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Ludwigsburg: Nachhaltigkeit braucht Partizipation

Wie wohnen wir morgen? Wo und wie werden wir künftig arbeiten? Hält unsere Stadt im Alter noch jung? in Ludwigsburg diskutieren Politik und Verwaltung diese Fragen mit Bürgern und Unternehmen. Das CSR MAGAZIN sprach mit Oberbürgermeister Werner Spec über seine nachhaltige Stadt. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

Ludwigsburg (csr-news) – Wie wohnen wir morgen? Wo und wie werden wir künftig arbeiten? Hält unsere Stadt im Alter noch jung? in Ludwigsburg diskutieren Politik und Verwaltung diese Fragen mit Bürgern und Unternehmen. Das CSR MAGAZIN sprach mit Oberbürgermeister Werner Spec über seine nachhaltige Stadt. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

Oberbürgermeister Werner Spec

CSR NEWS: Herr Spec, das Thema nachhaltige Entwicklung spielt in Ludwigsburg eine große Rolle. Wie und mit welchen Zielen sind Sie gestartet?

Werner Spec: Mit der Nachhaltigkeitsstrategie haben wir bereits im Jahr 2004 begonnen – damals völlig singulär. Am Anfang standen eine Stärken-Schwächen-Analyse und – quer über alle kommunalen Aufgabenbereiche hinweg – die Beschäftigung mit der Frage: Welche Entwicklungen kommen auf uns zu? Wie können wir uns frühzeitig darauf einstellen? Von Anfang an sind wir diesen Weg beschritten in der Zusammenarbeit mit Experten, mit dem Gemeinderat, mit der Stadtverwaltung – vor allem aber mit intensiver Beteiligung der Bürgerschaft.

Der Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung hat dann vor etwa drei Jahren Kommunen gesucht, die sich besonders mit Nachhaltigkeitsstrategien und der Bürgerbeteiligung beschäftigten. Daraus entstand ein Kreis von 16 Kommunen aus dem ganzen Bundesgebiet, der mit den Mitgliedern und dem Geschäftsführer des Nachhaltigkeitsrates über Perspektiven einer nachhaltigen Stadtentwicklung diskutierte. Aus diesem Auftaktgespräch sind ein strukturierter Erfahrungsaustausch und eine Publikation entstanden, die wichtige Erfolgsfaktoren herausstellt.

Was sind diese Erfolgsfaktoren?

Das ist eine nachhaltige Entwicklung, die gleichrangig ökologische, ökonomische und soziale Aspekte umfasst. Dazu haben wir gerade aus Ludwigsburg auch den Aspekt generationengerechter Finanzen aufgenommen – ein entscheidender Aspekt nachhaltigen Handelns. Nachhaltige Entwicklung braucht eine verstärkte Zusammenarbeit der verschiedenen Politikebenen – Kommune, Land und Bund. Dazu gab es beispielsweise informelle Gespräche im Bundeskanzleramt.

Haben Sie für das Thema „nachhaltige Stadtentwicklung“ ein offenes Ohr bei den Unternehmern gefunden?

Natürlich ist die Beteiligung der Wirtschaft Teil der engen Verzahnung mit der Stadtgesellschaft vor Ort. Diesen Weg ist die Wirtschaft mit Interesse und teilweise mit ganz konkretem Engagement mitgegangen. Es gab natürlich am Anfang Unsicherheiten und eine gewisse Zurückhaltung, als wir beispielsweise vor etwa sechs Jahren mit der Industrie- und Handelskammer über die Bereiche Energie, Energieeinsparungen, erneuerbare Energien und die Einrichtung eines Energie-Kompetenzzentrums geredet haben. Allerdings haben wir unbeirrt diesen Weg weiter verfolgt, etwa im Rahmen von Förderprogrammen des Landes und mit ausgewählten Unternehmen in unserer Weststadt. Dort hat man gespürt, dass sich Unternehmen dem Thema Nachhaltigkeit widmeten – weil es Teil ihrer Philosophie wurde oder weil dies Teil der ganz persönlichen Überzeugung von Entscheidungsträgern war. Wirtschaftsvertreter sahen zunehmend ihre Verantwortung dafür, dass ihre Entscheidungen auch dem Wohl zukünftiger Generationen gerecht werden.

Wie definieren Sie als Stadt Ihre Rolle für eine nachhaltige Entwicklung?

Wir sehen uns sehr in einer aktiven Netzwerkrolle. Da geht es um die Wirtschaft und ebenso um die Wissenschaft und um das Zusammenbringen von Wissenschaft und Wirtschaft. Und natürlich geht es um die Einbeziehung der Bevölkerung, die man bei allen Veränderungen braucht. Je früher diese Einbindung gelingt, umso größer ist die Chance, Veränderungen nicht gegen Widerstände, sondern mit Unterstützung der Bürgerschaft hinzubekommen.

Beispielsweise haben wir den Bau des größten Biomasse-Kraftwerks in Baden-Württemberg realisiert, das Strom und Wärme produziert und das Fernwärmenetz unserer Stadtwerke zu 70 Prozent mit regenerativen Energien versorgt. Dagegen gab es am Anfang Widerstände in der Anwohnerschaft, denn eine solche Anlage muss im Siedlungsumfeld realisiert werden, damit nicht durch einen Transport große Wärmeverluste entstehen. Es ging um Befürchtungen von Staub oder Luftschadstoffen. Wir hatten – längst vor Fukushima und dem Beschluss der Bundesregierung zum Ausstieg aus der Kernenergie – in Zukunftskonferenzen thematisiert, dass wir den Weg hin zu regenerativen Energien beschreiten wollen. Insoweit gab es in Teilen der Bevölkerung bereits eine Überzeugung, dass wir diesen Wandel brauchen. Und so ist es gelungen, in einer sehr vertrauensvollen und sachlich konstruktiven Auseinandersetzung mit den kritischen Gruppen und deren Ängsten einen gemeinsamen Weg zu finden – beispielsweise indem wir die Abluft dieser Anlage über die gesetzlichen Vorgaben hinaus säubern.

Ist die Bürgerbeteiligung zur nachhaltigen Stadtentwicklung heute – nach zehn Jahren – so lebendig wie am Anfang?

Mit dem Einstieg in Prozesse der Bürgerbeteiligung erweckt man natürlich eine Erwartungshaltung. Für uns war von Anfang an klar, dass wir keine Strohfeuer entfachen wollen, sondern dass es ein nachhaltiger, permanenter Prozess werden muss. Bürgerbeteiligung und nachhaltige Stadtentwicklung funktioniert nur dann, wenn die Menschen sehen: Auch wenn nicht alle Anregungen im Verwaltungshandeln und den politischen Beschlüssen Berücksichtigung finden, so werden doch die wichtigen Themen aufgegriffen, beschlossen und umgesetzt. Das ist Teil einer notwendigen Vertrauensarbeit. Unsere Bürgerschaft hat dadurch eine wesentlich stärkere Identifikation mit der Stadt entwickelt, teilweise sogar eine Begeisterung für ihre Stadt. Zugleich findet eine Abkehr statt von einer individualistischen Gesellschaft mit Ellbogen-Mentalität – wieder hin zu mehr gemeinsamen Aktionen und einem solidarischen Zusammenleben.

Wenn engagierte Bürgerinnen und Bürger selbst Verantwortung übernehmen und erfolgreich ein Projekt umsetzen, entstehen daraus Freude, Motivation und Begeisterung. Dies hilft uns dabei, öffentliche Aufgaben zu den Bedingungen generationengerechter Finanzen zu erledigen. Wir können Einsparungen erzielen, wenn Ehrenamtliche beispielsweise Außenstellen einer Stadtbibliothek betreiben oder Sprachförderung für Migrantenkinder wahrnehmen. In Ludwigsburg haben wir die Verschuldung deutlich nach unten reduziert und sind faktisch eine schuldenfreie Stadt.

Wo fällt es am schwersten, Bürgerbeteiligung zu gewinnen?

Das kann ich nicht sagen, denn wir beteiligen Bürger nicht zu einzelnen Sektoren, sondern leben eine andere Philosophie: Für die gesamte Stadt haben wir Zukunftskonferenzen eingerichtet, die kein Thema aussparen und bei denen in einem sehr strukturierten Prozess diskutiert wird. Die strategischen Ziele und Aufgabenstellungen werden in unserem System für jeden einzelnen Stadtteil konkretisiert. Der große Vorteil besteht gerade darin, dass wir alle Themen diskutieren.

Wenn man beispielsweise Infrastruktur weiterentwickeln will, geht es dabei nicht nur um die Sanierung der Gebäudesubstanz und öffentlicher Räume, sondern auch um Fragen von Bildung und Erziehung, von Kindertagesstätten und der Erweiterung von Schulen. Gleichzeitig gilt es, mit Blick auf den Stadtteil die Frage zu diskutieren: Wie gestalten wir die Energiewende? Brauchen wir dort Fernwärmeleitungen? Wenn wir Straßen aufwerten, müssen vorher Fernwärmeleitungen verlegt werden, damit wir nicht eine aufgewertete Straße nach drei Jahren wieder aufreißen müssen. Diese sehr systematische und integrierte Strategie der Stadtentwicklung hilft auf dem Weg hin zu generationengerechten Finanzen, weil finanzielle Ressourcen effektiv eingesetzt werden.

Die langfristige nachhaltige Stadtentwicklung wird die Attraktivität von Ludwigsburg als Wirtschaftsstandort erhöhen.

Absolut! Wir sind mit der Wirtschaft unmittelbar im Gespräch, welche infrastrukturellen Voraussetzungen im Bereich der Verkehrswege oder – insbesondere in den ländlich geprägten Stadtteilen – welche Glasfasernetze für die IT-Anbindung gebraucht werden. Für die Unternehmen spielt zunehmend das Thema Fachkräftemangel eine wichtige Rolle. Und deshalb zählt auch die Frage: Wie können wir in unserer Stadt optimale Bildungsvoraussetzungen schaffen? Hier hat der enge Kontakt mit der Wirtschaft dazu geführt, dass wir Bildung und Betreuung aus dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit aktiv betrieben haben. Und wir haben mit einer breiten Mehrheit des Gemeinderats auch deshalb sehr viel Geld in Bildung und Betreuung gesteckt, weil allen klar geworden ist, dass dies die Position unserer Stadt als Wirtschaftsstandort mittel- und langfristig stärkt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

>> Hier lesen Sie mehr über die nachhaltige Stadtentwicklung in Ludwigsburg.