Nachrichten

Im Gänsemarsch durch Pariser Problem-Vorstädte: Touristen entdecken Außenbezirke der französischen Hauptstadt

Touristen zwischen heruntergekommenen Plattenbauten in einer von Arbeitslosigkeit, Drogen und Kriminalität geplagten Pariser Vorstadt? Noch vor 15 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Doch im Département Seine-Saint-Denis, einem der ärmsten in ganz Frankreich, ist das inzwischen Realität. „Wir haben auf die Karte des Authentischen gesetzt, wir zeigen die Firmen, die hier arbeiten, und die Leute, die hier wohnen“, berichtet stolz der für Tourismus zuständige Daniel Orantin. Inzwischen kommen nicht nur Geschäftsleute, sondern auch Touristen in die als gefährlich verschrieenen Vorstädte.

Von Pauline Froissart

Paris (afp) – Touristen zwischen heruntergekommenen Plattenbauten in einer von Arbeitslosigkeit, Drogen und Kriminalität geplagten Pariser Vorstadt? Noch vor 15 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Doch im Département Seine-Saint-Denis, einem der ärmsten in ganz Frankreich, ist das inzwischen Realität. „Wir haben auf die Karte des Authentischen gesetzt, wir zeigen die Firmen, die hier arbeiten, und die Leute, die hier wohnen“, berichtet stolz der für Tourismus zuständige Daniel Orantin. Inzwischen kommen nicht nur Geschäftsleute, sondern auch Touristen in die als gefährlich verschrieenen Vorstädte.

In Stains, einem der berüchtigten Problemgebiete im Nordosten von Paris, gibt es nicht nur triste Hochhaus-Viertel mit zugemüllten Plätzen. In der 35.000-Einwohner-Stadt liegt auch die 1920 gebaute Gartenstadt von Stains, ein Viertel mit Sozialwohnungen, das nicht zuletzt Architekturinteressierte anzieht.

Eine kleine Gruppe Touristen läuft dort im Gänsemarsch über Unkraut, das vor den hellen Backsteingebäuden sprießt. Ob nun aus Paris oder aus dem Ausland – für die meisten ist es das erste Mal, dass sie Stains besuchen. „Das sind Orte, an die man sonst nie kommt“, gibt Julie Panis zu. Sie sei hier, um „‚mal etwas anderes zu sehen“, sagt die 23-jährige Urbanismus-Studentin in der rund eine halbe Stunde von Paris entfernten Vorstadt.

„Als wir gesagt haben, dass wir den Tourismus in Seine-Saint-Denis ausbauen wollen, haben uns die Leute ausgelacht“, erinnert sich Orantin, der Chef des Tourismusverbandes in dem Département. Die Herausforderung war riesig: Ein sehr städtisches Gebiet zur Attraktivität zu machen, in dem es weder Meer, noch Berge oder andere beeindruckende Landschaften gibt und dem – immer noch – ein äußerst schlechter Ruf anhaftet.

Vor 20 Jahren gab es auswärtige Besucher in dem Département nur an drei oder vier klar eingegrenzten Orten, darunter die Basilika von Saint-Denis und der Flohmarkt von Saint-Ouen direkt am nördlichen Stadtrand von Paris. Mit dem für die Fußball-WM 1998 errichteten Stadion Stade de France, das auch für Konzerte genutzt wird, änderte sich das. 1998 wurde daher ein Tourismusverband für das Département mit der Nummer 93 gegründet.

Auch ein Netz von sogenannten Greeters gibt es inzwischen in der Region – das sind Freiwillige, die fremden Besuchern ihr Viertel zeigen. Auch Gästezimmer bei Privatleuten gibt es. Gegen einen kleinen Obolus können Touristen bei den Einheimischen wohnen und an einem Besuch in deren Viertel teilnehmen. 2012 habe es dafür viele Anfragen gegeben, erzählt Mathieu Glaymann, einer der Organisatoren. „Es gab 400 Übernachtungen bei 35 bis 40 Gastgebern.“ Die Initiative, die sich per Mundpropaganda ausweitete, fand sogar Widerhall in der US-Zeitung „New York Times“.

Den Großteil der Übernachtungen in Hotels oder Pensionen in Seine-Saint-Denis machen aber nach wie vor Geschäftsleute aus. Allein das Messegelände Paris Nord Villepinte empfing im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Besucher; 80 Veranstaltungen wurden dort organisiert.

Doch auch für die Geschäftsreisenden müsse noch mehr getan werden, räumt Jean-Pierre Blat ein, der Chef des regionalen Tourismusverbandes für den Großraum Paris. Schließlich brächten die auswärtigen Besucher in dem von Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Département eine Menge Geld ein. Neben der Infrastruktur nennt Blat vor allem das Freizeitangebot – damit Touristen, die in Seine-Saint-Denis übernachten, „nicht das Bedürfnis verspüren, zurück nach Paris zu fahren und dort den Abend zu verbringen“.