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Abkommen für Bangladeschs Textilindustrie in Kraft: Audits in bis zu 2.500 Fabriken

Rund zweieinhalb Monate nach dem verheerenden Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch setzen über 70 internationale Konzerne ein Abkommen mit Gewerkschaften für den Gebäude- und Brandschutz in die Tat um. Am Montag stellten die Beteiligten ihre Planungen dazu vor, wie die Arbeitssicherheit in den Produktionsstätten verbessert werden soll. In den kommenden Monaten sollen Experten die Nähfabriken unter die Lupe nehmen, bei akuter Gefahr sollen diese umgehend geschlossen werden.

Genf (csr-news) – Rund zweieinhalb Monate nach dem verheerenden Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch setzen über 70 internationale Konzerne ein Abkommen mit Gewerkschaften für den Gebäude- und Brandschutz in die Tat um. Am Montag stellten die Beteiligten ihre Planungen dazu vor, wie die Arbeitssicherheit in den Produktionsstätten verbessert werden soll. In den kommenden Monaten sollen Experten die Nähfabriken unter die Lupe nehmen, bei akuter Gefahr sollen diese umgehend geschlossen werden.

Beim schlimmsten Industrieunglück in der Geschichte des Landes waren im April beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza am Rande der Hauptstadt Dhaka mehr als 1.100 Menschen ums Leben gekommen. In dem Gebäude hatten auch internationale Konzerne Kleidung fertigen lassen. Bangladesch ist nach China weltweit zweitgrößter Produzent von Textilien. 80 Prozent der Exporte des Landes im Wert von umgerechnet rund 19 Milliarden Euro im Jahr sind Kleidung und Schuhe. Die Beschäftigten erhalten zum Teil für sechs Tage und 60 Stunden Arbeit in der Woche nur rund 50 Euro im Monat – und sie tragen ein hohes Risiko: Eine Untersuchung von Experten aus Bangladesch hatte in der vergangenen Woche ergeben, dass nur eine von zehn untersuchten Textilfabriken sicher ist.

Das neue Brand- und Gebäudeschutzabkommens ist für dessen Unterzeichner verpflichtend. Beigetreten sind auch viele bekannte deutsche Anbieter, darunter Adidas, C&A, Karstadt, Kaufhof, Metro, die Otto Group und Tchibo. Bis zum 15. Juli müssen die Unternehmen zunächst alle ihre Lieferanten in Bangladesch offenlegen – mit Angabe der Anzahl an Gebäuden, Stockwerken und Mitarbeitern. Dann steht fest, welche Fabriken kontrolliert werden. Eine Liste dieser Fabriken soll öffentlich zugänglich gemacht werden. Für die Aktualität der Daten wird ein externer Dienstleister sorgen: die New Yorker NGO Fair Factories Clearinghouse.

Innerhalb der nächsten neun Monate sollen in den – nach ersten Schätzungen zwischen 1.000 und 2.500 – betroffenen Nähfabriken zumindest vorläufige Inspektionen stattfinden. Dazu wird in Bangladesch ein Büro mit Inspektoren aufgebaut, dessen Leitung ein Chief Safety Inspector und ein Executive Director übernehmen werden. Beide Stellen sind ausgeschrieben, über die weitere personelle Ausstattung des Büros soll später entschieden werden.

Neue Qualität der Audits

Die Inspektionen im Rahmen des Abkommens werden detailliert Fragen von Brandschutz und Gebäudesicherheit in den Blick nehmen, etwa die Sicherheit der Elektroinstallation oder die Eignung der Fluchtwege. „In diesem Umfang und dieser Kombination ist eine neue Qualität“, sagte Andreas Streubig, Bereichsleiter Corporate Responsibility bei der Otto Group. Die bisherigen Audits gingen nicht so in die Tiefe. Das Abkommen überzeugt eine zunehmende Zahl an Textilunternehmen, die Zahl der Unterzeichner steigt weiter. Am Anfang sei die Vereinbarung für manche Händler ein „abstraktes Gebilde, anspruchsvoll, aber vage“, gewesen, so Streubig. „Wir sind jetzt deutlich präziser.“ Die Teilnahme an der Vereinbarung hat einen Preis und der beträgt laut Vertrag – je nach Einkaufsvolumen und belegten Fabriken – bis zu 500.000 US Dollar pro Jahr und Unternehmen. Je mehr Firmen das Abkommen unterzeichnen, umso geringer fällt die finanzielle Belastung für jeden Beteiligten aus. Am Geld werde die Umsetzung dieser Vereinbarung nicht scheitern, ist Steubig überzeugt

Keine konkurrierenden Initiativen

In Bangladesch hatte der Verband der Hersteller und Exporteure, der die Besitzer von 4.500 Textilfabriken vertritt, das Brandschutzabkommen zunächst begrüßt. Später kritisierte Vizepräsident Reaz-Bin-Mahmood, dass sein Verband nicht eingebunden worden sei: „Es sind schließlich unsere Fabriken, die Sie kontrollieren werden.“ Dazu sagte der Leiter der Abteilung für nachhaltige Unternehmensentwicklung bei C&A, Philip Chamberlain, der die Umsetzung der Vereinbarung gemeinsam mit anderen Industrie- und Gewerkschaftsvertretern vorbereitete: „Bevor wir auf die Industrie in Bangladesch zugehen konnten, mussten wir unsere Ideen dafür zusammentragen.“ In Bangladesch hatten Textilverbände, die Regierung und Gewerkschaften bereits am 24. März einen „National Tripartite Plan of Action on Fire Safety for the Ready-Made Garment Sector in Bangladesh“ unterzeichnet. Dieser solle im Rahmen des nun zu implementierenden Abkommens berücksichtigt werden. Chamberlain: „Wir können uns keine zwei konkurrierenden Initiativen leisten.“

Paritätisch besetztes Leitungsteam

Im Rahmen des Brandschutzabkommens wird in den nächsten Tagen in den Niederlanden eine Stiftung eingerichtet, die Gründung eines Rechtsträgers in Bangladesch steht ebenfalls bevor.

Das Leitungskomitee der Stiftung ist paritätisch mit Vertretern aus Unternehmen und Gewerkschaften besetzt, den Vorsitz übernimmt ein Mitarbeiter der International Labour Organisation (ILO). Auf Gewerkschaftsseite gehören dem Komitee die internationalen Verbände IndustriAll Global Union und UNI Global Union sowie der nationale Bangladesh Council of Trade Unions an. Auf Unternehmensseite sind Inditex (als einer der größten Einkäufer in Bangladesch), die PVH Corporation (als amerikanisches Unternehmen) und N.Brown (als ein kleinerer Händler) vertreten. Weitere Delegierte können ohne Stimmrecht an den Sitzungen teilnehmen. Zudem wird ein 22 Personen umfassender Beirat berufen, dem 16 Experten aus Bangladesch angehören sollen.

„Wir haben noch nicht aufgegeben“

Gisela Burckhardt von der Clean Clothes Campaign (CCC) begrüßte die rechtliche Verbindlichkeit dieses Abkommens und sagte: „Wir werden genau hinschauen: Wie wird das Abkommen umgesetzt?“ Mit der Vereinbarung seien aber nicht alle Probleme des Textilsektors in Bangladesch gelöst. Die extrem niedrigen Löhne der Textilarbeiterinnen, die hohe Zahl ihrer Überstunden oder die immer noch ausstehenden Entschädigungszahlungen für die Opfer der Katastrophen in den Textilfabriken von Bangladesch dürften nicht in Vergessenheit geraten, so Burckhardt.

Große US-Textilunternehmen wie Gap oder Walmart verweigern bisher einen Beitritt zu dem Gebäude- und Brandschutzabkommen und plädierten stattdessen für unternehmensinterne Selbstverpflichtungen. Doch der europäische Textilmanager Chamberlain zeigt sich hoffnungsvoll: „Da haben wir noch nicht aufgegeben.“

Ein aktuelles Portrait der Textilindustrie in Dhaka lesen Sie in der >> März-Ausgabe des CSR MAGAZIN.