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Naturkapital wird beim Klimaschutz unterschätzt

Welchen Beitrag leistet die Natur für Klimaschutz und Klimaanpassung? Setzt die deutsche Klimapolitik an den richtigen Hebeln an? Diese Fragen versucht das Forschungsprojekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ in einer Studie zu beantworten. Die ersten Ergebnisse wurden heute auf der Jahrestagung des Climate Service Centers in Potsdam vorgestellt.

Potsdam/Leipzig (csr-news) > Welchen Beitrag leistet die Natur für Klimaschutz und Klimaanpassung? Setzt die deutsche Klimapolitik an den richtigen Hebeln an? Diese Fragen versucht das Forschungsprojekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“ in einer Studie zu beantworten. Die ersten Ergebnisse wurden heute auf der Jahrestagung des Climate Service Centers in Potsdam vorgestellt.

„Wir können volkswirtschaftlich viel Geld sparen, wenn wir das Naturkapital stärker in die Klimapolitik einbeziehen“, betont der Leiter der deutschen TEEB-Studie, Prof. Dr. Bernd Hansjürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). So wäre z.B. die Wiedervernässung landwirtschaftlich genutzter Moorböden eine besonders kostengünstige Klimaschutzmaßnahme. Naturkapital Deutschland ist die deutsche Nachfolgestudie der internationalen TEEB-Studie (The Economics of Ecosystems and Biodiversity), die den Zusammenhang zwischen den Leistungen der Natur, der Wertschöpfung der Wirtschaft und dem menschlichen Wohlergehen zum Thema hat. Naturkapital Deutschland will durch eine ökonomische Perspektive die Potenziale und Leistungen der Natur konkreter erfassbar und sichtbarer machen. „Wenn wir zum Beispiel 300.000 ha Moorböden in Deutschland wiedervernässen würden, ließen sich volkswirtschaftliche Schäden von 217 Mio. Euro pro Jahr vermeiden“, so Hansjürgens. Wiedervernässte Moorböden bilden Lebensräume für stark gefährdete, natürliche Lebensgemeinschaften, können aber auch mit angepassten land- und forstwirtschaftlichen Techniken klimafreundlich genutzt werden. Es geht also darum, eine Klimapolitik mit Hilfe der Ökosysteme zu betreiben und nicht gegen sie. Eines der größten Probleme dabei ist ihre Wahrnehmung. Zwar werden die Ökosystemleistungen zwar als knappes Gut anerkannt, dennoch können sie meist kostenlos genutzt werden und entziehen sich somit quasi einer ökonomischen Betrachtung und fließen selten in ökonomische Entscheidungsprozesse ein. Prof. Volkmar Hartje, Leiter des Klimaberichts an der Technischen Universität Berlin, weist darauf hin, dass „die derzeitige Klimaschutz- und Energiepolitik in Deutschland die Synergien zwischen dem Klimaschutz und der Erhaltung biologischer Vielfalt nicht im Blick hat. Stattdessen wirkt sie sich mitunter negativ auf die Natur- und Ökosystemleistungen aus – und übersieht die vielen Potenziale naturnaher Lösungen. Das Gleiche gilt für die Klimaanpassung: Unsere Berechnungen für ein Auen-Renaturierungsprogramm an der Elbe konnten beispielsweise einen volkswirtschaftlichen Nutzen von 1,2 Mrd. Euro und ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 3:1 zeigen.“ Neben der Moorerhaltung und der Wiedervernässung von Moorböden oder dem Auenschutz nennt der Bericht viele weitere Beispiele und Handlungsalternativen für eine ökosystembasierte Klimapolitik. „Das macht den Bericht zu einem wichtigen Impulsgeber der zukünftigen Klimapolitik in Deutschland“, ist sich Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sicher. „Wenn wir es mit unseren Klimazielen ernst meinen, dann müssen wir vor allem die Nutzung kohlenstoffreicher Böden überdenken und dabei auch die durch das EEG ausgelösten Anreize in den Blick nehmen. Durch die Einrichtung eines speziellen Klimafonds könnten zudem innovative Lösungen vorangebracht werden, damit wir das tun, was wirklich nötig ist: Kostengünstig Klimaschutz und Klimaanpassung betreiben und vorhandene Synergien mit der Erhaltung der biologischen Vielfalt nutzen“, so Bernd Hansjürgens abschließend.

 

Kernbotschaften des Berichts:

  • Natur und biologische Vielfalt bilden die Grundlage menschlichen Lebens und versorgen Wirtschaft und Gesellschaft mit einer Vielzahl von Ökosystemleistungen. Viele dieser Leistungen sind auch von hoher Bedeutung für die Reduzierung von Treibhausgasen und die Anpassung an den Klimawandel. Dieser Zusammenhang steht im Vordergrund dieses Berichtes. Natur und biologische Vielfalt sind darüber hinaus ein Wert für sich, der auch in politischen Zielsetzungen und rechtlichen Anforderungen zum Ausdruck kommt.
  • Einzelne Instrumente der Klimaschutz- und Energiepolitik können negative Auswirkungen auf Natur und Ökosystemleistungen haben, z. B. durch die Förderung des Anbaus von Energiepflanzen, oder auch ungünstige Standortwahl von Wind- und Wasserkraftanlagen und Trassen für Stromleitungen. Der Anbau von Energiepflanzen verstärkt den bestehenden Trend zur Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung, zum Umbruch von Grünland in Ackerland und zur Entwässerung von Moorböden. Dies trägt zu einem vermehrten Ausstoß von Treibhausgasen, einer Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt und dem Verlust zahlreicher Ökosystemleistungen bei.
  • Durch die Identifizierung, Erfassung und ökonomische Bewertung klimarelevanter (und anderer) Leistungen der Natur können Synergien, aber auch mögliche Konflikte zwischen Klimapolitik und Naturschutz besser analysiert werden. Ökosystembasierte Ansätze nutzen die Leistungen der Natur für Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel. Sie eröffnen Möglichkeiten für eine Klimapolitik, die den Ausstoß von Treibhausgasen mindert, die Anpassungsfähigkeit der Landnutzungssysteme an den Klimawandel stärkt und gleichzeitig die biologische Vielfalt und die Ökosystemleistungen der Naturräume erhält und fördert. Dadurch kann die Anpassungsfähigkeit unserer Ökosysteme an den Klimawandel bedeutend gestärkt werden.
  • In der Landwirtschaft bestehen kostengünstige Optionen zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen, z. B. durch eine Steigerung der Effizienz beim Düngemitteleinsatz, die Erhaltung von Dauergrünland sowie Möglichkeiten einer naturschonenderen Produktion von Biomasse. Auch die Verwendung von Landschaftspflegematerialien wie Grün- oder Heckenschnitt für die regenerative Energieerzeugung könnte weiter ausgebaut werden.
  • Eine wichtige und im Vergleich zu anderen CO2-Vermeidungsoptionen vergleichsweise kostengünstige Klimaschutzmaßnahme ist neben der Erhaltung bestehender Moore die Wiedervernässung von landwirtschaftlich genutzten Moorböden. Degradierte kohlenstoffreiche Böden (insbesondere landwirtschaftlich genutzte Moorböden) emittieren ca. 41 Mio. t CO2-Äq. pro Jahr (4,3 % der jährlichen deutschen Brutto-Gesamtemissionen), wobei sie nur rund 8 % der landwirtschaftlichen Flächen ausmachen. Für ein Programm zur Wiedervernässung von 300.000 ha Moorböden in Deutschland wurde kalkuliert, dass sich damit volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von 217 Mio. Euro pro Jahr vermeiden ließen. Wiedervernässte Moorböden bilden Lebensräume für stark gefährdete, natürliche Lebensgemeinschaften, können aber auch im Rahmen sogenannter Paludikulturen naturschonend weitergenutzt werden.
  • Nachhaltige Waldbewirtschaftung kann Holzproduktion, Natur-, Umwelt- und Klimaschutz vereinen. Der Wald in Deutschland ist zurzeit eine CO2-Senke und soll dies laut Waldstrategie 2020 der Bundesregierung auch bleiben. Die Möglichkeiten zur weiteren Erhöhung der positiven Klimaeffekte des Waldes sind allerdings begrenzt und dürfen nicht von der Holzverwendung getrennt betrachtet werden. Durch eine Intensivierung der Holznutzung kann zwar die Substitution energieintensiver Materialien (z. B. im Bausektor) und anderer Energieträger ausgeweitet sowie die Speicherung von CO2 im sogenannten Holzproduktespeicher (langlebige Holzprodukte) temporär erhöht werden, gleichzeitig sinkt jedoch der Anteil des in der Waldbiomasse gespeicherten Kohlenstoffs. Eine geringere Nutzungsintensität würde dagegen den Waldspeicher erhöhen, aber Substitutionseffekte und Produktespeicher mindern. Nicht nur aus diesem Grunde sollte bei einer politischen Diskussion um die Waldbewirtschaftung nicht einseitig auf Verminderung von Treibhausgasen fokussiert werden, sondern umfassend das gesamte Ökosystem mit seinen vielfältigen Ökosystemleistungen einschließlich der Leistungen des Waldes zur Anpassung an den Klimawandel betrachtet werden.
  • Der Schutz und die Wiederherstellung naturnaher Auen sind ein Beispiel für potentielle Synergien zwischen der Erhaltung biologischer Vielfalt und dem Klimaschutz, z. B. durch Wiedervernässung kohlenstoffreicher Auenböden. Zudem leisten Auen Beiträge zur Anpassung an den Klimawandel durch Kappung von Hochwasserspitzen und Verminderung von Hochwasserschäden. Weitere Ökosystemleistungen sind die Reduzierung von Nährstoffbelastungen und die Verbesserung der Lebensraumfunktion für wildlebende Arten. Berechnungen für ein Auen-Renaturierungsprogramm an der Elbe zeigen unter Berücksichtigung der genannten Wirkungen einen jährlichen volkswirtschaftlichen Nutzen von 1,2 Mrd. Euro und ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 3:1.
  • Eine ökonomische Analyse von Kosten und Leistungen kann auch im Bereich der Anpassung an den Klimawandel in Küstenregionen an einzelnen ausgewählten Standorten an der Ostsee kostengünstige und naturnähere Lösungen aufzeigen. Durch eine Ausdeichung von Flächen können in Einzelfällen Kosten für Deicherhöhung, Deichunterhaltung und wasserwirtschaftliches Management vermindert werden.
  • Der ökonomische Wert der Leistungen der Natur einerseits und die Folgekosten der Belastung und Zerstörung von Ökosystemen andererseits werden in Politik und Wirtschaft noch unzureichend berücksichtigt. Wissenslücken und Strukturen, die eine stärkere Nutzung multifunktionaler ökosystembasierter Lösungen behindern, müssen erkannt und das umweltpolitische Instrumentarium entsprechend ergänzt werden. Ein entscheidender erster Fortschritt in diesem Sinne wäre die Einrichtung eines übergreifenden Fonds zur Finanzierung ökosystembasierter Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen, an dem sich z. B. auch private Akteure – etwa im Rahmen des privaten Handels mit Kohlenstoffzertifikaten – beteiligen könnten.
  • Internationale Verantwortung – nur der Blick auf Deutschland reicht nicht. Die weltweite Vernetzung der Handelsströme für Energierohstoffe, Agrar- und Holzprodukte hat Auswirkungen auf die Klimaregulation, die Umweltressourcen und die biologische Vielfalt im internationalen Raum. Die deutsche Klimapolitik verstärkt zum Teil politische und ökonomische Triebkräfte für eine erhebliche Beeinträchtigung von biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen auf globaler Ebene. Die Politik muss Instrumente weiterentwickeln, mit denen solche Wirkungen erfasst und im politischen Handeln berücksichtigt und begrenzt werden können.

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