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Fleischatlas 2014: Ungestillter Hunger nach Fleisch

Die Dimensionen und Entwicklungen in der internationalen Fleischwirtschaft werden immer absurder. Obwohl in manchen Industrieländern, unter anderem auch Deutschland, der Fleischkonsum stagniert, nimmt er weltweit deutlich zu. Bis Mitte dieses Jahrhunderts sollen weltweit jährlich fast 470 Millionen Tonnen Fleisch produziert werden – 150 Millionen Tonnen mehr als heute. Der heute vorgestellte Fleischatlas 2014 beleuchtet die Entwicklungen in diesem Wirtschaftszweig.

Berlin (csr-news) > Die Dimensionen und Entwicklungen in der internationalen Fleischwirtschaft werden immer absurder. Obwohl in manchen Industrieländern, unter anderem auch Deutschland, der Fleischkonsum stagniert, nimmt er weltweit deutlich zu. Bis Mitte dieses Jahrhunderts sollen weltweit jährlich fast 470 Millionen Tonnen Fleisch produziert werden – 150 Millionen Tonnen mehr als heute. Der heute vorgestellte Fleischatlas 2014 beleuchtet die Entwicklungen in diesem Wirtschaftszweig.

Und die sind alles andere als erfreulich. Alleine in Deutschland werden jedes Jahr rund 735 Millionen Tiere geschlachtet. „Dahinter kann kein gesundes Agrarsystem stecken“, kritisiert Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung die zunehmende Industrialisierung in der Fleischerzeugung. Der größte Boom der Fleischproduktion finde in den aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften statt. „Hier wird nach westlichem Vorbild zunehmend unter hoch industrialisierten Bedingungen Fleisch erzeugt, mit all den unerwünschten Nebeneffekten wie Lebensmittelskandalen, Antibiotikamissbrauch, Nitratbelastungen und Hormoneinsatz“, so Unmüßig. Der internationale Fleischhandel ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 40 Prozent gewachsen und er verändert sich. Märkte, in denen heute noch die Industrieländer dominieren, werden zunehmend von Entwicklungs- und Schwellenländern bedrängt. Von dort geht bislang erst ein gutes Zehntel des produzierten Fleischs in den Export, die Zahlen nehmen aber zu. Die produzierenden Betriebe müssen allerdings die Qualitätsansprüche in den Abnehmerländern erfüllen und nachweisen können, die Angst vor Tierkrankheiten ist einfach zu groß. Rund 80 Prozent des Wachstums im weltweiten Fleischhandel entfällt auf die zumeist asiatischen Boomländer. Und auch deren landwirtschaftliche Strukturen werden allmählich verändert. In Ländern wie China werden heute noch mehr als 50 Prozent der Schweine in kleinbäuerlichen Betrieben gehalten. Lange wird das nicht mehr so sein, prognostizieren die Autoren, schon bald wird die industrialisierte Tierhaltung auch diese Betriebe und Tiere erreichen. Schon heute zeigt sich eine zunehmende Konzentration auf den Märkten. Immer weniger, dafür aber größere Betriebe dominieren das Geschäft. Alleine der amerikanische Agrarkonzern Tyson Food schlachtet wöchentlich mehr als 42 Millionen Tiere. Hinzu kommen sich ständig verändernde Eigentümerverhältnisse. Beispiel Shuanghui International, der Hauptaktionär von Chinas größtem Fleischverarbeiter, übernahm im September 2013 für mehr als 7 Milliarden US-Dollar, den weltgrößten Schweinefleischproduzenten: das US-amerikanische Unternehmen Smithfield Foods. Die Gründe für die Eigentümerwechsel liegen bei den teilweise hohen Schulden in den Betrieben. Die Gewinnmargen im Fleischverkauf sind gering, deshalb setzen die Konzerne auf Schnelligkeit und Größenvorteile. JBS, ein Rindfleischunternehmen aus Brasilien, schlachtet täglich 85.000 Rinder, 70.000 Schweine und 12 Millionen Vögel. Nach der Schlachtung wird das Fleisch in 150 Länder exportiert – für das Tierwohl ist in solchen Prozessen kein Platz mehr.

weltweite Schlachtungen Fleischatlas 2014

Diese Masse an Tieren will auch versorgt werden und das verursacht die nächsten Probleme. Schon heute wandert allein für die europäische Fleischproduktion Soja von umgerechnet 16 Millionen Hektar Land in die Tröge. „Das Futter für die zusätzliche Produktion von mehr als 150 Millionen Tonnen Fleisch im Jahr wird Land- und Nahrungsmittelpreise explodieren lassen. Die Zeche für den globalen Fleischhunger zahlen die Armen, die von ihrem Land verdrängt werden und sich aufgrund der hohen Preise weniger Nahrung leisten können“, prognostizierte Unmüßig. Die BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning wies auf die enormen Umweltbelastungen und negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur durch den expandierenden Futtermittelanbau hin. Benning: „70 Prozent aller Agrarflächen der Erde werden inzwischen von der Tierfütterung beansprucht. Die Folgen sind fatal, wertvolle Regenwälder gehen verloren, Böden und Gewässer werden mit Pestiziden belastet und die Preise für Grundnahrungsmittel steigen aufgrund knapper werdender Agrarflächen. Die großräumige Anwendung des Herbizids Glyphosat beim Gentech-Sojaanbau führt in Südamerika vermehrt zu massiven Gesundheitsschäden.“ Erfreulich sei, dass der Fleischkonsum in Deutschland im letzten Jahr durchschnittlich um mehr als zwei Kilogramm pro Einwohner zurückgegangen sei.

„Ernährung ist nicht nur Privatsache“, lautet entsprechend das Urteil der Autoren des Fleischatlas 2014. „Ernährung hat konkrete Auswirkungen auf das Leben der Menschen in anderen Ländern, auf die Umwelt, die biologische Vielfalt und das Klima“.

Der Fleischatlas 2014 von BUND und der Böll-Stiftung steht im Internet zum Download zur Verfügung.