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Interview & Webinar: Wie finden, leben und kommunizieren Mittelständler ihre Werte?

Grafenaschau (csr-news) – Mittelständischen Unternehmern wird häufig zuerkannt, dass sie werteorientiert handeln. Zeit für die Reflexion dieser Werte und für deren strategische Umsetzung in das Unternehmen fehlt allerdings häufig. Und: Es ist längst nicht ausgemacht, dass eine Belegschaft die Werte des Inhabers teilt. CSR NEWS sprach mit dem Werteexperten Friedrich Glauner von CULTURAL IMAGES darüber und bietet zudem in der kommenden Woche ein 45-minütiges Webinar dazu an.

CSR NEWS: Wie verbreitet ist eine „werteorientierte Unternehmensführung“ im Mittelstand?

Dr. Friedrich Glauner: Zunächst einmal sind meines Erachtens alle Unternehmen von Werten getragen. Wesentlich ist dabei die Frage, ob es die „richtigen“ Werte sind und eine starke Unternehmerpersönlichkeit das Unternehmen prägt. Hier haben Mittelständler allerdings in der Tat die Nase oft vorn. Landläufig sind diese eigentümergeführt. Deshalb spielen die Werte des Eigentümers und der Unternehmerfamilie eine zentrale Rolle. Sie prägen das Unternehmen, egal ob es sich um einen Betrieb mit ‚nur‘ 45 Mitarbeitern handelt, etwa das Stuttgarter Schreinerunternehmen Türenmann GmbH, welches jüngst mit dem CSR-Sonderpreis der Bundesregierung ausgezeichnet wurde, oder um ein Unternehmen mit mehr als 9.500 Mitarbeitern, wie etwa das von Frau Nicola Leibinger-Kammüller geführte Unternehmen TRUMPF GmbH.

Vor der Unternehmensgröße und der Gesellschaftsform kommt noch ein zweiter Aspekt zum Tragen, der ebenfalls mit dem Mittelstand in Verbindung gebracht wird. Es ist die Langfristigkeit und Kontinuität, wie und mit welchen Werten das Unternehmen geführt wird. Auch hier sprechen die rund 1.500 sogenannten „hidden leaders“ – also die mittelständischen Weltmarktführer wie etwa ebm-papst oder auch Hipp – eine deutliche Sprache. Gerade in Krisenzeiten dient ihr Wertegerüst als tragende Kraft für Resilienz. Dabei verknüpfen diese Unternehmen langfristiges Denken mit einer tagtäglich gelebten Orientierung am Menschen und verknüpfen dabei Verantwortungsbewusstsein und umfassendes, auch soziales Engagement. Kurz: bei allen langanhaltend überdurchschnittlich erfolgreichen Unternehmen wird das Unternehmen von einer ausgeprägten werteorientierten Unternehmenskultur getragen. Neben Innovationskraft und Marktfähigkeit der Produkte, Leistungen und der Organisation ist sie der dritte Systemfaktor für ihren Erfolg.

Langfristig hoch erfolgreiche Unternehmen sind somit gekennzeichnet durch drei Eigenschaften: Werteorientierung, langfristig angelegte Eigentümer-, Führungs- und Entwicklungsstrukturen sowie nachhaltig nutzenorientierte Mehrwertstiftung als Geschäftsmodell. Es sind diese drei Eigenschaften, die wir in der Regel dem Mittelstand und eigentümergeführten Unternehmen zuschreiben.

Gibt es in der Wirtschaft „typische Mittelstandswerte“?

Ja und nein. Sicherlich sind die typischsten Mittelstandswerte ihr langfristig angelegtes Denken. Hierbei spielen der Erhalt des Unternehmens und die Wahrung einer unverwechselbaren Unternehmenskultur eine größere Rolle als kurzfristig gewinnorientierte Interessen. Folgende Zahlen sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich: Von 100 gegründeten Unternehmen werden nur 61% in die zweite, 25% in die dritte und lediglich ca. 4% in die vierte Generation übergeben.

Analysiert man Unternehmen mit einer Geschichte, die über die zweite und insbesondere die dritte Generation hinaus reicht, wird wieder ersichtlich, dass es die unverwechselbaren Werte sind, die dem Unternehmen Tragkraft verleihen. Das herausragende Kennzeichen besonders erfolgreicher mittelständischer Unternehmen ist, dass für sie Nachhaltigkeit, Ethik und ökonomischer Geschäftserfolg nicht getrennte Sphären sind, sondern dass sie einander bedingen. Dies schließt natürlich nicht aus, dass auch mittelständische Unternehmen oft unethisch agieren. Es sind letztlich immer die persönlichen Werte, die den Unternehmer oder die Unternehmerin leiten. Hier zeigen Analysen verschiedenster Unternehmen ein klares Bild. Wird das Unternehmen von egozentrierten Werten getragen, sind Konflikte die Regel und oft kurzfristig sprunghaftes Handeln die Folge. Wird es dagegen von Werten getragen, die den Nutzen des Gegenübers –Kunden, Mitarbeiter oder auch Lieferanten – fokussieren, gibt diese Werteorientierung Stabilität.

Konzentrieren wir uns auf Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell in der nach außen gerichteten Nutzenstiftung sehen, gibt es einen klaren Befund. Sie alle werden von einem Wertekanon getragen, der sich, salopp gesagt, an den kulturübergreifend geteilten menschlichen Kardinaltugenden orientiert. Bescheidenheit, Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit sind dabei Leitwerte für den Umgang miteinander. Sie prägen eine Haltung, die mit mutig tätiger Umsicht, Vorsicht, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Beständigkeit und Verlässlichkeit beschrieben werden kann. Diese Haltung ist die Grundlage dafür, dass ein Unternehmen auch in schwierigen Zeiten Kurs hält und Durchschlagskraft entwickelt.

Manche Unternehmer handeln in ihrer Firma auf einem persönlichen Wertegerüst. Reicht das?

Nein, das reicht nicht. Natürlich sind die persönlichen Unternehmerwerte auf den ersten Blick entscheidend. Hier kommt das kybernetische Gesetz der Veränderbarkeit sozialer Systeme zum Tragen. Es besagt, dass das flexibelste dominante Element eines sozialen Systems das System am stärksten beeinflusst. Dies gilt im negativen wie im positiven. Falsche Unternehmerwerte, falsches Führungspersonal oder falsche flexibel-dominante Personen in der Linie können ein Unternehmen sozusagen über Nacht korrumpieren. Deshalb ist es wichtig, im Unternehmen Leitplanken einzuziehen. Sie helfen, den Umgang miteinander sowie insbesondere die Auswahl und Entwicklung des Führungspersonals zu lenken.

Bei der Entwicklung solcher „Leitplanken“ rate ich Unternehmen dazu, mit einem Wertecockpit zu arbeiten. Dieses hat drei Aufgaben. Erstens legt es für alle transparent das Wertegerüst fest, nach dem ein Unternehmen handelt. Zweitens unterlegt es das angestrebte Wertegerüst mit konkreten Erfüllungsbedingungen, so dass vom Pförtner bis hin zur Geschäftsführerin oder dem Vorstand alle wissen, was die einzelnen Werte kennzeichnet. Drittens dient das Wertecockpit als Mess- und Steuerungssystem, mit dem die angestrebte Unternehmenskultur werteneutral entwickelt und der Entwicklungsprozess mit nachvollziehbaren Kriterien kommuniziert wird. Erfüllt das Wertcockpit diese Aufgaben, ist es ein wirkmächtiges Instrument, das alle Facetten des Unternehmens nach zwei Gesichtspunkten ausrichtet. Auf der Ebene der Wertschöpfungsprozesse lenkt es das Unternehmen gemäß zentraler Leitwerte, mit denen das Unternehmen Nutzen stiftet. Auf der Ebene der Unternehmenskultur lenkt es das Unternehmen gemäß zentraler Prozesswerte, mit denen der Umgang im Unternehmen geregelt wird.

Leitwerte sind jene Werte, mit denen ein Unternehmen spezifischen Nutzen stiftet. Bei der Hilti AG sind das beispielsweise die Leitwerte Integrität, Mut, Teamgeist und Integrität. Diese Werte dienen Hilti dazu, im weltweiten Direktvertrieb Hochleistungsteams zu entwickeln, die für ihre Kunden jederzeit die Extrameile gehen. Mit dieser wertorientierten Steuerung ist Hilti heute in seinen Märkten seit langen Jahren weltweit anerkannter Technologieführer. Prozesswerte sind dagegen alle jene Werte, die den Umgang miteinander regeln. So werden etwa bei Hilti die Leitwerte Mut und Integrität durch die Prozesswerte Ehrlichkeit, Eigenverantwortung Offenheit, Transparenz und Konsequenz flankiert. Die Leitwerte Teamgeist und Integrität werden dagegen durch die Prozesswerte Flexibilität, Veränderungsbereitschaft, Wertschätzung und Toleranz unterfüttert.

Der Erfolg werteorientierter Unternehmensführung ruht so auf drei Prinzipien:
Erstens auf stark ausgeprägten Unternehmerwerten, die den menschlichen Kardinaltugenden verpflichtet sind.
Zweitens auf der konsequenten Umsetzung der Unternehmenswerte durch den Aufbau einer stimmigen Unternehmenskultur, die als Wertschöpfungsprozess mittels des Wertecockpits genauso aktiv gesteuert wird wie alle anderen unternehmensrelevanten Prozessabläufe durch das Unternehmenscockpit gesteuert werden.
Drittens auf dem konsequentem Vorleben der Unternehmenswerte. Hierbei verschränken sich die Unternehmerwerte und die Unternehmenswerte zu einer Doppelhelix-Struktur, die als verborgene DNA des Unternehmens den Aktionsradius und Erfolg von Unternehmen bestimmt. Getragen von den Unternehmerwerten dient das Wertecockpit so dazu, das Unternehmen in allen seinen Facetten bis hin zur Organisationsform und der Markenbildung stimmig auszurichten.
In diesen drei Prinzipien finden Sie auch die Antwort auf Ihre erste Teilfrage, wie Mittelständler ihre Werte finden. Sie finden ihre Werte in einem Unternehmer- und Unternehmensverständnis, dass sich entschieden am ganzheitlichen Nutzen ausrichtet, der durch das Unternehmen gestiftet wird und der seinen Ausdruck findet in der tagtäglich gelebten Unternehmenskultur.

Und was geschieht, wenn Mitarbeiter die Werte ihres Chefs nicht teilen?

In seinem Gedicht „Die Lösung“ schrieb Bertolt Brecht zum Aufstand des 17. Juni, das der Sekretär des Schriftstellerverbandes Flugblätter verteilen ließ, auf denen stand, dass das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe. Er mahnte deshalb listig an, ob es da nicht doch einfacher wäre, wenn die Regierung das Volk auflösen und ein anderes wählen würde. Auch bei Wertekonflikten in Unternehmen gilt, sie können nicht nach Gutsherrenart und willkürlich gelöst werden, da dies die gelebte Wertebasis weiter erodieren lässt.

Wieder zeigen werteorientiert geführte Unternehmen hier den Weg. Ist ein Wertecockpit installiert, liegen für alle nachvollziehbar die Spielregeln offen, wie mit Konflikten umzugehen ist. Wertekonflikte bedürfen hier einer Lösungsstrategie, die mit menschorientiertem Blick zwei Eigenschaften verbindet. Einerseits müssen Konflikte bezüglich individueller Belange und Situationen offen, fair und flexibel gehandhabt werden. Andererseits müssen sie mit Blick auf die vereinbarten Kernwerte mit unkorrumpierbar strenger Konsequenz in der Sache, also ohne Ansehen der Personen, gelöst werden. Wer die Unternehmenswerte nicht teilt oder mehrfach mutwillig oder gar hinterlistig gegen die gemeinsam festgelegten Regeln verstößt, hat im Spiel nichts zu suchen.

Das Bild von Ökosystemen kann hier als Leitfaden dienen. Möchte man einen Regenwald in eine Savanne verwandeln, sind in allen Phasen des Wandels Konflikte Programm. Dabei ist es kontraproduktiv, von einem zum anderen Tag das Wasser abzudrehen. Dann würde das System unverzüglich kollabieren. Also bedarf es eines behutsamen, offenen aber konsequent durchgeführten Transformationsprozesses, in dem auftauchende Konflikte mit Blick auf die vorgegebenen Werte gelöst werden. In diesem Prozess verlassen am Ende all jene Biotopbewohner, die es auch weiterhin lieber dunkel und feucht mögen, freiwillig das Terrain. Dagegen zieht es all jene Bewohner neu an, die das weite offene Gelände bevorzugen. Also auch hier gilt, ein transparenter Wertekanon, der menschorientiert kommuniziert und in der Sache fair, nachvollziehbar und konsequent umgesetzt wird, ist der Schlüssel für herausragenden Erfolg.

Darin liegt auch die Antwort auf Ihre zweite und dritte Teilfrage, wie Mittelständler ihre Werte leben und kommunizieren. Sie leben und kommunizieren ihre Werte in einer Mischung aus persönlicher Bescheidenheit, gepaart mit einer unbändigen Offenheit und Neugier für das Gegenüber und die Sache sowie dem Mut, die hochgehaltenen Werte konsequent zu verfolgen und im Unternehmen kompromisslos zu verankern.

CSR NEWS-Webinar „Nachhaltigkeitsmanagement für Praktiker im Mittelstand“:

An jedem ersten Donnerstag im Monat bietet CSR NEWS ein Webinar zum Nachhaltigkeitsmanagement.

Donnerstag, 05.09.13: Wie finden, leben und kommunizieren Mittelständler ihre Werte? (mit Dr. Friedrich Glauner)

Gerade Mittelständler handeln werteorientiert. Aber auch reflektiert? Den einfach ist werteorientiertes Handeln nicht: Wie verbinden sich persönliche Werte und Unternehmenswerte? Wie trägt ein Unternehmen Werte in die Firma hinein – und wie beteiligt er daran seine Mitarbeiter? Was bedeutet eine Werteorientierung für Kultur und Steuerung eines Unternehmens? Unser Referent ist der Dozent, Autor und Berater Dr. Friedrich Glauner.
>> Hier können Sie sich zu dem Webinar „Wie finden, leben und kommunizieren Mittelständler ihre Werte?“ anmelden.