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Nachwachsende Rohstoffe – Bundeskabinett beschließt neue Bioökonomie-Strategie

„Wir müssen wegkommen vom Öl und lernen, stärker zu nutzen, was die Natur uns bietet“, sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur „Politikstrategie Bioökonomie“, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Zuvor hatte das Bundeskabinett beschlossen, die biobasierte Wirtschaft in Deutschland zu stärken und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.

Berlin (csr-news) > „Wir müssen wegkommen vom Öl und lernen, stärker zu nutzen, was die Natur uns bietet“, sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur „Politikstrategie Bioökonomie“, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Zuvor hatte das Bundeskabinett beschlossen, die biobasierte Wirtschaft in Deutschland zu stärken und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.

Das Konzept der Bioökonomie orientiert sich an natürlichen Stoffkreisläufen und nachwachsenden Ressourcen. Dabei kommen nicht nur Rohstoffe aus der Land-, Forst- oder Fischereiwirtschaft zum Einsatz, sondern zunehmend auch Rest- und Abfallstoffe, die einen biologischen Ursprung haben. Bioökonomie entspricht dann auch dem Gedanken einer ressourceneffizienten Kreislaufwirtschaft. „Die Bioökonomie ist ein Wachstumsmarkt, auf dem sich Deutschland schon jetzt im Spitzenfeld bewegt. Wir können diese Stellung weiter ausbauen, neue Erfindungen umsetzen, Arbeitsplätze schaffen und zugleich den Umweltschutz voranbringen“, so Aigner. „Viele Unternehmen haben schon gute Ideen umgesetzt“.

Die neue Politikstrategie Bioökonomie setzt auf der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung auf. Die Leitgedanken, strategischen Ansätze und Maßnahmen der Strategie sollen dazu beitragen, die Potenziale der Bioökonomie in Deutschland im Rahmen eines nachhaltigen Wirtschaftens zu nutzen und helfen den Strukturwandel hin zu einer biobasierten Wirtschaft zu stärken. Längst haben zahlreiche Unternehmen nachwachsende Rohstoffe in ihrer Produkt- und Produktionsplanung berücksichtigt. So gibt es im Handel mittlerweile Trinkwasserflaschen aus pflanzlichen Rohstoffen. Aus Rizinusöl werden Kunststoffe für Dübel hergestellt oder ein Automobilhersteller fertigt aus diesem Rohstoff Motorabdeckungen an. Damit aus gut gedacht auch gut gemacht wird, soll mit der Politikstrategie Bioökonomie ein wichtiger Beitrag zur Entschärfung von Nutzungskonkurrenzen geleistet werden. Aigner betonte: „Entscheidend ist, dass es gelingt, den Strukturwandel weg von fossilen Rohstoffen hin zu mehr nachwachsenden Ressourcen in Einklang zu bringen mit der Sicherung der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung, dem Klimaschutz und der Erhaltung der Artenvielfalt. Die Ernährung und die Produktion von Lebensmitteln muss immer Vorrang haben – dieser Grundsatz gilt“. Voraussetzung dafür ist eine Menge Forschungsarbeit. Deshalb wurde von Bundeswissenschaftsministerin Johanna Wanka gleichzeitig eine Forschungsinitiative zur nachhaltigen Nutzung von landwirtschaftlichen Böden als eine Maßnahme der Politikstrategie vorgestellt. BonaRes heißt das Programm und soll dazu beitragen, das System Boden und dessen Interaktionen mit der natürlichen Umwelt und dem sozialen Umfeld besser zu verstehen. Rund 2,4 Milliarden Euro stellt die Ministerin bis 2016 im Rahmen der Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030 für Forschung zur Umsetzung einer wissensbasierten Bioökonomie zur Verfügung.

Dem Deutschen Bauernverband (DBV) kommt in dem Papier allerdings die Grundlagenforschung viel zu kurz. Zudem sei die Politikstrategie nicht mehr als eine grobe Aufzählung von Handlungsfeldern, Prioritäten würden nicht gesetzt und Angaben zur finanziellen Unterstützung fehlten, kritisierte der DBV., sagt aber auch, „Die Strategie kann helfen, durch eine nachhaltige und zugleich effiziente Produktion die Herausforderungen der Welternährung und der Energiewende zu meistern“.  Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter begrüßte die Initiative ebenfalls. „Von dem Ressort übergreifenden Konzept geht ein wichtiges politisches Signal aus, schnellstmöglich eine funktionierende Bioökonomie aufzubauen. Das Bioökonomiekonzept darf nicht bei der Forschung stehen bleiben. Die da-raus resultierenden Technologien und Produkte müssen auch in Deutschland im Markt an-kommen“, erklärt BDP-Geschäftsführer Carl-Stephan Schäfer. Diese Forderung bekräftigt Léon Broers, Mitglied des Bioökonomierates und Vorsitzender des Wirtschaftsverbund Pflanzeninnovation (WPI). „Für die Umsetzung der wissenschaftlichen Ergebnisse in die Praxis muss die Wirtschaft als Partner der Bioökonomie stärker eingebunden werden“, so Broers. Zustimmung gab es auch von der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB). Nach deren Ansicht vor allem international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für die Bioökonomie zu schaffen sein. DIB-Geschäftsführer Ricardo Gent: „Mit ihrer Strategie kann die Bundesregierung endlich bestehende Innovationshemmnisse für die Biotechnologie entlang der Wertschöpfungskette beseitigen. Denn Bioökonomie funktioniere nur dann, wenn die Wertschöpfungskette von der nachhaltigen Erzeugung von Biomasse bis zu deren Verarbeitung in Produkte Hand in Hand zusammenwirke“.

Auch auf europäischer Ebene hat das Thema Bioökonomie an Bedeutung gewonnen. Erst im Frühjahr wurde von der Europäischen Kommission eine Beobachtungsstelle Bioökonomie eingerichtet, die die Fortschritte der in der Europäischen Union erfassen und die Auswirkungen ihrer Entwicklung messen soll. „Die Beobachtungsstelle soll Daten erheben, um die Entwicklung der Märkte zu verfolgen und die Bioökonomiepolitik auf Ebene der EU, der Mitgliedstaaten und der Regionen, die Forschungs- und Innovationskapazitäten sowie die Größenordnung der damit verbundenen öffentlichen und privaten Investitionen darzustellen“, so die verantwortliche EU-Kommissarin Máire Geoghegan-Quinn. Gut ein Jahr zuvor wurde im Europa-Parlament die europäische Bioökonomiestrategie verabschiedet. Die kam allerdings bei den Umweltverbänden nicht so gut an. Als Gründe wurden die mangelhafte Beteiligung der Zivilgesellschaft sowie die Bevorzugung von Industrieinteressen genannt.

 

Leitgedanken der deutschen Politikstrategie Bioökonomie:

  • Die Ernährungssicherung hat auch im globalen Kontext Vorrang vor der Erzeugung von Rohstoffen für Industrie und Energie.
  • Nutzungspfade mit einem höheren Wertschöpfungspotenzial sind bei der weiteren Ausgestaltung der Rahmenbedingungen der Bioökonomie zu bevorzugen.
  • Wo möglich und sinnvoll soll die Kaskaden- und Koppelnutzung von Biomasse realisiert werden.
  • Die Sicherung und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Bioökonomie in Deutschland und die Wachstumspotenziale auf den internationalen Märkten sind stets mit in den Blick zu nehmen.
  • Für die Wettbewerbsfähigkeit der Bioökonomie sind gut ausgebildete und informierte Fachkräfte unentbehrlich.
  • Die Chancen und Rahmenbedingungen für die Nutzung von Schlüsseltechnologien und ihr Transfer in die wirtschaftliche Nutzung sind zu verbessern.
  • Die Bioökonomie muss wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen an die Art, wie produziert wird, Rechnung tragen. Dies gilt beim Umwelt-, Klima-, Natur- und Tierschutz sowie bei der Einhaltung sozialer Standards.
  • Die Anwendung von Nachhaltigkeitsstandards in den Produzentenländern, insbesondere solchen mit schwacher Regierungsführung und schwachen Institutionen, ist auszuweiten und auf die Überprüfung ihrer Einhaltung hinzuwirken.
  • Ein enges Zusammenwirken politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, ökologischer und sozialer Akteure ist bei der Entwicklung der Bioökonomie notwendig.

 

Dokumente und weitere Informationen zum Thema:

Bioökonomiestrategie der Bundesregierung

Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030

Europäische Bioökonomiestrategie

Bioökonomie verständlich erklärt – Informationsangebot des BMELV

Fachagentur nachwachsende Rohstoffe (FNR)

Aktionsplan der Bundesregierung zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe