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Zertifizierungen für Kaffee, Tee und Kakao: Zu intransparent und zu wenig nachgefragt

Nachhaltige Zertifizierungen in der Lebensmittel-Supply Chain sind kein Allheilmittel für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kleinbauern. Sie könnten aber als ein Baustein zur Stabilisierung von deren Einkommen beitragen, erklärte das Sustaineo-Forum als Ergebnis einer eigenen Studie und Expertendiskussion. Die Studie rät zur Harmonisierung der Zertifikate und mahnt mehr Transparenz und Effizienz an.

Hamburg (csr-news) – Nachhaltige Zertifizierungen in der Lebensmittel-Supply Chain sind kein Allheilmittel für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kleinbauern. Sie könnten aber als ein Baustein zur Stabilisierung von deren Einkommen beitragen, erklärte das Sustaineo-Forum als Ergebnis einer eigenen Studie und Expertendiskussion. Die Studie rät zur Harmonisierung der Zertifikate und mahnt mehr Transparenz und Effizienz an.

Einfache Lösungen gebe es nicht, nachhaltige Produktionssteigerungen seien nur durch einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zu erreicht, so Sustaineo in einer Presseerklärung. Deshalb sei der Schwerpunkt der Diskussion von der Zertifizierung auf die Weiterbildung der Bauern und auf kontinuierliche Verbesserung der Produktionsbedingungen zu verlagern. „Nur wenn wir uns entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf Augenhöhe mit den Produzenten vor Ort treffen, kann Nachhaltigkeit entstehen“, sagte Johann Christian Jacobs, Mitinitiator von Sustaineo und Stiftungsratspräsident der Jacobs Foundation. Weitere Sustaineo-Initiatoren sind Michael Otto, Gründer der Aid by Trade Foundation, und Michael Neumann, Gründer der Hanns R. Neumann Stiftung. Sustaineo will bei Konsumenten, Politikern und Unternehmern auf die Notwendigkeit integrierter Ansätzen zur Förderung ländlicher Anbaugebiete aufmerksam machen.

An der Expertendiskussion zum Thema „Zertifizierungen – Hilfe oder Hürden für Kleinbauern?“ nahmen am 31. Oktober in Hamburg 70 Fachleute teil. Der Hintergrund dieser Tagung: 80 Prozent der weltweiten Produktion von Kaffee, Baumwolle und Kakao wird von Kleinbauern in Entwicklungsländern bewerkstelligt. Der Großteil dieser Kleinbauern – zwischen 75 und 90 Prozent – ist weder in Kooperativen organisiert noch an Zertifizierungssysteme angebunden. 94 Prozent der Farmen sind zwischen einem und drei Hektar groß. Vielen dieser Kleinproduzenten fehlt ein Zugang zu Training, hochwertigem Saatgut, Dünger und Investitionskapital. Das Einkommen ihrer Familien reicht häufig nicht aus, um die Kinder zur Schule zu schicken. In dieser Situation wollen Zertifizierungssysteme wie FairTrade, Rainforest Alliance, UTZ oder BIO eine ökologisch oder sozial verantwortliche Produktion fördern und für den Verbraucher als solche erkennbar machen. Dabei nutzten vorwiegend große Betriebe die Möglichkeiten einer solchen Zertifizierung, insbesondere die Einbeziehung der nicht genossenschaftlich organisierten Bauern stellt eine offene Herausforderung dar. „Die Low Hanging Fruits sind geerntet – sprich die Potenziale großer landwirtschaftlicher Betriebe und gut organisierter landwirtschaftlicher Kooperativen sind heute weitgehend ausgeschöpft“, sagte Michael Otto.

Auf die bisher nicht zertifizierten Kleinbauern können Hersteller und Handel jedoch immer weniger verzichten: Angesichts einer stetig steigenden Kundenachfrage nach landwirtschaftlichen Rohstoffen muss die Produktion in den kommenden 40 Jahren um etwa 60 Prozent steigen – und dies bei begrenzter landwirtschaftlicher Nutzfläche. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist deshalb eine effiziente und nachhaltige Ressourcennutzung zentrale Zukunftsherausforderung. Dazu gehört die Einbindung möglichst vieler Kleinbauern in ein Maßnahmensystem, das zugleich ihre Produktivität erhöht, die Nachhaltigkeit der Anbaumethoden verbessert und ihr Einkommen sichert.

Problem Tiefpreis

Laut Friedel Hütz-Adams, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Verein Südwind, ist es vielen dieser Kleinbauern angesichts der tiefen Weltmarktpreise für Rohstoffe unmöglich, erwachsene Arbeitskräfte zu bezahlen. „Dass die Kleinbauern deshalb ihre Kinder auf das Feld statt in die Schule schicken, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, ist daher ein Symptom ihrer schlechten Situation, und die Ursache muss bekämpft werden, nicht das Symptom“, so Hütz-Adams.

Dass mit den derzeitigen Weltmarktpreisen für Kleinbauern eine nachhaltige Produktion kaum möglich sei, sagte Michael R. Neumann: „Es müssen daher Wege gefunden werden, damit die extremen Preisschwankungen nicht die Existenz der Kleinbauern gefährden“. Bei der Diskussion kam auch zur Sprache, dass Kunden nur sehr begrenzt zur Zahlung eines höheren Preises für nachhaltige Kaffees bereit sind. Achim Lohrie, Direktor Corporate Responsibility bei Tchibo, sagte zur Einbindung der Kunden: „Die Siegelvielfalt verunsichert viele Konsumenten, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der hinter den einzelnen Siegeln stehenden Nachhaltigkeitsstandards sind mit einfachen Worten kaum zu erklären.“

Ergebnisse der Studie

Die Studie „Improving smallholder livelihoods: Effectiveness of certification in coffee, cocoa and cotton“ wurde von KPMG Netherlands im Auftrag von Sustaineo erstellt und im Oktober vorgelegt. Zertifizierungssystemen mit hohem Einstiegslevel (Fairtrade, UTZ, SAN/Rainforest Alliance und Organic) und solchen Systemen mit einem stufenweisen Einstieg (4C, CmiA und BCI) mangele es an Transparenz zur Effektivität ihrer internationalen Kontrollsysteme, zur Vergabe der Premium-Zertifizierungen sowie zu ihren Auswirkungen auf Kleinstfarmer, heißt es in der Studie.

Aufgrund fehlender Nachfrage oder Mehrfachzertifizierung werde über 50 Prozent an zertifiziert produziertem Kaffee, Tee oder Baumwolle nicht als solcher verkauft.

Als Ergebnis ihrer Interviews bescheinigten die Autoren den Zertifizierungen einen positiven Einfluss auf den Zugang der Kleinbauern zu Trainings und zur Schulbildung ihrer Kinder, ein verbessertes Nettoeinkommen, sicherere Arbeitsbedingungen und einen leichten Rückgang der Kinderarbeit. Auf eine demokratische Entscheidungsfindung in den Kooperativen und auf Gender-Aspekte hätten die Zertifizierungen jedoch keinen Einfluss.

Die Studienautoren regen eine Harmonisierung der Zertifizierungsstandards an. Zudem müssten diese effizienter werden in Bezug auf ihren Nutzen für Farmer, die Stärkung der Nachfrage, die Implementierung von Kontrollsystemen und die Transparenz ihrer Prozesse und Ergebnisse. Wenn dies nicht gelinge, drohe den Zertifizierungssystemen ein Bedeutungsverlust.

Die Studie „Improving smallholder livelihoods: Effectiveness of certification in coffee, cocoa and cotton“ >> zum Download im Internet