Thema berührt sie kaum in ihren unmittelbaren Geschäftsprozessen, schließlich müssen Unternehmen zunächst darüber nachdenken und ermitteln, was in ihrer Wertschöpfungskette passiert. Nehmen wir zum Beispiel ein Textilunternehmen: Dieses verarbeitet oder vermarktet den Rohstoff Baumwolle. Dessen Wertschöpfung findet allerdings meist weit weg vom unmittelbaren Umfeld des Unternehmens statt, gleiches gilt für die Umweltveränderungen und Umweltbelastungen. Um dieses Problem zu überwinden, müssen wir die Unternehmen dafür gewinnen, ihr Wirtschaften ganzheitlich zu betrachten. Wir als Natur- und Umweltschutzorganisation können dazu unseren Beitrag leisten, indem wir die Wirtschaft für diese Problematik sensibilisieren und in den Dialog gehen.

Manche NGOs und auch der NABU gehen über den reinen Dialog hinaus Kooperationen mit Unternehmen ein – und werden dafür kritisiert.

Zunächst einmal sind wir an vielen Stakeholder-Dialogen beteiligt, in denen kein Geld fließt. Aber auch das Gespräch, der kritische Dialog und die Zusammenarbeit mit Unternehmen sind wichtig. Dazu haben wir unsere Mitglieder befragt und über 80 Prozent haben erklärt: Wir finden es richtig. Solche Kooperationen sind mit Schwierigkeiten verbunden, weil Unternehmen kaum aus dem Verdacht herauskommen, Greenwashing zu betreiben. Und uns als NGOs wird dabei unterstellt: Ihr nehmt das große Geld, dann seid Ihr käuflich und nicht mehr unabhängig.

Der NABU lebt aber im Wesentlichen von Mitgliedsbeiträgen und Spenden und nicht, wie es manchmal dargestellt wird, von Unternehmenskooperationen. Das kann jeder in unserem Rechenschaftsbericht im Internet einsehen. Zuwendungen von Unternehmen machen maximal 8,5 Prozent aus, die sich je nach Projekt und Unternehmensgröße mit fünf- bis sechsstelligen Summen auf die kooperierenden Unternehmen verteilen. Bei unserem Etat von 30 Millionen ist dadurch keine Abhängigkeit gegeben.

Dennoch gibt es diese Debatte. Andere NGOs entscheiden sich daher für eine andere Kultur, eine Kultur der Konfrontation. Unser Modell als NABU ist schon allein deshalb ein anderes, weil der NABU eine Volksorganisation ist. Unsere 37.000 Aktiven und 500.000 Mitglieder arbeiten auch bei VW oder Daimler, das ist deren Lebensrealität. Deshalb muss ich darauf achten, wie unsere Mitglieder ihr Handeln am Arbeitsplatz mit dem verknüpfen können, was wir als Organisation an Anforderungen stellen. Deshalb können wir uns nicht dem Dialog und auch der Kooperation mit Unternehmen entziehen.

Bewirken Sie in solchen Unternehmenskooperationen etwas, oder sind Sie dadurch nicht einfach nur „handzahm“?

Das will ich an einem Beispiel erläutern: Zusammen mit VW Financial Services haben wir das Umwelt-Programm und den Award DIE GRÜNE FLOTTE auf den Weg gebracht. Ziel ist es, dass die Kunden gewerblich genutzte Fahrzeuge – und das sind immerhin 60 Prozent der Neufahrzeuge in Deutschland – stärker nach Effizienz und Umweltverträglichkeit auswählen. Vor wenigen Jahren hatten Dienstwagen im Schnitt noch einen deutlich höheren Verbrauch als privat gekaufte Autos. Dies hat sich deutlich verändert, weil Unternehmen sich meist eine CO2-Policy auferlegen, die auch die Fahrzeuge umfasst und VW nun als Europas größter Leasinganbieter mit dem Umwelt-Programm Anreize für umweltfreundliche Fahrzeuge setzt. Denn nur die jeweils effizientesten Autos einer Fahrzeugklasse und besonders schadstoffarme Modelle, wie Erdgas-Fahrzeuge, dürfen am Umwelt-Programm teilnehmen. Wir wollten ausschließen, dass sich jemand einen schnellen Sport- oder schweren Geländewagen least und sich mit dem NABU-Logo ein grünes Deckmäntelchen umhängt. Die Kombination aus effizienten Fahrzeugen, Spritspartrainings zu Sonderkonditionen für die Fahrer und einer finanziellen Abgabe für Moorschutzprojekte des NABU machen das Umwelt-Programm weltweit einzigartig. Gemeinsam mit VW Leasing haben wir 2011 sogar den Deutschen Moorschutzfonds gegründet, mit dem wir Moore, die erhebliche Klimarelevanz haben, renaturieren. Ein zweites Beispiel: Derzeit werden in Brüssel die Verbrauchsgrenzwerte für neue Fahrzeuge ab dem Jahr 2020 verhandelt. Durch intensive Gespräche haben wir es geschafft, dass sich VW auf den Wert von durchschnittlich 95 Gramm CO2-Ausstoß seiner Neuwagenflotte verpflichtet hat. Auch hier ist VW der erste Automobilhersteller, der dies offen kommuniziert und dadurch erheblich Bewegung in den Prozess gebracht hat. An der Ankündigung von VW-Chef Winterkorn, bis zum Jahre 2018 zum ökologischsten Autohersteller der Welt zu werden, waren wir sicher auch nicht ganz unschuldig.

Dass wir bei aller Kooperation nicht „handzahm“ geworden sind, zeigt ein anderes Beispiel: Mit VW sind wir einmal sogar vor Gericht gelandet. Der Konzern war am Braunschweiger Flughafen beteiligt, der in ein Naturschutzgebiet erweitert wurde. Dagegen haben wir geklagt, und uns mit VW sicher nicht nur freundschaftliche Briefe geschrieben. Wenn beiden Partnern dies aber von Anfang klar ist, muss eine Kooperation auch solche Konflikte aushalten. Unternehmenskooperationen verlaufen nicht unkritisch und konfliktfrei. Auch bei der Diskussion um Rußpartikelfilter waren wir anfangs anderer Meinung als VW. Aber wir standen auch hier immer glasklar auf Seiten der Umwelt. Schon aus Überzeugung werden wir nie unsere Glaubwürdigkeit riskieren. Unsere Mitglieder und Spender würden das sofort quittieren. Und auch für unsere Wirtschaftspartner wären wir dann längst nicht mehr so interessant.

Welche Regeln oder Maßnahmen sichern die Glaubwürdigkeit von Unternehmenskooperationen?

Transparenz ist wichtig. Wir schließen zu allem, was wir tun, einen Vertrag und kooperieren auch nur in den Bereichen, die im Vertrag genannt sind. Außerdem bieten wir Unternehmen kein Label nach dem Motto: Ihr seid großartig und nachhaltig. Genauso erwarten wir von den Unternehmen aber auch nicht, dass alles, wovon wir überzeugt sind, in ihre Unternehmenspolitik einfließt. In einer Kooperation finden wir Schnittmengen, die wir mit den Unternehmen operationalisieren. Wir versuchen dann einen Prozess zu finden, in dem wir die ausgewählten Themen gemeinsam voranbringen können. Das ist kein Greenwashing, sondern ein struktureller Veränderungsprozess.

Außerdem ist der NABU eine demokratische Organisation. Ich bin gewählt und ich muss mich vor einer breiten Öffentlichkeit für das rechtfertigen, was ich tue: vor meinen Mitgliedern und Spendern, meinen Ortsgruppen, meinen Landesverbänden, und auch den Medien gegenüber. Bei uns passiert nichts „im Kämmerlein“, jede Unternehmenskooperation erfährt eine besondere öffentliche Beobachtung. Schon diese demokratische Kontrolle unterscheidet uns von anderen.

Worin liegen die Stärken einer NGO in solchen Kooperationen?

In der Expertise, dem öffentlichen Interesse und der Diskurskultur, die sie einbringen. Unternehmen finden mithilfe einer solchen Kooperation leichter aus dem eigenen Schubladendenken heraus und setzen sich mit den Positionen anderer auseinander. Ein Unternehmen muss beispielsweise, um sich strategisch ausrichten zu können, in den Dialog mit jungen Leuten kommen. Wir initiieren dazu öffentliche Diskurse und diskutieren dort z. B. über die Mobilität der Zukunft. Jugendliche ticken ja schon ganz anders: Sie wollen häufig kein Auto mehr besitzen, sondern wollen Mobilität kaufen. Das bedeutet ja Änderungen für einen Automobilkonzern, darauf muss er sich einstellen, und die Dialogprozesse dazu organisieren wir.

Zum Stichwort Diskurs: Den braucht unsere Gesellschaft, wenn Veränderungen in kurzer Zeit realisiert werden sollen – etwa bei der Energiewende. Wo läuft dieser Diskurs bereits gut?

Erst einmal ist es eine große Leistung unserer Gesellschaft, dieses Thema endgültig auf die Agenda gesetzt zu haben. In den großen Runden zur Energiewende bei der Kanzlerin hat kein Industrievertreter mehr gesagt: Wir wollen das nicht. Es ging nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie. Alle waren froh, den jahrelangen Riss in unserer Gesellschaft mit einer gemeinsamen Vision beenden zu können.

Bis dahin hat es funktioniert. Und jetzt brechen die Zielkonflikte auf, beispielsweise beim Trassenbau. Dabei wird es Kompromisse geben müssen, denn bei den Trassen wird es einen gewissen Naturverbrauch geben, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber wie groß der sein wird und wie er fair kompensiert werden kann – etwa durch großräumige Schutzgebiete und die Renaturierung von Gewässern an anderer Stelle – das ist doch die Leistung, die wir in unserem Dialog erbringen müssen.

Ich will ein weiteres Beispiel nennen, an dem wir intensiv mitarbeiten: den Klima- und Ressourcenschutz am Gebäude. Wir haben eine eigene Plattform mit Unternehmen, den Gewerkschaften, Wohnungseigentümern, dem Mieterbund und anderen. Auf diesem Niveau kommen wir gut zusammen und haben bereits viele Workshops durchgeführt und gemeinsame Lösungen gefunden. Nur ist die Politik nicht bereit, sie umzusetzen. Das direkte Gespräch zwischen Unternehmen, Gewerkschaften, Umwelt- und Wirtschaftsverbänden ist auch nicht ersetzbar. Wir müssen diesen Dialog führen und beispielsweise auch den Mieterbund einbeziehen. Denn wenn wir die sozialen und ökonomischen Fragen nicht berücksichtigen, sind wir am Ende nicht erfolgreich.

In solchen Dialogen treten mitunter nicht nur Unternehmen und NGOs als Konkurrenten auf, sondern die NGOs scheinen im Wettstreit miteinander zu liegen.

Eine gewisse Konkurrenz ergibt sich aus den finanziellen Rahmenbedingungen: Der Spendenmarkt in Deutschland hat eine bestimmte Größe und ist nicht beliebig ausdehnbar. Aber natürlich kooperieren wir auch: Es gibt als Dachverband den Deutschen Naturschutzring (DNR). Und es gibt ein regelmäßiges Treffen der fünf großen Naturschutzorganisationen Greenpeace, WWF, BUND, NABU und dem DNR, bei dem wir die ganz großen politischen Linien absprechen. Das funktioniert sehr gut. Forderungen zu Bundestagswahlen werden gemeinschaftlich erarbeitet. Wir haben gemeinsame Gespräche mit der Bundeskanzlerin, die wir miteinander vorbereiten. Wenn es an dem einen oder anderen Punkt unterschiedliche Auffassungen gibt, suchen wir nach einem gemeinsamen Nenner. In der Projektarbeit gibt es natürlich Unterschiede und jeder Verband macht sein eigenes Marketing. Aber das ist kein Gegeneinander, das werden Sie in unserem öffentlichen Auftreten spüren. Große Unterschiede gibt es allerdings in der Form, wie wir mit der Wirtschaft umgehen. Greenpeace sucht grundsätzlich keine Kooperationen, der BUND ist sehr zurückhaltend damit, der WWF mit seiner Stiftungsstruktur mit vielen Wirtschaftsführern hat ein offenes Herangehen an Wirtschaftskooperationen – und wir liegen irgendwo in der Mitte.

Der Einfluss mancher gesellschaftlicher Gruppen schwindet, weil ihnen die jungen Leute weglaufen. Wie sieht das beim NABU aus?

Wir haben eine große Jugendorganisation mit 75.000 Mitgliedern. Ein Nachwuchsproblem haben wir nicht, unsere jungen Leute organisieren sich selbst. Längst haben wir aufgehört, nur in den klassischen Strukturen von Ortsgruppen und ähnlichem zu denken. Stattdessen arbeiten wir immer stärker projekt- und arbeitsgruppenorientiert, sodass junge Leute einfach andocken können. Eine Organisationsstruktur, in der alles von oben entschieden wird, funktioniert heute nicht mehr. Es gibt natürlich gemeinsame Linien, aber unsere 2.000 Ortsgruppen und 1.000 Jugendgruppen entscheiden selbst, wo sie sich engagieren. Da lösen sich manche Organisationsstrukturen der Vergangenheit auf, unsere Jugendlichen machen heute vieles völlig anders, als unsere Gründer es sich vor 114 Jahren gedacht haben. Das Internet bietet zudem neue Austauschmöglichkeiten. Als NABU nutzen wir ein eigenes Intranet, in dem sich auch Nicht-Mitglieder einbringen können, und bauen Plattformen auf, auf denen sich alle teilhaben können. Sehr häufig lese ich: „Der NABU soll mal machen“. Dann schreibe ich zurück: „Der NABU sind wir alle.“ Wer eine Idee hat, kann mit einer Spende bestimmt viel bewirken. Wir freuen uns aber auch, wenn man bereit ist, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Herzlichen Dank!

Der NABU – Naturschutzbund Deutschland im Internet:
www.nabu.de