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Schweden: Samen machen gegen Eisenerz-Tagebau mobil

Jokkmikk (afp) – Zu Beginn des Winters treiben die Samen im Norden Schwedens Tausende Rentiere von den schneebedeckten Bergen in die Grasebenen. Doch die jahrhundertealte Tradition ist bedroht – ein geplanter Eisenerz-Tagebau in Kallak nahe der subarktischen Stadt Jokkmokk könnte die traditionelle Lebensweise des einzigen Urvolks innerhalb der Europäischen Union gefährden. Zusammen mit Umweltschützern kämpfen die Samen, früher auch als Lappen bezeichnet, seit einem Jahr gegen die Pläne.

Ein Bericht von Anna-Karin Lampou

Sollte das Eisenerz tatsächlich wie geplant abgebaut werden, „hat unsere Rentier-Haltung keine Chance mehr“, sagt Niklas Spik, der Sprecher der Samen im betroffenen Jaahkaagasska-Gebiet. „Dann können die Rentiere nicht mehr frei herumziehen.“ Rund 80 000 Samen wohnen in Lappland, das sich von Norwegen über Schweden und Finnland bis nach Russland erstreckt. Konflikte mit der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts sind nicht ungewöhnlich, doch nur selten werden sie so erbittert ausgetragen wie in diesem Fall.

„Ich habe in Jokkmokk gegen den Bergbau-Boom und die ökologisch nicht tragfähige Ausbeutung endlicher Ressourcen protestiert“, erzählt Malin Norrby. Anfang Januar wurde die 27-Jährige zu einer Geldstrafe von umgerechnet 220 Euro verurteilt: Sie hatte sich im Juli zusammen mit anderen Umweltaktivisten an einen selbst errichteten Holzturm gebunden, der den Zugang zur Mine versperrte. Ein riesiges Tagebau-Gelände zwischen den Bergweiden im Westen und dem Grasland der Ebenen im Osten würde den Tieren den Weg zwischen den verschiedenen Vegetationszonen für die jeweiligen Jahreszeiten verbauen, so dass sie verhungern müssten, warnt Norrby.

Auch der Samenrat, die Organisation der Urbevölkerung, kämpft gegen das Vorhaben. „Die Dörfer der Samen sind schon jetzt mit so vielen Eingriffen in ihren Gebieten konfrontiert, von Straßen bis zu Windkraftanlagen, dass sie das einfach nicht mehr verkraften“, sagt Mattias Aahren von der Menschenrechtsabteilung des Rats. Auch in Kiruna und Rönnbäck im Norden Schwedens sind Minen geplant, die nach Angaben von Kritikern Weideland durchschneiden. „Die Minen liegen an der für die Rentier-Haltung unmöglichsten Stelle“, sagt Aahren. Rönnbäck reichte daher im September 2013 eine Petition beim Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen ein.

Fred Boman vom britischen Beowulf-Konzern hält die Einwände für übertrieben. „Das ist ein sehr massives, großes Eisenerzvorkommen, und der wirtschaftliche Wert wiegt schwerer als die örtliche Rentier-Haltung“, sagt der Geschäftsführer der schwedischen Konzerntochter Jimab. Doch wisse er um die „kulturelle Bedeutung“ der althergebrachten Rentier-Haltung, fügt Boman hinzu: „Wir sind überzeugt, dass wir beides in Einklang bringen können.“

Boman rechnet damit, dass die Regierung den geplanten Abbau genehmigen wird. Nach Angaben der Befürworter würde die Eisenerz-Mine in der von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Gegend für mindestens 14 Jahre rund 500 Arbeitsplätze schaffen. Doch für die Samen ist die Rentier-Wirtschaft nicht nur Existenzgrundlage, sondern auch großer Teil ihrer Identität und Kultur. Für den Aktivisten Tor Lundberg passen die Minen-Pläne zu Stockholms Kurs gegen die Urbevölkerung: „Der schwedische Staat kolonisiert dieses Land, das seit Tausenden Jahren von den Samen bewohnt wird, seit mehr als 300 Jahren.“

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