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Eine wichtige Stimme in der Klimadebatte meldet sich wieder zu Wort: Weltklimarat veröffentlicht Sachstandsbericht

Knapp sechs Jahre ist es her, dass der Weltklimarat IPCC eindringlich auf die Bedrohungen durch den Klimawandel aufmerksam machte und den Menschen als Hauptverantwortlichen der Erderwärmung benannte. Seitdem geriet das UN-Gremium, in dem weltweit tausende Wissenschaftler mitarbeiten, wegen Fehlern in seinem Bericht in die Kritik. Der Anlauf zu einem neuen internationalen Klimaschutzabkommen scheiterte vorerst. Der neue IPCC-Sachstandsbericht könnte den weltweiten Klimaschutzbemühungen aber dennoch neuen Schub geben.

Berlin (afp) – Knapp sechs Jahre ist es her, dass der Weltklimarat IPCC eindringlich auf die Bedrohungen durch den Klimawandel aufmerksam machte und den Menschen als Hauptverantwortlichen der Erderwärmung benannte. Seitdem geriet das UN-Gremium, in dem weltweit tausende Wissenschaftler mitarbeiten, wegen Fehlern in seinem Bericht in die Kritik. Der Anlauf zu einem neuen internationalen Klimaschutzabkommen scheiterte vorerst. Der neue IPCC-Sachstandsbericht, dessen erster Teil am Freitag vorgestellt wird, könnte den weltweiten Klimaschutzbemühungen aber dennoch neuen Schub geben.

Die Zusammenfassung des hunderte Seiten umfassenden Berichtsteils wird am Freitag bei einer Plenarsitzung der 195 IPCC-Mitgliedsstaaten in Stockholm verabschiedet. Dabei geht es um die neuesten Erkenntnisse zu klimatischen Veränderungen und deren Ursachen. Zwei weitere Berichtsteile, die im März und im April erscheinen sollen, befassen sich mit den Auswirkungen sowie Strategien zur Anpassung an den Klimawandel und zu dessen Abmilderung. Insgesamt ist die fünfte Ausgabe des Sachstandsberichts eine wichtige Faktengrundlage für die Verhandlungen über ein weltweites Klimaschutzabkommen, das nach einigen Rückschlägen nun in zwei Jahren stehen soll.

Laut einem Entwurf des ersten Teils, welcher der Nachrichtenagentur AFP vorliegt, ist sich der IPCC angesichts neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse noch sicherer als zuvor, dass der Mensch der Hauptverursacher gefährlicher Klimaveränderungen ist. Diese werden demnach alle Weltregionen betreffen und das Risiko für extreme Wetterphänomene wie Überschwemmungen, Großbrände und Dürren weiter erhöhen. Außerdem könnten die Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts je nach Szenario um bis zu 81 Zentimeter steigen und zahlreiche Küstenorte bedrohen.

„Es ist fünf Minuten vor zwölf“, warnte IPCC-Chef Rajendra Pachauri Anfang des Monats. Mit solchen Weckrufen profilierte sich der IPCC als einflussreiche Stimme in der Klimaschutzdebatte. Im Jahr 2007 wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Doch die Befunde des Weltklimarats sind nicht unangefochten. Mit seinem vierten Sachstandsbericht geriet das Gremium in die Kritik, weil darin fälschlicherweise davor gewarnt wurde, die Gletscher im Himalaya-Gebirge könnten bis zum Jahr 2035 verschwunden sein. Eigentlich sollte das Jahr 2350 als Horizont genannt werden. Auch andere Berichtsdetails erwiesen sich als falsch oder zumindest nicht erwiesen.

Verfechter der Arbeit des IPCC machen aber geltend, dass die Verfahrensregeln bei der Berichtserstellung seitdem einer unabhängigen Prüfung unterzogen wurden und die meisten der daraus gefolgerten Empfehlungen umgesetzt worden seien. So wurde die schon vorher geltende Praxis schriftlich festgehalten, dass die gesamte Bandbreite der Forschungsdiskussion mitsamt Widersprüchen und Unsicherheiten wiedergegeben werden muss. Außerdem müssen die IPCC-Vorstände und -Autoren schriftlich versichern, dass sie sich nicht in Interessenkonflikten befinden.

Kritik gibt es aber weiter daran, dass die IPCC-Verfahren zu langsam und schwerfällig sind. Der erste Berichtsentwurf der 830 Hauptautoren wird in einem zweistufigen Verfahren zunächst von tausenden weiteren Wissenschaftlern und dann auch von Regierungsvertretern kommentiert. Die Auswertung der Kommentare nimmt viel Zeit in Anspruch. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die in der Zwischenzeit veröffentlicht werden, finden keinen Eingang mehr in den IPCC-Bericht.

Der US-Klimaforscher Michael Mann kritisiert den Weltklimarat daher als „konservative Organisation“, die vor drastischen Aussagen zurückschrecke. „Der Bericht ist wirklich Wissenschaft auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner“, bemängelt Mann.

Andere machen hingegen geltend, dass die IPCC-Berichte von großem Gewicht seien, weil alle 195 Mitgliedstaaten die Aussagen der Zusammenfassungen Satz für Satz gemeinsam verabschieden. Tim Nuthall von der European Climate Foundation fasst es so zusammen: „Der IPCC ist der Grundstein, auf dem die ganze Klimabewegung aufbaut und auf dem die gesamte Klimapolitik gegründet ist.“

Höhere Temperaturen, Anstieg des Meeresspiegels, Eisschmelze: Klimatische Veränderungen stehen im Zentrum von IPCC-Bericht
Von Anthony LUCAS

Aus dem hunderte Seiten langen Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC zu den Klima-Phänomenen sind bereits zahlreiche Einschätzungen und Zahlen bekannt. Ein Überblick:

ERDERWÄRMUNG:

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 – im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

ZUNAHME EXTREMER WETTERPHÄNOMENE:

In einem Sonderbericht hatte der IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. Eine Anfang September in der Fachzeitschrift „Bulletin of the American Meteorological Society“ veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass 2012 rund jedes zweite einer Reihe untersuchter extremer Wetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt wurde.

EISSCHMELZE:

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Auch bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

ANSTIEG DES MEERESSPIEGELS:

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl leicht angehoben werden.

Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis. Nur der verbleibende kleine Teil ist auf den natürlichen Wasserzyklus zurückzuführen.

BIODIVERSITÄT:

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

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