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Verändert das Prinzip der Wesentlichkeit die CR-Berichterstattung? Teil1

Als einzigartig hat GRI-Chef Ernst Ligteringen die neue Generation der Richtlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung G4 bezeichnet. Es geht um Klasse statt Masse. Nicht mehr über jeden Indikator muss berichtet werden, stattdessen steht das Prinzip der Materialität, der Wesentlichkeit im Vordergrund. Werden dadurch die Berichte besser oder wenden sich Unternehmen anderen Standards zu. CSR-NEWS hat die unterschiedlichen Akteure um ihre Meinung gebeten.

Norden (csr-news) > Als einzigartig hat GRI-Chef Ernst Ligteringen die neue Generation der Richtlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung G4 bezeichnet. Es geht um Klasse statt Masse. Nicht mehr über jeden Indikator muss berichtet werden, stattdessen steht das Prinzip der Materialität, der Wesentlichkeit im Vordergrund. Werden dadurch die Berichte besser oder wenden sich Unternehmen anderen Standards zu? CSR-NEWS hat die unterschiedlichen Akteure um ihre Meinung gebeten.

 

Prof. Dr. Stefan Schaltegger, Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM) an der Leuphana Universität Lüneburg

Der Leitfaden der Global Reporting Initiative (GRI) hat sich als der weltweit bedeutendste Standard zur Nachhaltigkeitsberichterstattung etabliert. Besonders große Unternehmen wenden die GRI Guidelines inzwischen weltweit an. Ein wichtiger Aspekt war bisher, dass Unternehmen Aussagen in ihren Nachhaltigkeitsberichten zu allen Indikatoren des Leitfadens tätigen. Das Augenmerk lag damit auf Vollständigkeit der Kommunikation zu vielen Teilaspekten der Nachhaltigkeit. Damit ging oft die Übersicht verloren, welche Aspekte besonders wichtig sind. Im Spannungsfeld zwischen Vollständigkeit und Wesentlichkeit stellt die neue Leitfadenversion nun den Aspekt der Prioritätensetzung und Orientierung am Wesentlichen in den Vordergrund. Der neue G4-Leitfaden legt mit der sog. Wesentlichkeitsmatrix den Schwerpunkt nun auf der Frage, welche Aspekte aus Sicht der Stakeholder und aus Sicht des Unternehmens besonders relevant sind. Damit werden zwei Effekte bewirkt; erstens die interne Diskussion über Prioritäten im Nachhaltigkeitsmanagement und zweitens Dialoge mit oder Befragungen von Stakeholdern über deren Prioritäten. Beide Entwicklungen sind grundsätzlich zu begrüßen, da Zeit-, Personal- und Finanzressourcen auch im Nachhaltigkeitsmanagement knapp sind und eine Schwerpunktsetzung unumgänglich ist. Ein Dialog mit Stakeholdern ist als weitreichender einzustufen als eine Online-Befragung und kommt der Idee der Partizipation als wesentliches Element einer Nachhaltigkeitsausrichtung näher. Es ist nun zu beobachten, ob mit der angestoßenen Fokussierung auf Wesentlichkeit, Einbußen in der Vollständigkeit einher gehen werden oder ob das Neue komplementär hinzukommt und die Nachhaltigkeitsberichterstattung damit weiterentwickelt wird. Aus Sicht der Forschung ist die Untersuchung der Wirkungen beider Ansatzpunkte in Bezug auf Organisationsentwicklung und Stakeholder-Beziehungen von besonderem Interesse.

 

Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für nachhaltige Entwicklung (RNE)

„Das so genannte Wesentlichkeitsprinzip kommt spät, aber noch nicht zu spät. Die einschlägigen Richtlinien zur Berichterstattung vollziehen nach, was sich umfassend bewährt hat. Ich bin der Meinung, dass die Berichterstattung generell einen Umbruch vollziehen muss. Berichterstattung wie sie heute oft betrieben wird läuft Gefahr, zum Selbstzweck und damit irrelevant zu werden. Das unternehmerische Nachhaltigkeitsmanagement wird an seinem konkreten und strategischen Beitrag zur Ausrichtung des Unternehmens gemessen. Die sozialen und ökologischen Anforderungen müssen klar erkannt und klar kommuniziert werden, und das Wesentliche muss vom Unwesentlichen getrennt werden. Das ist nicht immer leicht und vor allem nicht immer leicht gegenüber Kollegen und Mitarbeitern, Stakeholdern und der Öffentlichkeit zu vertreten. Manchmal ist es sogar nicht einmal leicht zu erkennen. Der Grund: Es geht nicht nur um Daten, sondern um Werte und Einstellungen. Deswegen gibt es den Nachhaltigkeitskodex und Anleitungen. Der Weg zu einer vollen Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsprinzipien (im Sinne dessen, was jetzt sehr technisch als Wesentlichkeitsprinzip genannt wird) ist weit. So weit wie der Weg der Gesellschaft und Wirtschaft hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. Das Wesentliche ist das Ziel. Im Prinzip“.

 

Kristina Rüter, Research Director bei oekom research:

Mit dem Prinizp der Wesentlichkeit ist im Kern der ‚Materiality‘-Ansatz gemeint. Die GRI überlässt es dabei den Unternehmen selbst, zu ermitteln und festzulegen, welche Themen/Aspekte sie für ihr Business für wesentlich erachten und über welche Themen/Aspekte sie damit ihrer Materiality-Analyse berichten wollen. Diese Konzept birgt aus unserer Sicht und Erfahrung Chancen und Risiken. Wenn Unternehmen ihre Wesentlichkeitsananalyse ernsthaft und verantwortungsvoll betreiben und dabei, wie auch von GRI gefordert, nicht nur ihre eigenen unmittelbaren Aktivitäten und Impacts, sondern auch die ihrer Lieferanten und Geschäftspartner entlang der Wertschöpfungskette in angemessener Weise mit berücksichtigen, kann das die Qualität der Berichterstattung positiv beeinflussen. Die Wesentlichkeitsanalyse durch die Unternehmen selbst birgt aber immer auch das Risiko, dass der betrachtete Verantwortungsbereich vom Unternehmen zu eng begrenzt wird und externalisierte Auswirkungen, z.B. durch outgesourcte Aktivitäten, schwache Umweltgesetzgebung oder mangelnde Zurückverfolgbarkeit/Zuordbarkeit von Impacts (z. B. komplexe Lieferketten) als ’not material‘ eingestuft werden und sich so dem Reporting entziehen.

 

Georg Lahme, Partner der Kommunikationsagentur Klenk & Hoursch

Wesentlichkeitsanalysen gehören zu den wichtigsten Grundlagen für langfristige Nachhaltigkeitsstrategien und eine glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation. Berichte und die darüber hinausgehende Nachhaltigkeitskommunikation müssen die zentralen Herausforderungen, die sich aus dem Kerngeschäft eines Unternehmens ergeben, erfassen, transparent machen und glaubwürdig adressieren. Dabei führt an einer frühzeitigen und kontinuierlichen Auseinandersetzung mit den Erwartungen der Stakeholder und einer umfassenden Betrachtung der wesentlichsten Handlungsfelder aus der Innen- und Außensicht kein Weg vorbei. Manches Unternehmen nimmt das noch immer etwas zu sehr auf die leichte Schulter. Die neuen G4-Richtlinien rücken den Grundsatz der Wesentlichkeit nun noch stärker in den Fokus. Sie ermutigen Unternehmen dazu, sich bei ihrer Berichterstattung auf die wichtigsten Aspekte ihrer Nachhaltigkeitsleistung zu konzentrieren. Das trägt dazu bei, dass Berichte und die darüberhinausgehende Nachhaltigkeitskommunikation künftig weiter professionalisiert werden, dass sie fokussierter, substanzieller und damit auch glaubwürdiger werden. Die Transparenz nimmt zu – für Stakeholder wie auch für Kunden.

 

Christoph Dreher, Partner bei CSSP – Center for Social and Sustainable Products AG

Zentral im Sinne der G4-Richtlinie ist sicherlich die Thematik, dass Wesentlichkeit und Wirkung nicht mehr zu trennen sind. Für mich steht fest, dass Unternehmen in diesem Rahmen nicht mehr um ein ernsthaftes Stakeholder-Management herumkommen. Neben einem neuen, professionellem Ansatz in Bezug auf den Umgang sowie das Erwartungsmanagement von Stakeholdern bedarf es auch einer konsequenteren Messung der Wirkung bzw. der entsprechenden Zielgrößen. Dabei sollte besonders die Zusammenarbeit der Akteure auf den unterschiedlichen Ebenen im Vordergrund stehen, insbesondere externe Partner sind stärker einzubeziehen. Ein unausgegorenes Berichtswesen wird der Reputation eines Unternehmens nachhaltig schaden. Als Berater sehen wir auf Kundenseite deutlich das in der letzten Zeit gestiegene Interesse, das Reporting fokussierter zu gestalten.

 

Christian Conrad, Geschäftsführer brands & values

Das Prinzip der Materialität, wie es von G4 gefordert wird, erhöht die Notwendigkeit einen ernsthaften Stakeholder-Dialog zu führen oder zu entwickeln. Das sehe ich zunächst grundsätzlich positiv. Ich glaube, dass sich die Qualität der Nachhaltigkeitsberichterstattung dadurch signifikant verbessern wird, weil es damit weniger um vordergründige PR gehenkann, sondern um echte Auseinandersetzung mit den Bereichen, in denen das Unternehmen etwas in Punkto Nachhaltigkeit bewirken kann. Zudem fordert G4, die ganze Wertschöpfungskette zu betrachten, ein weiteres Plus für die Relevanz. Die große Herausforderung für viele Unternehmen wird der offene Stakeholderdialog sein und die Entwicklung einer strategische Positionierung. Dafür wird an mancher Stelle ein ordentliches Umdenken nötig sein. Es reicht eben nicht mehr über möglichst viele Kennzahlen zu berichten, sondern zunächst muss klar sein, wohin die Reise geht. Aber bei aller, teilweise auch berechtigten Kritik, G4 und das Prinzip der Wesentlichkeit ist der richtige Weg.

 

Moritz Marker, WeGreen

„Das Prinzip der Wesentlichkeit ist eine deutliche Verbesserung der Aussagekraft von Nachhaltigkeitsberichten. Auch wir bei WeGreen sind immer wieder überrascht, welche Ausprägungen professionell gestaltete Nachhaltigkeitsberichte mittlerweile angenommen haben. Nach Abzug von Hochglanzfotos, ausgewählten „success-stories“ und ausführlichen Interviews reduziert sich die tatsächliche Aussagekraft der Berichte doch teilweise deutlich. Die Einführung des Prinzips der Wesentlichkeit ist daher ausdrücklich zu begrüßen und fördert hoffentlich den nötigen Fokus auf die tatsächlichen (messbaren) Nachhaltigkeitsbemühungen der Unternehmen.

 

David Haag, Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation

„Wir halten die Stärkung der Wesentlichkeit für eine wichtige Wegmarke, damit CR-Abteilungen ihr Reporting fokussieren können und sich so Handlungsspielräume zurückerobern.  Wir erwarten dadurch einen erhöhten Beratungsbedarf zum Thema Stakeholder Relations, um das Potenzial von Wesentlichkeitsprozessen integriert für das CR-Reporting und  -Management nutzbar zu machen. Eine reine Abfrage der Stakeholderinteressen wird nicht mehr ausreichen. Denn am Ende werden auch die Stakeholder sehr genau hinsehen, welcher Mehrwert für sie durch den Prozess entsteht. Deswegen denken wir auch, dass der von der GRI beschriebene Weg nicht das Ende bilden wird.  Langfristig sehen wir den GRI-Prozess in einen umfassenderen strategischen CR-Dialog eingebunden mit klarer inhaltlicher Hoheit des Unternehmens“.

>> Hier lesen Sie weitere Statements von Nachhaltigkeitsexperten. (Teil 2)

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