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Antidiskriminierungsstelle: Deutschland braucht jeden qualifizierten Menschen

Angesichts weit verbreiteter Diskriminierungen an Schulen und im Arbeitsleben hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) konkrete Hilfen für die Betroffenen gefordert. An Schulen und Hochschulen müssten unabhängige Beratungsstellen eingerichtet und bestehende Beschwerdestellen in Unternehmen gestärkt werden, erklärte die ADS am Dienstag in Berlin. Einer ADS-Studie zufolge fühlt sich jeder vierte Schüler oder Student mit ausländischen Wurzeln gemobbt oder ausgegrenzt.

Berlin (afp/csr-news) – Angesichts weit verbreiteter Diskriminierungen an Schulen und im Arbeitsleben hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) konkrete Hilfen für die Betroffenen gefordert. An Schulen und Hochschulen müssten unabhängige Beratungsstellen eingerichtet und bestehende Beschwerdestellen in Unternehmen gestärkt werden, erklärte die ADS am Dienstag in Berlin. Einer ADS-Studie zufolge fühlt sich jeder vierte Schüler oder Student mit ausländischen Wurzeln gemobbt oder ausgegrenzt.

In dem 450-seitigen Bericht der ADS und der weiteren zuständigen Regierungsbeauftragten an den Bundestag berichteten zudem sechs Prozent der Befragten mit einer Behinderung von Benachteiligungen in Schule oder Hochschule. Schüler werden demnach wegen ihrer türkischen oder arabischen Abstammung oft beschimpft, homosexuellen Schülern werde durch Beleidigungen auf dem Schulhof häufig jedes Selbstwertgefühl genommen. Alle Formen von Diskriminierung wirken sich dem Bericht zufolge negativ auf die Leistungen der Schüler aus. Jedoch verweist der Bericht auch auf eine eingeschränkte Aussagekraft aufgrund einer „dünnen Datenlage, der hohen Dunkelziffer und der unzureichenden Standardisierung und aggregierten Auswertung von Beschwerdedaten“.

Beim Zugang zur Arbeit und im Arbeitsleben selbst klagten Betroffene oft über Benachteiligungen wegen ihres Geschlechts oder Alters, über die Nicht-Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen oder über Vorbehalte gegen Menschen mit Behinderung. Auch negative Einstellungen zu Menschen nichtdeutscher Herkunft hinderten viele Betroffene daran, einen adäquaten Beruf zu finden.

Der Bericht enthält auch Empfehlungen zum Abbau von Diskriminierung am Arbeitsplatz. „Diversity und Antidiskriminierung stellen zwei Seiten einer Medaille dar“, heißt es dort. Je besser es Arbeitgebern gelinge, Benachteiligungen zu verhindern und abzubauen, umso besser könnten Diversity-Maßnahmen greifen. Im Einzelnen empfehlen die Autoren eine Stärkung unabhängiger Beschwerde- und Beratungsstellen, Transparenz im Lohnsystem und den Ausgleich von Lohnungleichheiten, die Förderung einer offenen Unternehmenskultur und eine innovative Personalrekrutierung durch anonymisierte Bewerbungsverfahren.

Die ADS-Leiterin Christine Lüders erklärte zu den Ergebnissen des Berichts, Deutschland könne es sich langfristig nicht leisten, ganze Gruppen von Schülern am Bildungserfolg „nicht chancengerecht teilhaben zu lassen“. „Gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung braucht Deutschland jeden qualifizierten Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung, Geschlecht, Behinderung, aber auch sozialer Herkunft.“

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), mahnte angesichts der Studienergebnisse, eine Ausgrenzung von Migranten wegen ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion dürfe „nicht toleriert werden“. „Aber auch für Migranten ist Deutschland heute ein Land der Möglichkeiten.“ Im Bildungsbereich seien „maßgebliche Fortschritte Ansporn, die Chancen von jungen Migranten weiter zu verbessern“. Auf dem Arbeitsmarkt habe bei vielen Arbeitgebern in den vergangenen Jahren „ein Umdenken zur Haltung gegenüber Migranten erreicht werden“ können, fügte Böhmer hinzu.

Die Integrationsforscherin Yasemin Karakasoglu, die dem Wahlkampfteam von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück angehört, wertete den Bericht als Beleg für die „anhaltenden sozialen Benachteiligungen in allen Bereichen unseres Bildungssystems“. „Viele Entwicklungen sind bereits seit Jahren bekannt, doch noch immer fehlen gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze“, kritisierte die parteilose Karakasoglu in Berlin. Die schwarz-gelbe Bundesregierung ducke sich weg und schiebe die alleinige Verantwortung den Ländern zu. „Das ist Stillstand und keine verantwortliche Politik.“

Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt erklärte in Berlin, die Ergebnisse der Studie seien erschütternd und müssten sehr ernst genommen werden. Der ADS-Bericht zeige, dass Diskriminierungen und Benachteiligungen von gesellschaftlichen Minderheiten nach wie vor weit verbreitet seien. „Wenn sich etwa jeder vierte Schüler oder Studierende mit Migrationshintergrund diskriminiert fühlt, dann ist dies ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die modern und offen sein will.“

Der Bericht „Diskriminierung im Bildungsbereich und im Arbeitsleben“ zum Download