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Durchbruch der EU bei CO2-Grenzen für Autoindustrie: Neue CO2-Höchstgrenzen – verlässlichere Verbrauchsangaben

Deutschlands Autoindustrie hat im Ringen mit der EU um neue Abgas-Höchstgrenzen ihre Interessen in Teilen durchgesetzt. Zwar verständigten sich Mitgliedsstaaten und Europäisches Parlament auf eine Absenkung bestehender Grenzwerte. Jedoch können sich die Hersteller besonders emissionsarme Autos wie Elektrofahrzeuge auch künftig mehrfach anrechnen lassen und so den CO2-Ausstoß ihrer Neuwagenflotten statistisch senken.

Brüssel (afp) – Deutschlands Autoindustrie hat im Ringen mit der EU um neue Abgas-Höchstgrenzen ihre Interessen in Teilen durchgesetzt. Zwar verständigten sich Mitgliedsstaaten und Europäisches Parlament in der Nacht zum Dienstag auf eine Absenkung bestehender Grenzwerte. Jedoch können sich die Hersteller besonders emissionsarme Autos wie Elektrofahrzeuge auch künftig mehrfach anrechnen lassen und so den CO2-Ausstoß ihrer Neuwagenflotten statistisch senken.

Die Einigung sieht vor, dass in der EU ab 2020 eine Abgas-Höchstgrenze von 95 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilometer für den Durchschnitt aller Neuwagen gilt. Bisher liegt der Grenzwert bei 120 Gramm, den die Hersteller bis 2015 schrittweise erreichen müssen. Bis 2025 sollen die Abgas-Höchstgrenzen für die Autoindustrie noch weiter sinken, wie die irische Ratspräsidentschaft mitteilte. Eine Einigung auf ein festes Ziel bis dahin gab es aber noch nicht.

Das Bonussystem zur besonderen Anrechnung von Autos mit extrem niedrigen Schadstoffemissionen wird laut Übereinkunft nicht abgeschafft. Darauf hatte der Verband der Automobilindustrie (VDA) besonders gepocht, der die Interessen der deutschen Hersteller vertritt.

Emissionsarme Autos mit einem CO2-Ausstoß von unter 50 Gramm dürfen die Autohersteller ab 2020 doppelt anrechnen. Danach sinken die Anrechnungsfaktoren allmählich auf 1,67 im Jahr 2021, auf 1,33 im Jahr 2022 und auf den Faktor eins, der ab 2023 gelten soll.

Mit diesen sogenannten Supercredits können etwa Elektroautos oder andere schadstoffarme Wagen wie Hybridfahrzeuge mehrfach gezählt werden. Im Gegenzug können die Hersteller mehr schwere Wagen mit hohen Emissionen bauen und verkaufen.

Änderungen will die EU auch bei den Herstellerangaben zum Spritverbrauch neuer Autos erreichen. Vorgesehen ist, dass der CO2-Ausstoß von Autos – und darauf aufbauend auch der Spritverbrauch – nicht mehr nach bisherigen EU-Vorgaben gemessen werden, sondern nach einem internationalen Prüfverfahren. Autoclubs hatten immer wieder kritisiert, dass die Verbrauchsangaben der Hersteller oft nicht dem realen Verbrauch im Straßenverkehr entsprechen.

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) bewertete das Verhandlungsergebnis zu den Abgasgrenzwerten am Dienstag als „Einknicken vor der deutschen Autolobby“. Die „Kompromissformel“ lasse „Schlupflöcher und Rechentricks“ zu, kritisierte VCD-Bundesvorsitzender Michael Ziesak.

Auch die Umweltorganisation Greenpeace monierte die Einigung auf Supercredits. Diese seien ein „Hintertürchen“ für die Autohersteller. Folge sei, dass die neue Höchstgrenze von 95 Gramm faktisch nicht bis 2020 umgesetzt werde, sondern erst bis 2022 oder 2023. Unterm Strich werde der CO2-Ausstoß der Neuwagen in der EU 2020 erst bei 97,5 Gramm liegen und nicht bei 95 Gramm.

Die Grünen-Fraktionschefin in Europaparlament, Rebecca Harms, erklärte dagegen, es sei begrüßenswert, dass der Abgasausstoß von Neuwagen auch nach 2020 weiter abgesenkt werden solle. Die Grünen bedauerten jedoch, dass die neue Höchstgrenze für 2025 „nicht bereits jetzt klar beziffert“ worden sei. Der Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Jürgen Trittin, kritisierte, die Einigung auf die Höchstgrenze für 2020 führe dazu, dass der Spritverbrauch von Autos höher bleibe als technisch nötig.

Hintergrundinformationen von Martin Achter

Autofahren soll ein Stück umweltfreundlicher werden. Europäisches Parlament und EU-Mitgliedstaaten einigten sich auf eine Reihe neuer Regelungen. Für Neuwagen sollen neue Höchstgrenzen für den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) gelten. Verbraucher sollen mehr Klarheit über den tatsächlichen Verbrauch von Autos bekommen.

CO2-GRENZE 2020: Bis 2020 soll die Höchstgrenze für den Kohlendioxid-Ausstoß von Autos auf 95 Gramm sinken. Dieser Wert gilt für den Durchschnitt sämtlicher in der EU gefertigter Neuwagen innerhalb eines Jahres. Heute liegt die Höchstgrenze der EU bei 120 Gramm pro Kilometer. Allerdings wird diese Regelung bis 2015 erst schrittweise umgesetzt. Bei der Berechnung der Zielwerte für einzelne Hersteller werden heute erst drei Viertel der verkauften Autos einbezogen, 2014 sind es 80 Prozent, 2015 dann alle Pkw.

CO2-GRENZE 2025: Nach 2020 sollen die CO2-Emissionen von Autos weiter sinken. Die Übereinkunft von Europaparlament und EU-Staaten sieht vor, dass hierfür eine konkrete Zielmarke festgelegt werden soll, damit sich die Autoindustrie bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge den schärferen Vorgaben anpassen kann. In den vergangenen Monaten waren Grenzwerte zwischen 68 und 78 Gramm pro Kilometer im Gespräch.

SUPERKREDITE: Auch für die Zeit nach Einführung der verschärften CO2-Grenze ab 2020 soll die Autoindustrie Boni für besonders sparsame Autos bekommen. Diese Boni gelten für Autos mit unter 50 Gramm CO2-Ausstoß. Diese dürfen die Hersteller bei der Berechnung des CO2-Ausstoßes für ihre Neuwagenflotten mehrfach anrechnen. Das wirkt sich begünstigend auf den gesamten Flottenverbrauch aus.

Mit dieser Regelung hat die deutsche Autoindustrie eines ihrer Anliegen durchgesetzt. Zur Produktpalette der deutschen Hersteller gehören vergleichsweise viele große Autos mit höheren CO2-Emissionen. Die bisherige Bonusregelung läuft 2016 aus. 2020 lebt sie nun wieder auf. Autohersteller dürfen dann besonders emissionsarme Autos wie Elektrofahrzeuge doppelt anrechnen. Im Jahr 2021 sinkt der Faktor auf 1,67, im Jahr 2022 auf 1,33. 2023 läuft die Regelung dann wieder aus.

SPRITVERBRAUCH: Automobilclubs kritisieren seit langem, dass die Angaben der Hersteller zum Spritverbrauch vom tatsächlichen Verbrauch im Straßenverkehr deutlich abweichen. Die Übereinkunft zwischen EU-Mitgliedsstaaten und Europaparlament sieht vor, dass der europäische Labor-Testzyklus für Autos („New European Driving Cycle“), aus dem der Spritverbrauch berechnet wird, abgelöst wird durch ein neues internationales Prüfverfahren für Pkw („Worldwide Harmonized Light-duty Test Procedures“). Die Übereinkunft von Parlament und EU-Staaten sieht einen „frühest möglichen Termin“ für den Wechsel vor.