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Blühstreifen für Wildbienen: Eine Initiative von Pro Planet und Landwirten am Bodensee

Früher war der Sommer bunt und grün, heute ist er grün: Wildblumen und blühende Unkräuter auf Wiesen und an Wegrändern sind eine Seltenheit. Das ist ein Problem für Bienenvölker, die sich von deren Pollen ernähren. Mit seinem Pro Planet Label will der Handelskonzern Rewe am Bodensee Verbesserungen bewirken.

Friedrichshafen (csr-news) – Früher war der Sommer bunt und grün, heute ist er grün: Wildblumen und blühende Unkräuter auf Wiesen und an Wegrändern sind eine Seltenheit. Das ist ein Problem für Bienenvölker, die sich von deren Pollen ernähren. Mit seinem Pro Planet Label will der Handelskonzern Rewe am Bodensee Verbesserungen bewirken.

In Sachen Artenvielfalt steht es weltweit nicht zum Besten, auch wenn die Zahlen dazu weit auseinandergehen: Durch menschliche Eingriffe sterben nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 100 und 1.000 Mal so viele Tierarten aus wie durch andere Einflüsse. Im Rahmen der internationalen TEEB-Studie zur ökonomischen Bewertung von Biodiversitätsleitungen sind Wissenschaftler zu der Einschätzung gelangt: Inaktivität beim Schutz funktionierender Ökosysteme wird uns ab 2050 jährlich bis zu sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes kosten.

Wildbiene und Schwebefliege

Anfang 2003 beklagten deutsche Imker einen massiven Verlust von Bienenvölkern, was auch die Landwirte beunruhigte: Denn 85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge im Pflanzen- und Obstbau hängen von der Bestäubung durch Bienen ab. Die Obstblüte ist aber nur kurz und bietet den Bienen nur eine begrenze Zeit Nahrung. Forscher fanden heraus, dass der Verlust an Blühpflanzen zu dem Sterben der nützlichen Insekten beigetragen hatte. Bei einer immer intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung bleibt kaum Platz für Wildblumen und blühende Unkräuter, auf denen Bienen Pollen sammeln und als Wintervorrat anlegen könnten. Das macht sie anfällig für Krankheiten.

Blühstreifen schützen Bienen

Der Verlust sogenannter „naturnaher Habitate“ ist allerdings nicht nur ein Problem für Honigbienen, sondern auch für Wildbienen. Von den über 550 Arten in Deutschland gelten 38 Arten als ausgestorben oder verschollen, 25 als vom Aussterben bedroht und 81 als stark gefährdet. Wildbienen brauchen naturnahe Habitate zur Nahrungsaufnahme und als Nistplätze, so Andrea Holzschuh vom Biozentrum der Universität Würzburg. Die Bedeutung der Wildbienen würde manchmal unterschätzt, auch weil man sie nicht so gut erkennen kann. Sie besitzen aber „einen sehr hohen Anteil an der Bestäubungsleistung“, so Holzschuh. Die Biologin erforscht derzeit die Wirkung sogenannter Blühstreifen: Sie werden von Landwirten zwischen den Feldern mit ein- oder mehrjährigen Blütenmischungen angelegt und bieten insbesondere den Wildbienen Nahrung und Nisträume. „Erste Ergebnisse zeigen, dass sie sehr wirkungsvoll sind“, so Holzschuh.

Die Anlage solcher Blühstreifen fördert der Handelskonzern Rewe bei den Lieferanten seines Eigenmarkenlabels Pro Planet. Die Äpfel tragen das Label mit der Zusatzinformation „Artenvielfalt schützend“. Erklärtes Ziel dabei ist, Nachhaltigkeit in den Massenmarkt zu bringen. Die Pro Planet-Äpfel stammen aus Deutschland, viele aus der Bodensee-Region. Dort ernten die Mitgliedsbetriebe der Erzeugergemeinschaft „Obst vom Bodensee“ jährlich zwischen 250.000 t und 300.000 t an Äpfeln. Der Ertrag der Bio-Äpfel liegt bei 9.000 t – und damit deutlich unter vier Prozent.

Blühstreifen am Bodensee

Wie bei anderen Pro Planet-Produkten hat Rewe zunächst durch ein wissenschaftliches Institut die Hot Spots dieses Kennobstes ermitteln und bewerten lassen und sich in der Beratung mit dem Pro Planet-Beirat dafür entschieden, die Auswirkungen des Anbaus auf die Biodiversität zu verbessern. CSR NEWS hat die Region rund um Friedrichshafen besucht, mit Landwirten und anderen Projektbeteiligten gesprochen und festgestellt: Ein sich veränderndes Selbstverständnis der Landwirte und eine neue Kommunikationskultur zwischen Unternehmen und Umweltschutzorganisationen kommt diesem Programm entgegen.

Auf über 7.500 ha wird in der Bodenseeregion Baumobst angebaut. Etwa 70 Betriebe haben sich dort inzwischen der Pro Planet-Initiative angeschlossen und Blühstreifen mit ein- oder mehrjährigen Samenmischungen angelegt – auf insgesamt 45 ha. Rewe stellt das Saatgut und finanziert teilweise die Pflege der Blühstreifen. Denn auch „Blühstreifen sind eine Kulturlandschaft, die man managen muss“, sagt Josef Lüneburg-Wolthaus, bei Rewe für den strategischen Einkauf verantwortlich. Die Landwirte stellen die Flächen und übernehmen einen Teil der Pflege: Die Blühstreifen müssen gemäht und teilweise nachgesät werden.

Selbstbild der Landwirte

Landwirte für die Teilnahme an dem Programm zu gewinnen, war nicht schwer, berichtet Hans Knöpfler, Geschäftsführer der Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft. Wichtig ist ihm, dass sich die Genossenschaftsmitglieder freiwillig und aus eigener Überzeugung beteiligen. Wobei das Interesse des großen Endabnehmers sicher manchen Erzeuger nachdenklich gestimmt hat. 2009 führte Rewe erste Gespräche mit der Erzeugergemeinschaft, 2010 starteten zehn Pilotbetriebe mit Blühflächen und erprobten, welche Blühmischungen sich eignen oder wo zusätzlich Bienenhotels positioniert werden können. Inzwischen läuft das Projekt fast drei Jahre und die Zahl der teilnehmenden Landwirte ist stetig gewachsen. In Kürze wird untersucht, welche Auswirkungen die Blühstreifen und Bienenhotels auf die Biodiversität entfalteten. Für alle Pro Planet-Programme ist nach drei Jahren eine Auswertung vorgesehen.

Apfelbaumplantage am Bodensee

Das Blühstreifen-Programm kommt einem neuen Selbstbild der Erzeuger entgegen: Ein Landwirt will kein Umweltzerstörer sein. Den Hof haben in der Regel über Generationen hinweg seine Vorfahren geführt und er will ihn in einem guten Zustand an die nächste Generation übergeben. Neben den betriebswirtschaftlichen Herausforderungen rücken dabei Umweltaspekte in den Vordergrund – nicht zuletzt durch eine Vielzahl an gesetzlichen Vorgaben. Und die junge Bauerngeneration setzt sich bereits auf der Schule mit den ökologischen Ansprüchen ihres Berufs und mit möglichen Konflikten gegenüber einer rein ökonomischen Orientierung auseinander. So werden bei Exkursionen der landwirtschaftlichen Meisterklasse auch die Blühstreifen besucht.

Naturschützer betreten Neuland

Ein Element des Pro Planet-Programms ist die Kooperation mit einer NGO oder Behörde. Beim Blühstreifenprojekt ist die Bodensee-Stiftung eingebunden, an der mehrere große Naturschutzorganisationen beteiligt sind. Die Kooperation mit Rewe ist für den stellvertretenden Geschäftsführer der Stiftung, Patrick Trötschler, „Neuland, das wir betreten haben“. Trötschler und seine Kollegen bringen ihre Expertise in das Projekt ein und wollen gemeinsam mit den Betrieben Verbesserungen für den Massenmarkt umsetzen. Im Engagement für die Blühstreifen sieht der Agraringenieur auch eine Vorbereitung der Landwirte auf das, was in Zukunft möglicherweise gesellschaftspolitisch gefordert und gesetzlich verankert wird. „Wir wollen schon irgendwann die Schraube weiter anziehen“, sagt Trötschler.

Bienenhotel am Bodensee

Hier können sich Unternehmen zum Thema „Biodiversität“ informieren:

Mehr zum Pro Planet-Label und dessen Anwendung auf die Hähnchenmast lesen Sie in der Juni-Ausgabe des CSR MAGAZIN. >> Hier finden Sie dazu weitere Informationen.

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