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Nachhaltige Mode ist ein harter Job: Startups prägten die Berliner Ethical Fashion Show

Sie suchen nach Wegen einer nachhaltigen Mode, sind kreative Spezialisten im Umgang mit Garnen oder Seidenfäden, sie bieten innovative Designs und sie arbeiten rund um die Uhr: Die Gründer junger Modelabel prägten das Bild der Ethical Fashion Show und des Greenshowroom während der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin.

Berlin (csr-news) – Sie suchen nach Wegen einer nachhaltigen Mode, sind kreative Spezialisten im Umgang mit Garnen oder Seidenfäden, sie bieten innovative Designs und sie arbeiten rund um die Uhr: Die Gründer junger Modelabel prägten das Bild der Ethical Fashion Show und des Greenshowroom während der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin.

Zu den 115 Ausstellern der Veranstaltung vom 14. bis 16. Januar gehört Selma Yasdut. Die Bekleidungsingenieurin arbeitete bei großen Textilhandelsketten in der Produktionsüberwachung und im Einkauf. Erfahrungen in der Lieferkette desillusionierten sie. „Da wird manchmal um Cents gefeilt“, sagt Selma Yasdut, Nachhaltigkeitsaspekte ständen dagegen im Hintergrund. Die Bekleidungsingenieurin ist alles andere als ein Fan von Billigprodukten – „100 Euro ist der Preis für eine Jeans“ – und Kleidung im Destroyed Look – „Mode kann manchmal sehr schwachsinnig sein“. 2008 gründete Selma Yasdut ihre eigene Premium-Jeanskollektion für Damen unter dem Label SEY (Titelbild)– gegen den Rat von Freunden und von Experten belächelt, berichtet sie. Inzwischen habe sich dies angesichts der kritischen Medienberichterstattung – etwa zu den Ereignissen in der Textilindustrie in Bangladesch – geändert.

Die Stoffe für SEY-Jeans werden komplett in der Türkei gefertigt, die Herstellung der Hosen erfolgt in Polen. Eine solche aus Fairtrade-gehandelter Bio-Baumwolle hergestellte Jeans „zeichnet ihre Trägerin mit Sexappeal und Verantwortungsgefühl aus“, wirbt das Label aus seiner Website. Selma Yasdut berichtet offen darüber, wie anstrengend der Aufbau der Modemarke ist: „Ich arbeite Tag und Nacht“. Seit 2008 habe sie sich erst einen einwöchigen Urlaub gegönnt – vor drei Monaten. Neben den Nachhaltigkeitsaspekten und den ansprechenden Designs müssen Qualität und Liefertreue stimmen. Große Handelsketten zeigten bisher wenig Interesse an den nachhaltigen Modelabels. „Die Branche ist noch sehr langsam“, sagt Selma Yasdut. Nachhaltige Anbieter müssten sie gemeinsam voranbringen. Ein „Ellenbogensystem darf hier nicht sein.“ Und so ist die Ethical Fashion Show auch ein Austauschforum für die jungen nachhaltigen Produzenten.

Für Newcomer wie Silke Handley zum Beispiel mit ihrer Kollektion an weiblicher Mode aus Nepal (Bild unten). Das gleichnamige Modelabel gibt es erst seit diesem Jahr, vorher bot Silke Handley unter der Bezeichnung „Lulu’s Wardrobe“ insbesondere Kinderkleidung an. Zehn Jahre arbeitete die autodidaktische Designerin für UN-Organisationen in Zentralasien, von 2008 bis 2012 lebte sie in Nepal. In dieser Zeit begann sie mit den Recherchen für ihr eigenes Label. „Wir kennen die Schwächen, wir kennen aber auch die Stärken“, sagt Silke Handley zur Textilproduktion in Nepal. Heute kooperiert sie mit drei Fertigungsbetrieben in dem zentralasiatischen Land, die sich zu einer fairen Produktion verpflichtet haben. Ein Entgelt oberhalb des Mindestlohns, der Ausschluss von Nachtschichten und eine Krankenversicherung für die Arbeiterinnen gehören dazu. Viele ihrer Stoffe werden in Katmandu in großem Stil gefertigt, manche aber auch auf den Dörfern manuell hergestellt. Silke Handley: „Jeder in den Dörfern kann weben.“ Ihre Kollektion vertreibt sie über drei Boutiquen in der Region Genf an einen privaten Kundenstamm. In der Teilnahme an der Berliner Messe sieht die Modeschöpferin – wie andere Aussteller – die Chance auf neue Vertriebswege.

Ein Spezialist für nachhaltig produzierte Seide ist George Andreas Suhr von dem vor zwei Jahren gegründeten Unternehmen cocccon. Das Material für die Kleider und Schals stammt aus dem westindischen Bundesstaat Jharkhand. In der klassischen Seidenproduktion verenden die Seidenraupen in den geschlossenen Kokons, wenn diese in kochendem Wasser aufgelöst werden. Allein für einen Schal werden 4.000 solcher Kokons benötigt, berichtet Suhr. Bei der von cocccon verarbeiteten Bio-Seide werden die Kokons vor der Verarbeitung geöffnet, sodass die Schmetterlinge schlüpfen können. Der dadurch zerschnittene Seidenfaden wird traditionell wieder verknotet und verwebt. Gegründet wurde cocccon von dem indischen Modedesigner Chandra Prakash Jha, und auch dieses Label profitiert von seiner guten Kenntnis der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Ursprungsland seiner Textilien. cocccon beschäftigt heute 70 Arbeiter auf dem Land in der Seidenproduktion und will so einen Beitrag gegen die Armutsabwanderung in Großstädte leisten. Neben den sozialen hat das Unternehmen auch Umweltaspekte im Blick. So wird die Seide in GOTS-zertifizierten Färbereien mit natürlichen Materialien behandelt. Zur Qualitätssicherung sagt Suhr: „Es ist ganz wichtig, unangekündigt vorbeizuschauen.“

Nachhaltige Produktion heißt für cocccon auch, auf Bestellung und nicht auf Lager zu produzieren. Das stellt ein kleines Label zugleich vor Herausforderungen: Der Bezug der Seide erfolgt auf dem Seeweg über ein Container-Sharing. Der Container geht auf Reisen, wenn er voll ist. Optimal dauert es von der Bestellung bis zur Auslieferung sechs Wochen, sagt Suhr. Und Nachhaltigkeit heiße zudem, dass ein Kleidungsstück länger als eine Saison getragen werden kann. Beim Kauf eines Seidenhemds für 130 Euro rechnet sich damit die Anschaffung besser. Der Vertrieb der Seide-Designs erfolgt über in Deutschland verteilte Boutiquen. In diesem Jahr soll zudem ein Online-Shop eröffnen.

Es sind die vielen kleinen Ideen rund um eine nachhaltige Produktion, die im Gespräch mit den Ausstellern auffallen. So bei der österreichischen Schuhmarke Think!, die Franco Di Carlo auf der Berliner Modemesse vertritt. Vor 25 Jahren positionierte sich das Unternehmen als ökologischer Schuhanbieter mit rein europäische Produktion. Die Fertigung erfolgt vorwiegend in Italien und teilweise in Ungarn, alle Zutaten stammen aus Europa. Im Innenbereich bestehen die Think!-Schuhe aus pflanzlich gegerbtem Leder. Bei der Produktion anfallende Verschnittreste werden gesammelt, geschreddert und in den Fersenkappen verarbeitet. Bei Metallelementen – etwa Schnallen – wird auf Nickel-freies Material geachtet. Und bei den Schuhsohlen findet ein in der Erde kompostierbarer Naturkunststoff Anwendung. Nachhaltigkeit hat auch bei Think! ihren Preis. „Der Verbraucher muss das honorieren“, sagt Di Carlo. Fashion sei nur in zwei Marktsegmenten aussichtsreich: Entweder billig als Massenware – oder exklusiv. Im Vertrieb geht Think! dabei Wege, die andere nachhaltige Hersteller ablehnen, und kooperiert mit dem Online-Versandhändler Zalando.

Ein Trend auf dem Markt für nachhaltige Kleidung ist das Upcycling. Dabei entstehen aus alten – gebrauchten oder liegengebliebenen – Textilien neue Kreationen. Ein Anbieter ist die finnische Marke Globe Hope, die aus Lederjacken oder Militär-Wäschesäcken modische Handtaschen fertigt. Eine Besonderheit: Auf dem Etikett kann der Kunde die Geschichte des Produktes nachlesen. Wie Upcycling funktionieren kann, dazu experimentiert die Internationale Berliner Kunsthochschule für Mode Esmod mit den Studierenden ihres Masterprogramms „Sustainability in Fashion“. Seit vier Jahren besteht dazu eine Kooperation mit dem nachhaltigen Modeanbieter Hess Natur, seit zwei Jahren eine weitere mit Esprit. Die indonesische Textildesignerin Natassa Ferisa Nabila studiert in dem Masterprogramm. „Ich will Nachhaltigkeit in mein Land bringen“, sagt sie, solche Themen seien dort noch wenig bekannt.

Dass nachhaltige Mode in Deutschland an Bekanntheit und Einfluss gewinnt, darauf setzt die Messe Frankfurt als Organisator von Ethical Fashion Show und Greenshowroom. Zunehmend würden konventionelle Einkäufer und Vertreter von großen Unternehmen wie Yoox, P&C, Zalando und Otto auf dieser Messe Order-Gespräche führen, heißt es im Abschluss-Statement. Was daraus geworden ist, sollte dann bald abseits spezialisierter Boutiquen und nachhaltiger Versandhäuser in den Shops zu sehen sein.

Foto: Design von Silke Handley auf dem Laufsteg im Greenfashionroom (Sarah Dulay Photography/Silke Handley)

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