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300 Jahre Nachhaltigkeit – Hans Carl von Carlowitz schöpft den Begriff aus einer Rohstoffkrise im sächsischen Barock

Vor genau 300 Jahren legt der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz sein Werk „sylvicultura oeconomica“ vor und begründet erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit. Wie kam es dazu?

Aachen (csr-partner) – Vor genau 300 Jahren legt der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz sein Werk „sylvicultura oeconomica“ vor und begründet erstmals das Prinzip der Nachhaltigkeit. Wie kam es dazu?

Von Jürgen Kutsch

Der Autor entstammt einer adligen Familie Sachsens, die seit Generationen mit der Verwaltung der Waldgebiete im sächsischen Erzgebirge betraut war. Der dort betriebene Abbau von Silber- und Zinnerzen bildete im damaligen Kurfürstentum das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. Insbesondere der prunkvolle Lebensstil des Landesherren August des Starken in absolutistischer Zeit verlangte zum Ausgleich des Staatshaushaltes und zur Finanzierung seiner expansiven Politik die Ausbeutung und Vermarktung der heimischen Bodenschätze.

Holz war der wichtigste Rohstoff seiner Zeit. Es wurde nicht nur industriell (Holzkohle zum Betrieb von Schmelzöfen, Errichtung von Gebäuden, Verwendung als Stützpfeiler in den Bergwerken, Schiffs- und Floßbau) verwendet, sondern diente auch der breiten Bevölkerung zu Heiz- und Kochzwecken als Grundbedarfsmittel. Waldgebiete stellten seit frühester Zeit die natürliche Ressource dieses Materials dar und wurden jahrhundertelang unkontrolliert ausgebeutet. Als Folge dieses Raubbaus setzte eine Holzknappheit ein, die zu einer Verteuerung dieses Materials führte.

Hieraus entwickelte von Carlowitz seinen Ansatz zur Entwicklung seines 1713 erschienenen Werkes. Er erkannte, dass die zunehmende Verteuerung von Holz nicht nur ökonomische, sondern auch negative gesellschaftliche Folgen hat:

Jede Wirtschaft, selbst kleine Bauernhöfe, die fast des täglichen Brotes entbehren, erfordert Holz, um Hütten zu errichtete, Getreide zu bauen, und zu mahlen. Für das menschliche Leben und die Sicherung des allgemeinen Besten ist Holz unentbehrlich. Ohne Holz kann man, neben Brot, weder zu Salz noch Schmalz gelangen, noch kochen, brauen, trockenwohnen, noch den eigenen Leib über harte Winter mit Frost und Kälte gesund und bei Kräften erhalten. Auch der Bergbau kann ohne Holz nicht zu den unterirdischen Schätzender Erde gelangen und weder Silber noch Gold oder andere Metalle gewinnen, schmelzen, zu Münzen verarbeiten und sich nutzbar machen. Ohne Holz können die Menschen nicht leben, auch Gemeinwohl kann nicht gedeihen.( aus sylvicultura oeconomica).

Während einer mehrjährigen Studienreise durch Europa wurden seine Erkenntnisse gestützt. Er stellte Parallelen zwischen den heimischen und internationalen Zuständen fest. Aus seinem Aufenthalt in Spanien wurden ihm Berichte sogar aus Südamerika übermittelt. Viele Bergwerke in Europa und in anderen Teilen der Welt kommen infolge Holzmangel und Verteuerung nicht mehr auf ihre Kosten. Sie können dann nicht mehr ausgelastet werden, so auch das reiche Bergwerk in Peru auf dem Berge. Potosi, wo nach alten Beschreibungen 6000 Wind-Schmelz-Öfen in Betrieb waren und nachts das gesamte Gebirge wie im Feuer stehend anzusehen war. Das Schmelzen musste dort bald stark reduziert und der Bergbau auf Quecksilber umgestellt werden ( aus sylvicultura oeconomica).

In Anlehnung an die im höfischen Adel bereits entwickelte Kultur der Garten- und Parkarchitektur begriff Hans Carl von Carlowitz nachhaltiges Wirtschaften für die Wälder als Programm, „dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, durch Säen und Pflanzen nachwachsen konnte“(Lexikon der Nachhaltigkeit) und legte hierdurch den Grundstein für die Forstwirtschaft.

Um den Missständen in seiner Heimat, die sich zum Zentrum des europäischen Bergbaus in Mitteleuropa entwickelt hatte, zu begegnen, suchte von Carlowitz auch nach alternativen Rohstoffen, um der Verteuerung des Produktionsprozesses zu begegnen.

So ist es seinen Überlegungen zu verdanken, dass Mitte des 18. Jahrhunderts Torf als Brenn- und Heizstoff zum Einsatz kam.

Von Carlowitz zeichnet also das Nachhaltigkeitsdreieck nicht alleine aus ethischen Überlegungen heraus, sondern es entspringt vor dem Hintergrund einer Krise, die auch Notlagen in weiten Bevölkerungsschichten hervorruft und dient als Muster, um die wirtschaftliche Prosperität seines Landes zu sichern.

Als Kind seiner Zeit und adeliger Herkunft, entstammt sein Impuls zwar auch dem Pflichtbewusstsein seinem obersten Dienstherrn, dem Kurfürsten, gegenüber, und er verzichtet auch nicht, Elemente aus seiner christlich-lutherischen Ausbildung zu erwähnen, in dem er einen Bezug auf das maßvolle Wirtschaften herstellt:

Gottes Wille ist es, dass die Natur den Menschen anstrengt, ihr behilflich zu sein.

Ausschlaggebend für das Verfassen seines Werkes, welches er zur Durchführung seines Programmes vom Kurfürsten vorlegen und absegnen lassen musste, und für die Umsetzung seines Programmes waren jedoch die gesellschaftlichen und ökonomischen Umstände jener Zeit.

Sie erforderten Handlungsmuster, die die herkömmlichen nicht vollständig ersetzten, diese aber um die Komponente der „Nachhaltigkeit“ erweiterten und ihnen somit Raum gaben für eine ökonomische Modernisierung unter Berücksichtigung gesamtgesellschaftlicher Belange.

Seine Initiative wirft ein Licht auf die aktuellen Debatten um die ökologische Schieflage im Allgemeinen und die Energiewende im Besonderen. Die Herausforderungen, die unsere Gesellschaft bei sich verknappenden fossilen Rohstoffen und dem beabsichtigten Ausstieg aus der Atomenergie zu bestehen hat, bekommen durch das Standardwerk von Carlowitz‘ richtungsweisende Hinweise, um den gerade erst in Gang gekommenen Prozess konstruktiv zu gestalten.

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