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Vom Gefängnis ins Gourmet-Restaurant: Neuseeländische Häftlinge lernen bei Starkoch

Im Rimutaka-Gefängnis von Wellington schlägt ein kahlgeschorener Häftling eine Johannisbeersoße schaumig, während er von seiner neu entdeckten Liebe zur Sterne-Küche schwärmt. „Du kannst fünf Gerichte mit fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen zubereiten – aus einem Fisch“, erklärt Pete, der eigentlich anders heißt. Der Neuseeländer mit den Hakenkreuz-Tätowierungen auf dem Arm gehört zu einer Gruppe von Häftlingen, die im Rahmen des diesjährigen kulinarischen Festivals der neuseeländischen Hauptstadt „Wellington on a Plate“ ein Fünf-Sterne-Menu für die Öffentlichkeit kochten.

Von Neil Sands

Wellington (afp) – Im Rimutaka-Gefängnis von Wellington schlägt ein kahlgeschorener Häftling eine Johannisbeersoße schaumig, während er von seiner neu entdeckten Liebe zur Sterne-Küche schwärmt. „Du kannst fünf Gerichte mit fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen zubereiten – aus einem Fisch“, erklärt Pete, der eigentlich anders heißt. Der Neuseeländer mit den Hakenkreuz-Tätowierungen auf dem Arm gehört zu einer Gruppe von Häftlingen, die im Rahmen des diesjährigen kulinarischen Festivals der neuseeländischen Hauptstadt „Wellington on a Plate“ ein Fünf-Sterne-Menu für die Öffentlichkeit kochten.

Pro Jahr lassen sich in den Küchen des Gefängnisses mehr als 30 Häftlinge zum Koch ausbilden. Nach ihrer Entlassung sollen sie damit eine Stelle in der florierenden Gastronomieszene der Stadt ergattern. In diesem Jahr beschlossen die Behörden, die kulinarischen Fähigkeiten der Häftlinge erstmals öffentlich unter Beweis zu stellen.

Sie verpflichteten den neuseeländischen Starkoch Martin Bosley, sechs Häftlinge neun Monate lang auszubilden. Den Abschluss bildeten zwei Abende im August, an denen 140 zahlenden Gästen auf dem Gelände der Haftanstalt ein Vier-Gänge-Menu serviert wurde.

„Es war das Außergewöhnlichste, das ich in 30 Jahren getan habe, eine wahre Herausforderung“, erzählt Bosley, der ehrenamtlich arbeitete. Zunächst sei er skeptisch gewesen, sein schickes Yachtclub-Restaurant einmal wöchentlich gegen eine trostlose Gefängnisküche einzutauschen, räumt er ein. „Ich hatte kein Interesse, ich hatte Vorurteile über Kriminalität und Strafvollzug und wollte nichts mit denen zu tun haben. Doch dann realisierte ich, dass diese Jungs eines Tages rauskommen werden, und was machen sie dann?“

Inzwischen beschäftigt Bosley einen ehemaligen Häftling in seinem Gourmet-Tempel. Während des wöchentlichen Unterrichts zeichneten sich unterschiedliche Talente seiner Azubis ab. „Brownie“ erwies sich als talentierter Metzger, der mit rasiermesserscharfer Klinge das Fett von den Filetstücken schnitt. „Marco“, der vor seiner Haft nach eigenen Angaben nicht mal einen Sandwich zubereiten konnte, möchte nach seiner Entlassung nun Bäcker werden: „Ich will Hochzeitstorten machen“, sagt er.

„Wolf“ kümmerte sich ums vegetarische Angebot und kreierte eine fleischlose Wellington-Roulade mit französischen Puy-Linsen und Ziegenkäse-Mousse. „Mit jedem Scheitern lernte ich was dazu“, sagt er. „Als ich erkannte, dass du nicht alles in einen Topf werfen und einfach loslegen kannst, sondern es lernen musst, fand ich das faszinierend.“

Für ihn sei der Kontakt mit der Öffentlichkeit die größte Herausforderung gewesen, nachdem das Leben im Gefängnis seine sozialen Fähigkeiten ruiniert habe, erzählt Wolf. Die Arbeit für das Gourmet-Menu veränderte sein Leben: „Die Mitarbeit hier hat meine ganze Einstellung geändert. Ich bin jetzt mit Leidenschaft dabei. Vorher habe ich mich so durch die Jahre gewurstelt und hatte kein Ziel.“ Und Pete hat seine Vorliebe für Fisch-Gerichte entdeckt.

Mit Spannung beobachteten die Häftlinge Anfang August, wie ihr Fest-Menü bei den Gästen ankommen würde. Ihre Nervosität erwies sich als unbegründet: Die Kommentare waren begeistert. In der Tageszeitung „Dominion Post“ zitierte ein Restaurant-Kritiker einen Gast mit den Worten: „Wenn das Essen immer so gut ist, würde ich darüber nachdenken, auch mal ins Gefängnis zu gehen.“