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Hohe Erwartungen und offene Fragen: Offizieller Launch der GRI G4-Leitlinien in Deutschland

Ist ein Unternehmen wirklich nachhaltig, wenn es nach den neuen G4-Leitlinien der Global Reporting-Initiative (GRI) berichtet? Nur eine der Fragen aus dem Plenum beim offiziellen G4-Launch in Deutschland, aber eine, die die Erwartungen aufzeigt. Mehr als 200 Gäste aus Unternehmen, Agenturen und Wissenschaft sind der Einladung gefolgt und haben sich am Mittwoch über den neuen Standard in der Nachhaltigkeits-Berichterstattung informiert.

Berlin (csr-news) – Ist ein Unternehmen wirklich nachhaltig, wenn es nach den neuen G4-Leitlinien der Global Reporting-Initiative (GRI) berichtet? Nur eine der Fragen aus dem Plenum beim offiziellen G4-Launch in Deutschland, aber eine, die Erwartungen aufzeigt. Mehr als 200 Gäste aus Unternehmen, Agenturen und Wissenschaft sind der Einladung gefolgt, haben sich am Mittwoch über den neuen Standard in der Nachhaltigkeits-Berichterstattung informiert und ihre ersten Erfahrungen damit diskutiert.

Kein Unternehmen 100 Prozent positiv

Die Bundesregierung fördert die CSR-Berichterstattung von Unternehmen, so der beamtete Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Thorben Albrecht. Ein Grund: „Ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement setzt voraus, dass man die gesellschaftlichen Folgen seines Handelns kennt“, so Albrecht. Verantwortungsvolle Unternehmen sollten in ihrer Vorbildrolle gestärkt werden. Allerdings sagte der Staatssekretär auch, dass „kein Unternehmen nur 100 Prozent positive oder negative Auswirkungen auf die Gesellschaft hat“. Bei der politischen Rahmensetzung trete die Bundesregierung für Regelungen ein, „die Nachhaltigkeitsberichterstattung stärken und Unternehmen nicht überfordern.“

G4 ist ein Kompromiss

Ein Teil der Unternehmen, wenn auch ein geringer, hat bereits seine Erfahrungen mit G4 gemacht. Unter den im Plenum befindlichen Teilnehmern aus Unternehmen war es ungefähr ein halbes Dutzend. G4 soll das Berichtswesen zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen vereinfachen. Aber der Weg dahin ist zunächst eine Herausforderung, räumte Bastian Buck, Direktor Reporting Standards bei der GRI, ein. Und natürlich gibt es noch Anpassungsbedarf, denn die GRI ist eine Multistakeholder-Initiative, wie Buck betont. „G4 basiert also auf einem Konsens und ist daher zwangsläufig auch ein Kompromiss“.

Das sieht Thorsten Pinkepank, CSR-Direktor beim Chemiekonzern BASF, genauso. Sein Unternehmen war maßgeblich an der Weiterentwicklung der GRI-Richtlinien beteiligt. Allerdings könne man mit G4 gut weiterarbeiten. Pinkepank: „Reporting und Transparenz dürfen kein Selbstzweck werden, es muss der Nutzen im Vordergrund stehen“. Das Prinzip der Materialität, eine der wesentlichen Forderungen von G4, mehr Nutzen für Stakeholder und mehr Effizienz für Unternehmen schaffen, so Pinkepank. Seine Erwartung an die GRI und andere Standard-Setter: die „die Harmonisierung der vielfältigen, teilweise widersprüchlichen Standards“. Unternehmen haben dabei insbesondere den IIRC-Standard für die Integrierte Berichterstattung sowie den amerikanischen sasb-Standard im Blick.

Neue Komplexität und Tücken

Noch wird der Umstellungsprozess von vielen Fragen begleitet und zahlreiche Unternehmen berichten weiterhin nach GRI 3. „Für uns kamen die neuen Richtlinien schlicht zu spät“, sagte etwa Tanja Castor, ‎Deputy Head Corporate Sustainability Relations bei BASF. Dennoch beschäftigte man sich im Unternehmen bereits mit den neuen Richtlinien, man sei quasi auf dem Weg. Als durchaus herausfordernd bezeichnete Castor die neuen GRI-Richtlinien. „Was auf den ersten Blick nach Vereinfachung aussieht, zeigte seine Tücken bei genauerem Hinsehen“.

Beim Softwareanbieter SAP wird der neue Nachhaltigkeitsbericht im März – nach G4 und als integrierter Bericht veröffentlicht. Die SAP hat allerdings Vorteile, erläuterte Stephanie Raabe, Sustainability Operations bei SAP, denn die umfangreiche Lieferkette fällt weg. Aber genau die macht einen Teil der neuen Komplexität aus, vor allem für weltweit operierende Unternehmen des produzierenden Gewerbes. Nach G4 muss entlang der gesamten Wertschöpfungskette berichtet werden. Die Berichtspflicht endet also nicht an den eigenen Werkstoren. Tatsächlich hat die Umstellung auch bei SAP viel mehr Zeit und Energie erfordert, wie Raabe einräumt, allerdings ist der Aufwand im ersten Jahr vermutlich am höchsten. Die erforderlichen Ressourcen sind zumindest für Industrieunternehmen beträchtlich. „Bei BASF sind rund 110 Mitarbeiter direkt mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung befasst“, so Pinkepank.

Herausforderung Stakeholderdialog

Noch ein weiterer Konzern befasst sich aktuell mit den neuen GRI-Richtlinien: Daimler hat angekündigt, seinen neuen Nachhaltigkeitsbericht auf der Hauptversammlung am 9. April zu veröffentlichen, und zwar nach G4. Eine der großen Herausforderungen, um dem Anspruch der Wesentlichkeit weiterhin gerecht zu werden, war der Stakeholderdialog. In den vergangenen Jahren hat Daimler hier vor allem auf internationale Stakeholder-Veranstaltungen gesetzt. Für den neuen Report wurde erstmals eine offene Stakeholderbefragung durchgeführt. Vier Wochen waren die Fragen offen. In dieser Zeit haben sich 800 Personen daran beteiligt. Zufrieden schien man damit nicht zu sein, auch wenn solche Befragungen oftmals eine deutlich geringere Resonanz haben. Josef Ernst, bei Daimler für den CSR-Report verantwortlich: „Wir haben alleine mehr als 270.000 Mitarbeiter. Da sind 800 Antworten nicht wirklich viel“.

So waren die Meinungen auf dem Podium mehr oder weniger einheitlich: G4 ist eine Herausforderung. Tanja Castor sprach gar von einem Paradigmenwechsel. „Das ist mehr als ein bisschen nachjustieren“. Erweitert G4 das Gesichtsfeld der Unternehmen? Dazu Raabe: „Bei der SAP hat die Materialitätsanalyse nach G4 am Ende zu keinen anderen Ergebnissen geführt“. Und Jan Köpper von imug befürchtet, das auch G4 nicht die Wirklichkeit abbildet. Ob es tatsächlich Reduzierungen auf wenige, dafür aber relevante Themen geben wird, bleibt abzuwarten. In den großen Unternehmen scheint die Vollständigkeit eine höhere Bedeutung zu haben, man will schlicht keine Stakeholdergruppe verprellen.

Dennoch sind die Erwartungen an G4 hoch. Ob sie erfüllt werden können, wird die nächste Berichtssaison zeigen. Warum überhaupt G4? „Es ging darum, neue Themen zu integrieren, die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben, beispielsweise das Thema Menschenrechte“, so Bastian Buck. Außerdem gewinnt die integrierte Berichterstattung zunehmend an Aufmerksamkeit.

300 Nachfragen pro Woche

Zu den wichtigen Aspekten der G4-Richtlinie gehört das Prinzip „comply or explain“. Abweichungen oder Auslassungen von geforderten KPIs müssen also erklärt werden. Dafür kann es schließlich gute Gründe geben, erläutert Buck. Etwa das ein Indikator nicht angewendet werden kann, das Vertraulichkeit dagegen spricht, oder ein spezifisches gesetzliches Verbot. Und manchmal auch, dass die Informationen schlicht nicht verfügbar sind. „Alles gute Gründe, die eine Auslassung erklären können“, so Buck. „Vor allem die Verfügbarkeit kann in der Übergangszeit ein wichtiger Auslassungsgrund sein. Dann muss ein Unternehmen allerdings erläutern, wie es die erforderlichen Informationen in Zukunft beschaffen will“. Insgesamt scheint diese Anforderung der G4-Richtlinien zumindest in Deutschland zu den meisten Nachfragen zu führen. „Dazu erhalten wir momentan rund 300 Emails pro Woche“, sagte Buck.

Jetzt haben die Unternehmen noch bis Ende 2015 Zeit, sich auf die neuen Leitlinien einzustellen. „Bis dahin kann noch nach G3 berichtet werden.“ Buckweiter: „Danach wird G3 von der GRI nicht mehr angeboten und unterstützt“. Um den Unternehmen den Weg zu erleichtern, wurden in den vergangenen Monaten einige Broschüren veröffentlicht. Zum einen sind die Leitlinie und ihre Umsetzungsempfehlung inzwischen auf Deutsch verfügbar, zum anderen soll die Informationsschrift G4 für Anfänger den Einstieg erleichtern. Eine Vergleichsübersicht und ständig aktuelle FAQ runden das Informationsangebot ab, sind derzeit allerdings nur auf Englisch erhältlich. Buck machte drauf aufmerksam, dass mit Katja Kriege auch eine deutschsprachige Mitarbeiterin im Supportteam sitzt. Die Gerüchte, es würde schon an G5 gearbeitet, wischte Buck vom Tisch. „Es ist nicht unser Plan, nächstes Jahr G5 zu veröffentlichen“.

Auch ohne die Arbeit an einem weiteren neuen Standard bleibt der GRI genug zu tun: „Wir arbeiten derzeit an einer vereinfachten Form der Leitlinien, um zu zeigen, wie KMU das darstellen können“, sagte Buck. In Angriff genommen werden soll auch die Erstellung eines Dokuments, das eine Verbindung zwischen G4 und dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex schafft.

Ist ein Unternehmen nun nachhaltig, wenn es nach G4 berichtet? Diese Frage aus dem Plenum führte zunächst zu Schweigen auf dem Podium. Dann war man sich allerdings einig, dass dies nicht zwingend der Fall ist. Allerdings setze sich ein umfassend berichtendes Unternehmen mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung aktiv auseinander und sei somit auf dem Weg, ein nachhaltiges Unternehmen zu werden bzw. die Auswirkungen seiner unternehmerischen Tätigkeit zumindest zu minimieren.

Foto: Bastian Buck, Director Reporting Standard, Global Reporting Initiative (GRI)

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