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Vom Blaumann zum Designer-Anzug: Berliner Modelabels nutzen Altkleider für ihre Kreationen

Die Nähte der Arbeitshose getrennt, ein neues Schnittmuster aufgezeichnet, ausgeschnitten und zusammengenäht: So schnell macht der Berliner Daniel Kroh aus alt neu – und todschick. Der gelernte Schneider und studierte Modedesigner gehört zu jenen, die derzeit in der Modeszene mit „Upcycling“ für Aufsehen sorgen: der Verwertung gebrauchter Kleidung, um aus ihr neue Stücke zu nähen und diese als Designerware anzubieten.

Von Yannick Pasquet

Berlin (afp) – Die Nähte der Arbeitshose getrennt, ein neues Schnittmuster aufgezeichnet, ausgeschnitten und zusammengenäht: So schnell macht der Berliner Daniel Kroh aus alt neu – und todschick. Der gelernte Schneider und studierte Modedesigner gehört zu jenen, die derzeit in der Modeszene mit „Upcycling“ für Aufsehen sorgen: der Verwertung gebrauchter Kleidung, um aus ihr neue Stücke zu nähen und diese als Designerware anzubieten.

Im Atelier Krohs unweit des Berliner Hauptbahnhofs liegen dementsprechend keine Stoffballen, sondern Blaumänner und orangefarbene Westen mit Leuchtstreifen von Bahnarbeitern bereit. In Einzelteile zerlegt bilden sie das Rohmaterial, aus dem Kroh seine Kleidungsstücke anfertigt. „Ich suche nach authentischen Spuren“, sagt er.

Jedes Stück sei ein Unikat, das einen Gegenpol zu der Ware von Branchenriesen wie H&M oder Zara bilde. Deren Motto laute „fast fashion“ (deutsch: schnelle Mode) und beruhe auf dem Prinzip schnell und billig. Kroh zieht es vor, Altkleider vor dem Reißwolf zu retten und aus ihnen Maßkleidung anzufertigen, die er an eine junge Käuferschaft aus der hippen Szene im Stadtteil Mitte verkauft.

Kroh ist nicht der einzige. „Meine Großmutter und meine Mutter haben schon eine Form des Upcyclings praktiziert“, sagt die Italienerin Carla Cixi, die aus Sardinien stammt und seit fünf Jahren in Berlin als Modedesignerin tätig ist. Beide hätten aus wirtschaftlicher Not Röcke aus Teilen alter Kleider oder Mäntel genäht.

„Heutzutage wird Kleidung weggeworfen, wenn ein Knopf fehlt oder der Reißverschluss kaputt ist“, sagt auch Cecilia Palmer. Die 30-Jährige organisiert abendliche Kleiderbörsen, bei denen die Anwesenden Kleidung mitbringen, die sie nicht mehr tragen, und diese gegen die von anderen tauschen. Palmer bietet auf den Veranstaltungen zudem Nähmaschinen an, an denen gearbeitet werden darf. Ihr geht es darum, „anders zu konsumieren“, damit nicht Tonnen von Kleidern einfach weggeworfen würden.

Für Carla Cixi spielt außerdem eine Rolle, dass die großen Marken zwischen Athen und Oslo dieselben Produkte verkaufen: Eng geschnittene Jeans, die in Bangladesch oder Kambodscha als Massenware produziert und dann so billig verkauft würden, dass die Konkurrenz keine Chance habe. Es sei Mode, die allen gefalle, bei der „wir aber irgendwann alle gleich aussehen“, wie Cixi sagt.

Die „Upcycling“-Designer setzen dagegen auf maximale Individualität. „Je länger ein Kleidungsstück getragen wurde, desto mehr wird es zum Teil der Geschichte seines Besitzers“, sagt Eugenie Schmidt, eine Designerin, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Mariko Takahashi das Label „Schmidttakahashi“ in Berlin ins Leben gerufen hat.

Schmidt zeigt eine ihrer Kreationen, die teilweise transparent ist und an den Ärmeln Farbflecken aufweist. Der Stoff war Teil einer Maler-Arbeitskleidung. Die neuen Altkleider der Designer haben natürlich ihren Preis. Ein Stück aus dem Haus Schmidttakahashi kostet leicht mehr als 400 Euro.

Foto: Design von Daniel Kroh für die Theaterbühne

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