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Wie krank macht die Arbeit?

Fast jeder sechste Krankschreibungstag in Deutschland und jede zweite Frühverrentung hat psychische Ursachen. In zwei heute veröffentlichten Studien werden die psychischen Belastungen des Arbeitslebens thematisiert. Doch es ist nicht nur der Beruf, der krank macht. Dennoch greift der DGB das Thema auf und fordert bessere Arbeitsbedingungen.

Hamburg/Berlin (csr-news) > Fast jeder sechste Krankschreibungstag in Deutschland und jede zweite Frühverrentung hat psychische Ursachen. In zwei heute veröffentlichten Studien werden die psychischen Belastungen des Arbeitslebens thematisiert. Doch es ist nicht nur der Beruf, der krank macht. Dennoch greift der DGB das Thema auf und fordert bessere Arbeitsbedingungen.

Gemessen an den über 40 Millionen Erwerbstätigen insgesamt, sind 75.000 Erkrankte kein Massenphänomen. Genau soviel Versicherte bezogen 2012 erstmals eine Rente wegen Erwerbsminderung aufgrund psychischer Erkrankungen. Fast 25.000 mehr als zehn Jahre zuvor und immerhin sind psychische Erkrankungen seit einiger Zeit die Hauptursache für gesundheitsbedingte Frührenten, vor allem Depressionen, die seit 2001 um mehr als 96 Prozent zugenommen haben. Eine der erstaunlichsten Zahlen dieser aktuellen Untersuchung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ist das Alter der Erkrankten. Mit durchschnittlich 49 Jahren gehen die Versicherten in Rente wegen Erwerbsminderung mit entsprechenden Auswirkungen auf die Höhe der Rente. Eine Erwerbsminderungsrente beträgt durchschnittlich rund 600 Euro. „Psychische Erkrankungen führen viel zu oft zu Erwerbsunfähigkeit und Armut“, kritisiert denn auch Prof. Rainer Richter, Präsident der BPtK. Dabei könnten psychisch bedingte Frührenten viel häufiger vermieden werden, so der Mediziner, aber „Es mangelt an Behandlungsplätzen für psychisch kranke Menschen, aber auch an ausreichenden und für sie maßgeschneiderten Rehabilitationsleistungen“.

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Erst arbeitsunfähig …
Psychische Erkrankungen sind immer häufiger die Ursache für Krankschreibungen von Arbeitnehmern. Auch 2012 stiegen sowohl der Anteil der Krankschreibungen (AU-Fälle) als auch der Anteil der betrieblichen Fehltage (AU-Tage), der psychisch bedingt ist. Der Anteil der AU-Tage hat sich von 2000 bis 2012 fast verdoppelt (plus 96 Prozent). Inzwischen gehen knapp 14 Prozent aller betrieblichen Fehltage auf psychische Erkrankungen zurück. Diese Zunahme ist vor allem auf die immer längere Dauer der Krankschreibungen zurückzuführen. 2012 fehlte ein psychisch erkrankter Arbeitnehmer durchschnittlich 34 Tage. Insgesamt fehlten 2012 Arbeitnehmer über 80 Millionen Tage in ihren Betrieben. Psychische Erkrankungen sind damit der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit nach Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Zahlen wie sie Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem aktuellen Gesundheitsreport bestätigt. Demnach sind Erwerbspersonen zwischen 15 und 65 Jahren durchschnittlich knapp zweieinhalb Tage im Jahr zum Beispiel aufgrund einer Depression, einer Belastungs- oder Angststörung krankgeschrieben. Allerdings ist nicht immer der Job die Ursache. Bei fast jedem zweiten Erwachsenen ist zwar der Job Stressfaktor Nummer eins (Frauen 43 Prozent, Männer 52 Prozent), direkt danach folgen aber bei vier von zehn Befragten die hohen Ansprüche an sich selbst (Frauen 48 Prozent, Männer 35 Prozent) und jeden Dritten belasten private Konflikte (Frauen 36 Prozent, Männer 33 Prozent). Auf den weiteren Plätzen folgen Krankheit einer nahestehenden Person, finanzielle Sorgen, Haushalt, Kindererziehung, Autofahren, öffentliche Verkehrsmittel sowie die Pflege von Angehörigen. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK: „Es zeigt sich immer deutlicher, dass Arbeit nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belasten kann. Belastung ist aber immer ein Zusammenspiel mehrerer Einflussfaktoren. Zudem fehlt vielen Beschäftigten der Ausgleich im Privaten. Statt Stress gesetzlich vermeiden zu wollen, ist es deshalb wichtiger, Rahmenbedingungen für eine flexible Arbeitsorganisation schaffen, die den Bedürfnissen der Beschäftigten gerecht werden“. So sieht das auch der Bundesverband der Arbeitgeberverbände (BDA) und kritisiert gleichzeitig den DGB. Denn der DGB fordert deshalb der Bundesregierung, gesetzlich gegen zunehmenden Stress am Arbeitsplatz vorzugehen. „Wir brauchen eine Anti-Stress-Politik, damit Arbeit nicht länger krank macht“, so DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Nach Ansicht der Arbeitgeber macht es sich der DGB da zu einfach, wenn er einseitig Arbeit für psychische Erkrankungen verantwortlich macht. Richtig ist vielmehr, dass Arbeit grundsätzlich einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und die persönliche Entwicklung des Einzelnen hat, so der BDA und verweist auf eine, gemeinsam mit dem DGB verfasste Erklärung aus dem vergangenen Jahr, zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt. „Natürlich kann auch die Berufstätigkeit eine Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen spielen, sie ist aber nachweislich nie alleinige Ursache. Die Arbeitgeber haben ein ureigenes Interesse, die psychische Gesundheit ihrer Arbeitnehmer zu erhalten und möglichst zu stärken. Wer psychisch krank ist, ist auch nicht voll leistungsfähig“, heißt es in einer Erklärung des BDA. „Die Arbeitgeber nehmen das Thema ernst und engagieren sich, um Arbeit so zu gestalten, dass Gefährdungen der psychischen Gesundheit möglichst vermieden werden. Nach der sehr umfassenden Erwerbstätigenbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist in den letzten Jahren auch keine Zunahme von psychisch belastenden Arbeitsbedingungen festzustellen“. Dem widerspricht Buntenbach: „Die meisten Arbeitgeber setzen sich mit dem Problem Psychostress bei der Arbeit offenbar noch immer nicht genug auseinander. 70 Prozent der Unternehmen setzen die nach dem Arbeitsschutzgesetz verpflichtende Gefährdungsbeurteilung im Hinblick auf psychische Belastungen nicht richtig um. Die Beschäftigten sind nicht etwa plötzlich Weicheier geworden, sondern leiden nachweisbar unter einem steigenden Druck bei der Arbeit. Fast zwei Drittel der Beschäftigten müssen immer mehr in der gleichen Zeit leisten, mehr als die Hälfte arbeitet gehetzt und mehr als ein Viertel muss permanent erreichbar sein“.

dann erwerbsunfähig …
Tatsächlich führen psychische Erkrankungen immer öfter zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. „Dass psychische Erkrankungen so häufig und so früh zu Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit führen, liegt auch daran, dass psychisch kranke Menschen nicht oder nicht rechtzeitig behandelt werden“, stellt BPtK-Präsident Richter fest. Psychisch kranke Menschen warten in Deutschland rund drei Monate auf einen ersten Termin in einer psychotherapeutischen Praxis. Viele geben bei der Suche nach einem Behandlungsplatz auf und bleiben unbehandelt. In Deutschland erhält überhaupt nur jeder dritte psychisch Kranke eine Behandlung. „Für diesen Missstand findet das deutsche Gesundheitssystem seit Jahren keine angemessene Lösung“, kritisiert Richter. „Wir brauchen dringend einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung.“ „Insbesondere Menschen mit psychischen Erkrankungen erhalten zu selten oder nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Rehabilitationsleistungen, die ihnen die Rückkehr ins Arbeitsleben ermöglichen könnten“, so der BPtK-Präsident. Jeder zweite psychisch kranke Frührentner erhielt in den fünf Jahren vor dem Rentenbescheid keine Reha-Leistung. Und weniger als zehn Prozent der psychisch kranken Frührentner wurden eine medizinische oder berufliche Rehabilitation empfohlen. Die Zahl der Reha-Maßnahmen ist nicht im gleichen Maß gestiegen wie die Zahl der Erwerbsminderungsrenten wegen psychischer Erkrankungen. Im Jahr 2011 waren psychische Erkrankungen für rund 40 Prozent der neuen Frührenten verantwortlich. Aber nur 20 Prozent der Reha-Leistungen wurden für Menschen mit psychischen Erkrankungen eingesetzt.

Ein Leben in Armut
Menschen, die lange psychisch erkranken und deshalb arbeits- oder erwerbsunfähig werden, haben ein hohes Risiko, ein Leben in Armut zu führen. Die Erwerbsminderungsrenten sind seit 2000 stark gefallen. Ihre Höhe betrug 2012 durchschnittlich rund 600 Euro pro Monat. Mehr als ein Viertel der erwerbsunfähigen Rentner lebt in Einkommensarmut. Auch Langzeitarbeitslose sind überdurchschnittlich häufig psychisch krank und von Armut bedroht. 37 Prozent der Hartz-IV-Empfänger (Arbeitslosengeld II) sind psychisch krank. Zum Vergleich: Bei den Berufstätigen sind nur 22 Prozent und bei den Empfängern von Arbeitslosengeld I 28 Prozent psychisch krank. Das heißt: Rund 1,6 Millionen Hartz-IV-Empfänger sind psychisch krank. Der Regelsatz für einen Erwachsenen beträgt 391 Euro im Monat.