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Die Verantwortung der Ingenieure und Techniker

„Ingenieure sind mitverantwortlich für die Folgen ihrer Arbeit“, heißt es in den ethischen Grundsätzen des Verbands Deutscher Ingenieure (VDI). Doch was heißt das eigentlich genau? Hat die Abschätzung der Folgen Auswirkungen auf die Ausübung des Berufs und wenn ja, welche? Und werden Ingenieure überhaupt auf diesen Aspekt ihres Berufs vorbereitet? Ein spannendes Thema, das auf einer Veranstaltung der Hochschule Emden diskutiert wurde.

Emden (csr-news) > „Ingenieure sind mitverantwortlich für die Folgen ihrer Arbeit“, heißt es in den ethischen Grundsätzen des Verbands Deutscher Ingenieure (VDI). Doch was heißt das eigentlich genau? Hat die Abschätzung der Folgen Auswirkungen auf die Ausübung des Berufs und wenn ja, welche? Und werden Ingenieure überhaupt auf diesen Aspekt ihres Berufs vorbereitet? Ein spannendes Thema, das auf einer Veranstaltung der Hochschule Emden diskutiert wurde.

Geladen hatte Professor Gerhard Kreutz, Präsident der Hochschule Emden und selber ein promovierter Physiker. Sein Einstieg ins Thema sollte ein sehr persönlicher sein und zugleich die Bandbreite aufzeigen, mit der die Verantwortung der Ingenieure diskutiert werden kann. Es geht um nicht weniger als verantwortliches Handeln im beruflichen Alltag. Kreutz zog zum Vergleich die Atomphysik heran, und zwar konkrete von der Entdeckung der Kernspaltung bis hin zur militärischen Nutzung dieser Technologie etwa in Hiroshima und Nagasaki. Die damals wichtigsten beteiligten Physiker sind sehr unterschiedlich mit den Folgen umgegangen und haben ihre eigene Verantwortung daran höchst unterschiedlich interpretiert. Genau vor diesem Hintergrund beschrieb Kreutz seine eigene Entwicklung. Als Student von den neuesten Erkenntnissen der Physik fasziniert, entwickelte sich im Laufe eines Berufslebens eine zunehmende Auseinandersetzung mit der Frage: Müssen Ingenieure und Naturwissenschaftler die Folgen ihrer Arbeit, auch wenn sie noch in weiter Ferne liegen, erkennen können und was würden mögliche Erkenntnisse für die Arbeit bedeuten? Oder anders gesagt: Ist die Kernspaltung per se schlecht, nur weil sie auch militärisch missbraucht werden kann?

Sicher ist die missbräuchliche Nutzung der Kerntechnologie ein extremes Beispiel, aber die Frage der Verantwortung lässt sich Angesicht des möglichen Missbrauchs noch relativ einfach beantworten. Schwieriger wird es dann schon bei Themen wie etwa dem Automobil. Sind Ingenieure dafür verantwortlich, wenn durch den Gebrauch des Autos täglich Menschen auf den Straßen sterben? Die Diskussion in Emden zeigte eine interessante Reaktion auf diese Frage und beschreibt dadurch eines der großen Probleme in der Ethikdiskussion. Ingenieure sind natürlich nicht für Unfälle mit dem Auto verantwortlich, zumindest, sofern keine technischen Ursachen vorliegen. Trotzdem wird die Verantwortung im Sinne eines immer weiter zu verbessernden Produktes wahrgenommen. In der Logik der Ingenieure bedeutet dies: Wenn ein Auto bei Tempo 150 aus der Kurve fliegt, dann muss es so verbessert werden, dass dies nicht passiert. Ingenieure haben den Glauben an die Technik und lösen Probleme im Sinne dieses Denkens. Dies kann zu Schwierigkeiten führen, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen zusammenarbeiten, so wie es in Unternehmen regelmäßig der Fall ist. In Emden zeigte sich, Ingenieure und beispielsweise Ökonomen oder Juristen sprechen nicht die gleiche Sprache, sie haben jeweils vollkommen eigene Vorstellungen von dem was Verantwortung bedeutet. Für den Ingenieur bedeutet Verantwortung vor allem auch das maximal mögliche, technische Potenzial aus einem Produkt herauszuholen. In der Praxis wird dies aber von Einschränkungen begleitet, wie etwa Anforderungen an Kosten oder Umweltschutz. Die Arbeit eines Ingenieurs bewegt sich also zwischen optimalen Ressourceneinsatz, geringer Umweltauswirkung und bestmöglicher Qualität. Ingenieure tragen insofern Verantwortung für Produkte, die sie in ihrer eigenen Logik anders bauen würden. Sie können es kaum recht machen, so der Tenor in Emden, entweder wird ihnen mangelndes Umweltbewusstsein vorgeworfen oder geplante Obsoleszenz.

„Ingenieure sind für die langfristigen Auswirkungen ihrer Produkte primär und oftmals sogar ausschließlich verantwortlich“, schreibt Prof. Heinz Duddeck in seiner Abhandlung über die Verantwortung der Ingenieure. Wie diese Aussehen kann, dafür hat der VDI seine ethischen Grundsätze verfasst. Dort heißt es unter anderem, Ingenieure bekennen sich zu ihrer Bringpflicht für sinnvolle technische Erfindungen und Lösungen. Damit ist weit mehr als eine berufliche Sorgfaltspflicht gemeint. Natürlich müssen Ingenieure auf die Qualität und Zuverlässigkeit ihrer Produkte achten, sie müssen aber ebenso die Folgen für die Gesellschaft im Blick haben. Weil dies kaum noch von jedem einzelnen Ingenieur zu leisten ist, braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Neben entsprechenden Gesetzen und einer Unternehmensverantwortung gehören dazu auch berufsständische Regeln, wie sie die ethischen Grundsätze darstellen und es bedarf Strukturen, in denen Dilemmata gelöst oder zumindest besprochen werden, können. Nichts desto strotz müssen Ingenieure ihre individuelle Verantwortung wahrnehmen. In den ethischen Grundsätzen werden sie dazu verpflichtet, das Recht der Menschen und das Recht der Natur vor das private Interesse zu stellen. Das zeigt, Ingenieure müssen eine eigene Position zu ihrer beruflichen Tätigkeit entwickeln und haben. Damit unterscheiden sie sich von vielen anderen Berufsgruppen, in denen Verantwortung auf einem eher abstrakten Niveau diskutiert wird. Damit dies in der Praxis auch funktioniert und die Verantwortung der Ingenieure auch in einem größeren Kontext wahrgenommen werden kann, bedarf es schon einer entsprechenden Sensibilisierung während der Hochschulausbildung. Hier sieht Kreutz die Hochschule Emden schon ganz gut aufgestellt. Gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit gehören zum Leitbild der Hochschule und werden interdisziplinär diskutiert. Dennoch gibt es noch offene Fragen, etwa die ob und gegebenenfalls wie das Thema Verantwortung in das Curriculum der einzelnen Fachbereiche integriert werden kann. Im Rahmen der Veranstaltung zeichnete sich Sympathie für eine Art „Studium generale“ ab, in dem Studenten aller Fachbereiche miteinander in Kontakt treten und dabei die unterschiedlichen Denk- und Sprachweisen kennenlernen. Denn, das sagten die Studenten, die spezifische Blick- und Denkweise des Ingenieurs bildet sich recht schnell aus.