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Ein neues Industriemodell verspricht mehr Nachhaltigkeit

„Was wäre, wenn die Industrie radikal nachhaltig wäre?“ Dieser Frage versucht eine Modellstudie der britischen Beratungsgesellschaft Lavery/Pennell, auf den Grund zu gehen. Die Antwort verspricht nicht weniger als ein neues Industriemodell. Entwickelt wurde es am Beispiel des international tätigen Bodenbelagherstellers Interface. Deren Ziel ist es, das erste vollkommen nachhaltige Unternehmen zu werden.

Berlin (csr-news) > „Was wäre, wenn die Industrie radikal nachhaltig wäre?“ Dieser Frage versucht eine Modellstudie der britischen Beratungsgesellschaft Lavery/Pennell, auf den Grund zu gehen. Die Antwort verspricht nicht weniger als ein neues Industriemodell. Entwickelt wurde es am Beispiel des international tätigen Bodenbelagherstellers Interface. Deren Ziel ist es, das erste vollkommen nachhaltige Unternehmen zu werden.

„Die Definition von „Nachhaltigkeit“, die dieser Studie zugrunde liegt, ist weit mehr als Marketing-Sprache: Sie zielt auf die strategische Ausrichtung des Unternehmens ab. Erneuerbare Energien und Energie- und Materialeffizienz zahlen sich auf vielfältige Art und Weise aus, wenn im Sinne einer ganzheitlichen Strategie gehandelt wird. Auch dies berücksichtigt das neue Industriemodell, in dem es Dank seines ganzheitlichen Ansatzes in Kreisläufen denkt“, schreibt Kristina Kara, Vorstandsmitglied der Umweltinitiative B.A.U.M., im Vorwort zur Studie. Welche Veränderungen dafür notwendig sind, soll das vorgestellte dreistufige Industriemodell aufzeigen. Das bedeutet zunächst eine Verbesserung der personalunabhängigen Ressourceneffizienz mit dem Ziel, Kosten und Umweltbelastungen zu reduzieren sowie die teilweise Reinvestition dieser Einsparungen in eine nachhaltigere Ressourcennutzung. So sollen Lieferrisiken verringert werden, Preisschwankungen für Rohstoffe abgesichert sein, neue Arbeitsplätze sollen entstehen und die Umweltbelastung wird minimiert. Am Ende soll die Entwicklung innovativer und neuer Produkte stehen sowie der Ausbau von Marktanteilen durch die Nutzung von Wettbewerbsvorteilen, die sich aus den ersten zwei Stufen ergeben. Wenn nur die 20 größten europäischen Fertigungsunternehmen das neue Industriemodell für ihren globalen Betrieb nutzen würden, ließen sich bereits beachtliche Fortschritte erzielen, so die Autoren zu den Potenzialen des Modells. Beispielsweise würden sich bei konsequenter Anwendung die jährlichen Gewinne um 100 Milliarden Euro verbessern, angewendet auf die 20 Unternehmen ließen sich davon bereits 9 Prozent realisieren. Dafür müssten insgesamt 66 Milliarden Euro in die Verbesserung der Material- und Energieeffizienz, sowie in erneuerbare Energien investiert werden. Damit könnten die jährlichen Treibhausgasemissionen um 1.200 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduziert werden, während gleichzeitig fast 170.000 neue Arbeitsplätze entstehen würden. Voraussetzung dafür sei ein Umdenken in den Führungsebenen der Unternehmen.

So weit, so theoretisch. Doch was bedeutet das nun für ein Unternehmen wie Interface. Als einer der weltweit größten Hersteller von Bodenbelägen unterhält Interface zahlreiche Produktionsstandorte in ganz Europa. 1973 wurde das Unternehmen gegründet, 1994 begann man dort mit dem Umbau auf das neue Industriemodell. So wurde in einem ersten Schritt, im Rahmen einer Lebenszyklusanalyse festgestellt, dass Polyamid, das als Garn bei der Produktion von Teppichfliesen verwendet wird, den größten Kosten- und Umweltfaktor im Unternehmen darstellt. Um diese Auswirkungen zu reduzieren, wurden neue, strapazierfähige Teppichfliesen entwickelt, die mit 50 Prozent weniger Garneinsatz produziert werden können. Diese Erkenntnisse wurden anschließend auf die gesamte Kollektion ausgeweitet und dadurch auch das Abfallaufkommen reduziert. Durch diese Maßnahmen konnte der Garngehalt pro Quadratmeter im Vergleich zu 1996 um 12 Prozent reduziert werden. So wurden 5,8 Millionen Euro eingespart und die Treibhausgasemissionen im Produktlebenszyklus bis 2012 um 11.400 Tonnen CO2-Äquivalente verringert – obwohl der Investitionsaufwand kaum größer war als sonst. Zudem wurde die Abhängigkeit von den stark schwankenden Rohstoffpreisen deutlich reduziert.

Im nächsten Schritt ging es um die Nutzung nachhaltiger Ressourcen. 43 Prozent der Rohmaterialien für die Herstellung neuer Produkte bei Interface sind natürlichen Ursprungs oder werden durch Recycling gewonnen. Beim Garnmix wurden 2012 im Vergleich zum Jahr 1996 Kosteneinsparungen in Höhe von 1,1 Millionen Euro erzielt. Diese Einsparungen wurden in die Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen investiert. Am niederländischen Standort Scherpenzeel zum Beispiel werden für das gesamte verwendete Erdgas Zertifikate gekauft. Diese Zertifikate für umweltfreundliches Gas stammen von einer Biogasanlage, in der Fisch- und andere Lebensmittelabfälle verarbeitet werden. Dadurch stiegen zwar die Energiekosten bei Interface um 108.000 Euro im Jahr, durch den Einsatz von Biogas und Ökostrom konnte jedoch der energiebezogene Ausstoß von Treibhausgasen um 7.000 Tonnen CO2-Äquivalente im Vergleich zu 1996 reduziert werden. In der Summe konnte Interface bislang 7,6 Millionen Euro Kosteneinsparungen erzielen und dabei gleichzeitig etwa 13.800 Tonnen weniger CO2 emittieren.

Die vollständige Studie mit weiteren Details des Modells steht auf der Website von Interface zum Download bereit.

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