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Kreuzfahrtindustrie – Greenwashing oder Umweltschutz

Auf riesigen Schiffen die Welt erkunden, das scheint immer mehr Urlaubern zu gefallen. Aus dem einstigen Vergnügen der Reichen ist längst ein großer Markt geworden. Mehr als 20 Millionen Passagiere checken jährlich auf einem Kreuzfahrtschiff ein, immer mehr auch aus Deutschland. Dabei schaden die Schiffe der Gesundheit und der Umwelt, behaupten Umweltschützer. Die Veranstalter sprechen dagegen von unzutreffenden Vergleichen.

Hamburg/Berlin (csr-news) > Auf riesigen Schiffen die Welt erkunden, das scheint immer mehr Urlaubern zu gefallen. Aus dem einstigen Vergnügen der Reichen ist längst ein großer Markt geworden. Mehr als 20 Millionen Passagiere checken jährlich auf einem Kreuzfahrtschiff ein, immer mehr auch aus Deutschland. Dabei schaden die Schiffe der Gesundheit und der Umwelt, behaupten Umweltschützer. Die Veranstalter sprechen dagegen von unzutreffenden Vergleichen.

Der Naturschutzbund NABU hat in den vergangenen Monaten zwanzig Kreuzfahrtschiffe untersucht, die in den nächsten drei Jahren für den europäischen Markt vom Stapel laufen. Die Ergebnisse wurden heute präsentiert und die fallen deutlich zum Nachteil für die Umwelt aus. Obwohl inzwischen erschwingliche Technologie verfügbar ist, mit der die Abgase gefiltert werden könnten, werden auch in den nächsten Jahren hauptsächlich Schiffe eingesetzt, die über keine Abgastechnik verfügen. „Pro Schiff“, so der NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger „koste ein wirksames Abgassystem maximal eine Million Euro – bei Gesamtinvestitionen von insgesamt 9,7 Milliarden Euro für alle Neubauten bis 2016 mache dies gerade einmal 0,01 Prozent der Kosten aus. Es ist beschämend, dass AIDA, Costa und Royal Carribean lieber Millionen in teure Greenwashing-Kampagnen stecken, als tatsächlich einmal Geld in die Hand zu nehmen und in ein funktionierendes Abgassystem zu investieren“.  Am besten wurden die Anbieter TUI und Hapag Lloyd in der Untersuchung bewertet, beide setzen mit Stickoxid-Katalysatoren erstmals bei Kreuzfahrtschiffen auf wirksame Abgastechnik. Allerdings bemängeln die Naturschützer auch auf diesen Schiffen die fehlenden Rußpartikelfilter. Klarer Verlierer des NABU-Kreuzfahrtrankings ist AIDA. Beim Branchenführer klaffen Anspruch und Wirklichkeit am weitesten auseinander, teilte der NABU mit. „AIDA wird bis auf Weiteres ohne jegliche Abgastechnik unterwegs sein. Seinen jährlich mehr als 600.000 Gästen pustet das Unternehmen damit weiter hochgradig giftige Abgase um die Nase“, so Oeliger.

Die Veranstalter haben wohl geahnt, wie die Untersuchung ausfällt, und haben zeitgleich ihre Version von der grünen Kreuzfahrt veröffentlicht. Der Kreuzfahrtverband Cruise Lines International Association (CLIA) sprach sich dennoch für einen konstruktiven Dialog mit Umweltschutzorganisationen aus. „Für alle Mitglieder von CLIA hat der Umweltschutz hohe Priorität“, so Generalsekretär Robert Ashdown. „Teil unserer fortwährenden Bemühungen ist der konstante Dialog mit unseren Ansprechgruppen, zu denen auch Nichtregierungsorganisationen gehören“. Viele Reedereien würden bereits Umweltschutzmaßnahmen ergreifen, die weit über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen. „Nur saubere Meere und Destinationen führen zu einem gelungenen Kreuzfahrterlebnis. Deshalb wünschen wir uns, Potenziale und Herausforderungen in diesem Bereich mit Umweltschutzorganisationen faktenbasiert und konstruktiv zu diskutieren“, so Ashdown. Der CLIA sieht dabei vor allem die Bemühungen der Branche, den Anteil schwefelhaltiger Brennstoffe bereits seit Jahren zu senken und damit auch die klimaschädlichen Emissionen zu reduzieren. Die International Maritime Organization (IMO) hat einen Stufenplan festgelegt, der vorsieht, das die gesamte Schifffahrtsindustrie in Europa bis 2020 auf schwefelarme Treibstoffe umzustellen – weltweit voraussichtlich bis 2025. Zwar gelten schon heute in zahlreichen Häfen entsprechende Bestimmungen, die gesamte Schifffahrt kurzfristig umzustellen, sei jedoch nicht möglich, so der Verband. „Die derzeit verfügbaren Treibstoffkapazitäten reichen nicht aus, um die gesamte Schifffahrt mit schwefelarmem Marine Diesel zu versorgen“. Zumindest für die Kreuzfahrtschiffe wäre eine Umstellung sofort möglich, ist man dagegen beim NABU überzeugt.

Die Liste weiterer Umweltschutzmaßnahmen ist lang und umfasst auch die Emissionen und die Stromerzeugung in den Häfen. Derzeit liegen die Schiffe mit laufendem Motor inmitten der Hafenstädte vor Anker, so der NABU, und pusten Unmengen an Abgasen in die Luft. Von den Reedereien angekündigte Konzepte zur Lösung dieser Probleme würden noch immer fehlen. „Die Verzögerungstaktik der Reedereien ist angesichts zunehmender Kreuzfahrtschiffanläufe und der wachsenden Belastung von Gästen und Anwohnern so unverständlich wie unverantwortlich“, so der NABU-Umweltexperte Malte Siegert. Schon für dieses Jahr hatten TUI und AIDA jeweils mit Flüssiggas betriebene Versorgungssysteme versprochen, um ihre Maschinen im Hafen teilweise abschalten zu können. „Die werbewirksamen Schlagzeilen haben die Unternehmen eingefahren, während ihre Schiffe heute noch immer mit wenig Rücksicht auf Verluste Dreck durch die Schornsteine ausstoßen“, so Siegert.

In der Auseinandersetzung zwischen Naturschutzverbänden und Reiseveranstaltern wird schnell deutlich, die Tücken liegen im Detail. Die Branche legt eigene Untersuchungen vor und lässt sich den praktizierten Umweltschutz attestieren. So teilte AIDA Cruises heute mit: „Im internationalen Vergleich und vor allem im Vergleich zur Frachtschifffahrt, zählt die AIDA-Flotte zu den modernsten, energieeffizientesten und umweltfreundlichsten weltweit“. Als Laie bekommt man schnell den Eindruck, hier werden nicht selten Äpfel mit Birnen verglichen, um die eigene Position zu untermauern. So kommt es dann auch zu seltsamen Bildern, wie dem aus dem Hause NABU: Die Luftschadstoffbelastung, die von den untersuchten 20 Kreuzfahrtschiffen ausgeht, entspricht insgesamt derjenigen von rund 120 Millionen modernen Pkw. Als „emotionalisierende Kampagne“ und „unzutreffenden Vergleich“ bezeichnet dies der Verband und hat auch gleiche eine Studie parat die diese Haltung untermauert. Der NABU fordert von der Kreuzfahrtindustrie jedenfalls konkrete Maßnahmen, mit den sich die Umweltbelastung senken lässt, vor allem in Häfen und in empfindlichen Regionen wie beispielsweise die Arktis.

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